Fresken Fragmente

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Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

Die Serie Fresken Fragmente ist, wie der Titel schon sagt, inspiriert durch historische Kunstwerke, Fresken, die nur in Teilen erhalten geblieben sind.
Könnte man die Bilder auch als Versuch einer Zeitreise in die Vergangenheit betrachten?

Das kann man durchaus, aber mir geht es mehr darum, die Bilder in die Gegenwart zu ziehen, indem ich sie eben abbilde, und darauf reagiere. Es könnte ein Zeitreise in die Vergangenheit ein, ist aber auch ein Herein-, Heranziehen der Bilder in die Gegenwart.

Ah ja. Das wäre bei einer Zeitreise natürlich eigentlich verboten, die Bilder aus der Vergangenheit mitzubringen in die Gegenwart.

Warum das denn?

Weil dann ein Zeitparadoxon entsteht, wenn man die Vergangenheit verändert, und dort die Bilder klaut.

Man ändert dadurch nicht die Vergangenheit, man betrachtet sie.

Hmhm. Ja, die Vergangenheit zu betrachten, ist natürlich auch dem Zeitreisenden erlaubt.
Du betrachtest sie, und bringst sie dann mit in die Gegenwart, und dadurch entsteht dann eine gegenwärtige Version der Bilder.

Ja, der Dialog mit der Vergangenheit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, ist für mich sehr wichtig. Das ist auch eine der Funktionen, die die Kunst hat, Vergangenheit auch in die Gegenwart zu Transportieren. Das macht die Kunst ja auch. Es gibt ja sogar Bilder aus der Zeit der Höhlenmalerei, also uralte Bilder, und in der Gegenwart kann man sie betrachten.

Hmhm. Die könnten für Dich wahrscheinlich auch in Inspiration sein.

Ja, unbedingt. War es auch schon immer.

Spielen für Dich auch philosophische Fragen in der Kunst eine Rolle, z.B. wie sich Teile zum Ganzen zusammenfügen? Oder ob, das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, wie Aristoteles meinte?

Das habe ich jetzt nicht verstanden, aber das Ganze kann man schon als Summe der Teile auffassen, jedenfalls was Bilder, und was Fresken, und solche historischen Malereien betrifft. Es gibt ja auch Höhlenmalereien, die man in der Gegenwart dann betrachten kann. Die also in der Zeit vor der menschlichen Geschichte entstanden sind.

Ja, natürlich, Vorgeschichte, Frühgeschichte, Urgeschichte. Und die Philosophie entstand vielleicht erst später, also da wäre ich mir jetzt nicht so sicher, ob die Philosophie auch schon in der Steinzeit existiert hat.

Ich meine, die Philosophie ist abhängig von Texten, und Texte sind abhängig von Veröffentlichungen. Und Veröffentlichungen sind abhängig von ???, von Druckerei undsoweiter. Und neuerdings eben auch per Internet.
Deshalb gibt es von früher, bevor die Schrift entstanden ist, keine Informationen in Texten.

Stimmt, es gab früh mal handschriftliche Texte, und davor gab es irgendwann auch eine Zeit, die hatte noch keine Schrift.

Ja, eben.

Eventuell hatten sie schon symbolische Bilder.

Ja, die Bilder sind ja als Kommunikationsinstrument auch gern behandelt worden, auch ganz früher. ne. Die Maler haben ja Bilder gemalt, um sie Menschen zu zeigen, nicht als geheimnisvolle persönliche Dinge. Die Höhlenmalerei war ein Stück Kommunikation.

Hmhm. Insofern könnte man sagen, die visuelle Kommunikation beginnt auf jeden Fal mit der Höhlenmalerei?

Ja, das kann man durchaus sagen.

Und die Philosophie, die sich mit dem Ganzen und den Teilen beschäftigt?

Die setzt ja voraus dass es die Schrift gibt. Ohne Schrift keine lesbare Philosophie.

