Spannfeld – Ausstellungseröffnung im Mindener Museum am 10.11.2018

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Text: Hartwig Reinboth
Fotografien: Hartwig Reinboth, Annette Bültmann

Zur Eröffnung der Ausstellung “Spannfeld” des VfaK im Mindener Museum am 10.11.2018

Sehr geehrte Damen und Herren
ich begrüße Sie im Namen des VfaK zu unserer sechsten Ausstellung im Mindener Museum.
Spanndraht, Spannschraube – etwas wird unter Spannung gesetzt. Bei Überspannung reißt es. Etwas in dieser Richtung muss ein Spannfeld sein. Es ist bemerkenswert, wie viel mehr Agilität dieser Begriff gegenüber dem gewohnteren “Spannungsfeld” hat. Die leichte Klangverschiebung bewirkt spürbar schon eine Bedeutungsverschiebung.
Die künstlerischen Arbeiten dieser Ausstellung eröffnen miteinander und in der Beziehung auf die Räume des Museums das Spannfeld, in das der Betrachter eintreten soll. Bei der Auswahl und Anordnung der Arbeiten ging es darum, dieses Spannfeld zu justieren.
Der VfaK hat sich bei dieser Ausstellung erstmals mit den hinteren Präsentationsräumen des Mindener Museums auseinandergesetzt. Die heterogene Struktur und Erlebnisqualität dieser Räume hat uns erst irritiert – und dann inspiriert. Zum Beispiel der niedrige Saal mit der dunklen Holzdecke – prädestiniert für die Ausstellung von historischen Objekten; kann er Heutiges aufnehmen? Wie reagiert das miteinander? Oder die beiden kleinen Kammern, die etwas abseits davon liegen; welche Werke können sie aufnehmen? Bewahren sie die Verbindung zu den anderen Räumen und Werken, oder spalten sie sich ab als Kabinett-Ausstellungen? Hält das Spannfeld, oder fällt es auseinander? Das Mindener Museum bleibt ein spannender Ort für unsere Ausstellungen.

 

 

Spannfeld – das ist zunächst der Titel der Reihe von Malerei-Objekten, die Hans Joachim-Bölling in die Ausstellung einbringt: “Spannfeld A-E”. In seiner Offenheit und in seiner anfangs schon erwähnten energetischen Aufgeladenheit erschien er aber zugleich geeignet, das Unternehmen dieser Ausstellung zu bezeichnen. Ein weiterer Bezugspunkt für die Konzeption der Ausstellung war die Präsentation der Arbeiten von Andreas Jackstien bei einer der ersten Planungsrunden. Seine räumlich verschachtelten Atelier-Motive öffnen den Bildraum und haben zugleich Auswirkungen auf den Raum des Betrachters, der plötzlich ebenfalls als komplizierter strukturiert empfunden wird (wie ein Raum, in den man einen oder mehrere Spiegel gestellt hat). Das erschien uns als passendes bildnerisches Äquivalent zu den komplizierten Raumstrukturen des Mindener Museums.
Spannfeld – innerhalb eines so definierten Areals hat alles Anteil an der Wechselspannung der Elemente: der historische Lastenaufzug im Vaßmar-Saal ist ebenso Teil des Wahrnehmungsfeldes wie die Bilder, Plastiken, Installationen im gleichen Raum. Seit sich Bilder und Skulpturen nicht mehr durch Rahmung oder Sockel gegen den Umgebungsraum abgrenzen, also seit der Kunstentwicklung, die sich verstärkt in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vollzogen hat, ist die damit verbundene Wahrnehmungsveränderung für die Bildende Kunst weithin konstitutiv geworden. Den deutlichsten Ausdruck findet dies in der Artikulationsform des künstlerischen Environments. Zugleich damit wird aber potentiell jeder Umgebungsraum zum Environment. Wer sein Sehen und seine Raumerfahrung in diese Richtung entwickelt hat, kann prinzipiell jedes Umfeld in dieser Weise wahrnehmen.
Was bedeutet das für das einzelne Werk, das in dieses Gefüge eintritt? Wird es dadurch entwertet und zum bloßen Versatzstück einer größeren ästhetischen Einheit? Dieser möglichen Tendenz steht die Qualität der einzelnen Beiträge entgegen. Künstler/-innen arbeiten ja an ihrer Sache, an ihrer Thematik, mit ihren spezifischen Wahrnehmungen und Ausdrucksmitteln.
Das bedeutet, dass bei jedem der ausgestellten Beiträge die Koordinaten des je eigenen Spannfelds zu bestimmen wären, also das, was die Spannung jeweils erzeugt. Das kann hier nur in aller Kürze geschehen und ist nicht im abgeschlossenen Sinne zu verstehen (vielleicht bestimmen die Künstler/-innen selbst die Koordinaten anders):
· Bei Liselotte Bombitzki im ersten Raum sind diese Koordinaten Farbe – Struktur – Ausdehnung (auch im kleinen Format) – Farbklang und Assoziation.

· Bei Birgit Oldenburg: Eigendynamik der Farbe, Durchdringung und Farbfluss, Andrang an die Formatgrenzen, Deutungsüberschuss.