Das könnte wohl sein, ja. Also die Philosophie hatte ja eine Art Blütezeit im alten Griechenland, und da gab es natürlich schon Schrift.

Genau. Ohne die Schrift wäre die griechische Philosophie ja garnicht überliefert.

Hmhm. Würdest Du die Philosophie auch als wichtig für die Kunst betrachten?

Ja, unbedingt. Die Bilder sind immer teilweise auch eine Antwort auf Gedanken. Und Gedanken sind die Welt auch der Philosophie. Die Höhlenmalerei entstand ja zu einer Zeit, als es Schriften noch nicht gab. Und dann wurden sie mit Schriften weiter bearbeitet.

Die Entstehung der Schrift ist auch wieder ein interessantes Thema.

Ja, unbedingt. Ich persönlich bin ja als Künstler, als Maler, der Meinung dass die Bilder der Beginn der menschlichen Existenz sind, und die Schrift sehr viel später kam.

Wobei die mündliche Sprache und die Bilder ungefähr gleichzeitig gekommen sein könnten, wäre vorstellbar.

Vielleicht, ja das wäre vorstellbar, das kann man aber schlecht nachweisen, weil die Schrift eben erst später kommt.

Hmhm. Es gibt manchmal vereinzelte Symbole an Höhlenwänden, die aber noch kein Schriftsystem bilden.

Ja, aber das ist der Versuch, sich überhaupt zu verständigen mit Zeichen, nicht nur mit Bildern.

Das ist wohl wahr, also Versuche von symbolischer Kommunikation gab es anscheinend schon ziemlich lange.
Spielen Für Dich auch psychologische Fragen eine Rolle, zum Beispiel Aufmerksamkeitsdefizitkultur, oder Fragmentierung der Wahrnehmung?

Äh, denke ich, ja, aber da denke ich nicht so viel drüber nach. Ich lebe ja in der Aufmerksamkeit, stelle mir nicht so gerne eine Zeit ohne Aufmerksamkeit vor.

D.h. Du fühlst Dich nicht so sehr betroffen von der Aufmerksamkeitsdefizitkultur?

Hehe, nein, bestimmt nicht.

Das ist schön für Dich.

Ja.

Aufmerksamkeitsdefizitkultur ist auch ein Buchtitel, aber ich habe das Buch nicht gelesen, sonern nur Zitate aus dem Buch im Internet gelesen. und denke das ist auch schon ein Phänomen dr Aufmerksamkeitsdefizitkultur.

Ja, das glaube ich auch, jaja. Wenn man ein Buch darüber schreibt, dann will man die Aufmerksamkeit auch deutlicher betrachten.

Hmh. Und wenn man aber dann keine ganzen Bücher mehr liest, sondern nur Zitate im Internet, kleine Schnipsel von dem Buch…

Du meinst, Du redest jetzt von Dir, ne, Du liest ja keine Bücher, und guckst nur ins Internet.

Ha ha, ganz so ist es zwar nicht, aber in diesem Falle war es auf jeden Fall so.

Ich hab Dich selten erwischt beim Bücher lesen.

Also ich habe schon einige Bücher.

Ja, Du hast sie, aber Du liest sie nicht.

Öh, ich habe auch schon einige Bücher gelesen.

Ja, das glaube ich Dir, es war auch nicht ganz ernst gemeint.

Allerdings kann es vorkommen, dass ich Bücher nicht ganz lese, sondern nur reinlese. Dass ich nur ein paar Zitate im Internet lese, ist eigentlich der schlimmstmögliche Fall, aber ist eigentlich auch schon, habe ich manchmal den Eindruck, typisch für diese angesprochene Aufmerksamkeitsdefizitkultur.

Jaja. Du bist im Grunde Internetleserin, aber nicht Bücherleserin. Ich hab Dir ja schon oft gesagt, Du sollst mehr Bücher lesen.

Hmhm. Es kann sein dass das Internet diese Fragmentierung der Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung fördert, also dadurch dass man da nur kurze Textfragmente liest.

Genau, ein ganzes Buch liest man ja normalerweise nicht im Internet. D.h. man lernt garnicht Bücher lesen, sondern gewöhnt sich das eher ab, im Internet.

Das ist schon richtig. Es gibt auch eBook Reader, da liest man gerne mal eine Leseprobe, auf dem eBook Reader Programm. Und dann denkt man sich, ach ja, jetzt mache ich wieder was anderes. Also insofern würde ich auch schon sagen, dass das Internet eventuell ein bisschen dieses Aufmerksamkeitsdefizit und die Fragmentierung fördert.

Bücher muss man in der Hand haben und real damit umgehen, und nicht nur im Netz.

Hmhm. Wenn man dem Buch wirklich die ganze Aufmerksamkeit widmen will, dann hast Du wahrscheinlich Recht.

Jaja, bestimmt habe ich Recht. Ein Buch ist etwas aus Papier, was man in der Hand hält. Was in der realen Welt existiert, und nicht nur Zauberei im Internet.

Hmhm. Ich habe mich allerdings gefragt, ob diese fragmentierte Internetwelt etwas mit Deiner Bilderserie zu tun hat, weil Du ja Fresken Fragmente dafür ausgewählt hattest.

Ja, aber die Fragmente, die habe ich aus der historischen Überlieferung durch Dokumentationen, und nicht aus dem Internet. D.h das Internet ermöglicht mir dann manchmal auch, natürlich solche Bilder anzugucken. Mich anregen zu lassen. Die gucke ich dann teilweise aus und nehme sie als Skizzen für meine Malerei.

Aber Du versuchst trotzdem, nicht unbedingt Teil der Aufmerksamkeitsdefizitkultur zu sein?

Nein, bestimmt nicht.

Würdest Du es denn auch so sehen, dass durch Computer, soziale Netzwerke und Smartphones die Wahrnehmung der Welt teilweise fragmentiert wird?

Bestimmt. Die Wahrnehmung aus einem Buch, oder eben innerhalb der Malerei, die verbraucht mehr Zeit, und mehr Aufmerksamkeit, als das Computerspiel am Netz.
Da klickt man wieder ganz schnell weiter.

Hmhm, die Gefahr besteht. Um nochmal auf die Psychologie zurückzukommen, von fragmentierter Wahnehmung ist ja auch bei psychischen Störungen die Rede, wie bei Autismus, oder nach traumatischen Ereignissen. Das traumatische Ereignis wird dann möglicherweise nicht mehr komplett erinnert, sondern Fragmente davon tauchen wieder auf. Das gab es auch schonmal im Film, bei Hitchcock, in dem Hitchcock Film Spellbound, in dem die Hauptfigur unter Gedächtnisverlust leidet sich aber an Fragmente erinnert.

Ja, da kann ich mich jetzt nicht dran erinnern, an den Film.

Aha. Vielleicht kannst Du Dich noch an Fragmente des Films erinnern?

Du kannst mir ja ein paar schicken, dann weiß ich bescheid.

Ein paar Screenshots aus dem Film?

Ja. Ich kenne Hitchcock Filme, aber kann mich nicht an alle erinnern.

Diese hast Du auf jeden Fall gesehen, soweit ich weiß, denn den hatten wir bei Dir im Filmseminar auch mal.

Ja, kann wohl sein, hehe. Daran kannst Du Dich noch erinnern? Ist ja laange her.

Naja, ich kann mich vielleicht selbst auch nur noch an Fragmente erinnern.

Ja, sicher. Die Erinnerung ist fragmentarisch.

Ja, das denke ich auch erstmal so. Wobei es vorkommen soll, dass unter Hypnose noch viel mehr der Erinnerung zugänglich wird, als man eigentlich denkt.

Das glaube ich nicht, aber ich weiß es auch nicht.

Ich weiß es auch nicht. Also, in diesem Film geht es unter anderem darum, dass der Patient sich wieder erinnern soll und das dann irgendwann auch tut, nach einer Sitzung bei einem Psychologieprofessor, wenn ich mich recht erinnere.