· Bei Gunnar Heilmanns Fotografien: Raum – Greifbarkeit-Ungreifbarkeit, Fülle und Leere, Naturerfahrung.

· Bei Jörg Boström: Fragment und Ganzheit, Farbreduktion und Helligkeitswerte, Historie und Gegenwart, Kunstbegriff und Kunstbefragung.

· Bei Hannes Senf: Materie und Gedanke, Sichtbarkeit und Verborgenheit, Berechnung und Versuch.

· Bei Isolde Merker: Formung von Masse, Strukturierung und Ordnung, Stehen, Körper und Kopf, ausstrahlen und konzentrieren.

Angesichts dieser Vielzahl von Orientierungspunkten ist es vielleicht erstaunlich, wie verträglich die Arbeiten in diesem ersten Raum miteinander auskommen und zusammenwirken. Die vergleichsweise ruhige Raumstruktur dieses Saales, der dem klassischen “white cube” noch am nächsten kommt, bietet dafür den Rahmen. Ganz anders hier im Vaßmar-Saal mit seinen starken Dunkelwerten und seiner heute ungewohnten Dimensionierung. Hier müssen sich die Werke behaupten.

· Bei Sebastian Rehling kann man als Koordinaten benennen: Abbild und abstrakte Struktur, Wahrnehmung, Dekonstruktion und Montage, Raum und Fläche, flanieren und kondensieren, Stadtraum – Kunstraum.

· Bei Betina Bradt: Material, Textur, Farbe – Zeichensetzung; bestimmt gegen diffus, Haut und Kleid, Handarbeit und Bildprozess.

· Bei Regine Rinke: Natur – Unnatur/Zivilisation, Schönheit und Gefährdung, Bewahrung und Aufbewahrung, Idee und Verbildlichung.

· Bei Alexander Gierlings: Materialsprache, Bildsprache, Wortsprache; Naturholz und Eisen, grafischer Duktus, Emotion, FormenKomplex, Sex.

· Bei Friedgund Lapp: Magie und Rationalität, Kulturverstehen, Annäherung und Distanzierung, selbst machen, zeigen.

· Bei Annelene Schulte: Wand und Raum, Aufbruch – Ausbruch, Akkumulation, Transformation.

· Ruhig und in sich gekehrt sitzt die Figur von Inge Dietrich, die Lesende, im Hintergrund und beaufsichtigt sozusagen die Ausstellung. Besonders spürbar wird diese Empfindung, wenn sich der Raum wieder geleert hat und die Ruhe der Figur mit der Stille im Raum korrespondiert.

Von hier führen ein paar Schritte zu den schon erwähnten beiden Kammern- die früher textilen Handarbeitstechniken gewidmet waren. Im kleineren der beiden Räume befinden sich zwei Arbeiten, die Titelgebende Arbeit von Hans Joachim Bölling “Spannfeld A-E” und meine eigene Arbeit.
· Bei Hans Joachim Bölling könnte man die Koordinaten Reihung, Gestik, Zeichensetzung, Leichtigkeit, Wortschöpfung – Sinnschöpfung nennen.

· Bei meiner Arbeit: Zufall und System, Strenge und Offenheit, Umschlagen der Dimensionen, Vorstellungsausweitung, Kunstrecycling.
Last but not least die andere Kammer:

· Andreas Jackstiens Arbeit habe ich schon erwähnt. Als Koordinaten könnte ich nennen: Chaos und Ordnung, Oszillation von Bildraum und Bildfläche, grafische und malerische Rhythmik, Prozessveranschaulichung, Hasenmagie.

· Bei Ursula Gebert: Materialität, Farbreduktion, gesteuerter Zufall, Wachsfluss als Katalysator, Imagination und Traum.

· Bei Magret Thimm: Leichtigkeit, Transparenz, Farbhauch, körperlose Körper, Reihung, Atmung im Raum.

· Ulrich Kügler hat mit seiner Installation die vielleicht entlegenste – oder die vorgeschobenste Positionierung gewählt: den Erker, der diese Kammer mit dem Außenraum verbindet. Als Koordinaten ließen sich nennen: organische gegen technische Form, Wärme und Kühle, Transzendieren des Alltäglichen, biografische Reflektion, Kunstgeschichte und aktueller Kunstbegriff, Orientierungsarbeit im noch Unerschlossenen.

Mir ist klar, dass ich mit diesen knappen Anhaltspunkten im besten Falle eigentlich nur Ihre Neugierde zur Selbsterkundung der Ausstellungsbeiträge wecken konnte. Vielleicht war es auch nur eine Wortdusche, die an einem herunterläuft ohne viel zu bewirken. Vielleicht sind auch die anwesenden Künstler/-innen mit meinen Koordinatenangaben nicht einverstanden. Aber das ist ja doch der Sinn von Kunsterfahrung: die Konfrontation der eigenen Gedanken- und Erlebniswelt mit derjenigen, die in einem Werk artikuliert ist. Ein offener Prozess. In diesem Sinne: viel Freude bei der Erkundung der Ausstellung und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
H.R. / Nov. 2018

 

 

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