Ja. hast Du den kürzlich gesehen, oder warum erzählst Du jetzt davon?

Nee, ich erzähle davon, weil es da um die fragmentierte Wahrnehmung geht, und wie durch Fragmente das Ganze wieder hervorgeholt werden kann.

Ah ja. Na gut. Ja, haste noch was? Ich habe jetzt eigentlich genug telefoniert.

Bei den Fresken Fragmenten ist ja deutlich die Beschäftigung mit historischen Kunstwerken sichtbar. Aber auch schon in früheren Serien, wie z.B. den Bildern nach Piero della Francesca.

Ja, genau.

Die Beschäftigung mit historischen Künstlern ist für Dich demnach ein wichtiges Thema?

Ja, immer wieder. Irgendwie sind wir ja selber historische Künstler. Lass mal 100 Jahre vergehen, dann sind wir historische Künstler.


Das wäre interessant, wenn man wüsste, wie wir von der Zukunft aus gesehen werden.

Das fände ich auch interessant.

Das fände ich sehr interessant. Ich hatte schon mal eventuell daran gedacht, ob man nicht irgendwo ein paar Tassen vergraben sollte, mit Kunstwerken darauf, die dann nach 500 Jahren wieder ausgebuddelt werden.

Das kann man machen. Du kannst auch CDs begraben, aber eingepackt, damit sie nicht kaputtgehen.

Ja, die müsste man wahrscheinlich schon ganz gut einpacken. Ich dachte deswegen an Tassen, weil Keramik eigentlich ziemlich lange hält, allerdings ist die Frage, ob dann die Bilder als Unterglasurprint darauf müssten.

Das weiß ich auch nicht, auf Keramik habe ich keine Bilder von mir.

Also ich habe schonmal spaßeshalber ein paar Bilder auf Tassen drucken lassen, allerdings weiß ich nicht, ob dieses Druckverfahren…

…haltbar ist, ob das stabil ist?

Bezogen auf die Fragmente, könnte man da behaupten, dass es eine Ästhetik des Unvollständigen gibt, oder eine Ästhetik des Vergangenen?

Ja, unbedingt. Durch die Historie kommt das ja, dass man von der Urzeit her nur Fragmente hat, und deshalb auch fragmentarisch denkt in diesem Falle. Und seine eigene Arbeit als Fragment gewissermaßen behandelt.

Könnte man sagen, dass das eine Ästhetik des Verwitterten ist, also dass es eine Rolle spielt, dass man das Alter des Bildes sieht?

Du, Bilder, die man malt, sind ja im Grunde Fragmente, weil die erstmal Zeit beanspruchen, um fertig zu werden, und dann herumstehen, und dann kommt das nächste, das auch Zeit beansprucht, das sind ja alles im Grunde Zeit-Fragmente, die Malerei, ne.

D.h durch den Entstehungsprozess dadurch dass das Bild eine bestimmte Zeit beansprucht für die Entstehung, und auch meinetwegen einen bestimmten Zeitpunkt abbildet, ist es als solches auch schon ein Fragment?

Ja, genau. Bilder sind im Grund Fragmente, so gesehen, aus dem Leben als Künstler. Also meine Bilder sind Fragmente aus meinem Leben. Wenn Du mein Leben beschreibst, oder beschreiben willst, dann kannst Du Texte machen und die Bilder jeweils da zuordnen.

Du meinst, das wäre manchmal sinnvoll, die Bilder der Biografie zuzuordnen.

Unbedingt, ja.

Das könnte auch ein interessantes Unternehmen sein.

Ja. Die Bilder gewissermaßen als Teil des Lebens aufzufassen, als Lebensschilderung.

Hmhm, ja, ich weiß nicht ob jeder Künstler das unbedingt so sehen würde.

Nee, das weiß ich nicht, aber meine Bilder haben sehr stark etwas mit meinem Leben zu tun.

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