Zeitlose und aktuelle Kunst

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Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

Habe mir die Frage gestellt, ob die Anforderungen an Künstler manchmal etwas widersprüchlich sind, ob Künstler z.B. immer gleichzeitig sowohl entrückt als auch am Puls der Zeit sein müssen?

Die Frage entspricht nicht unbedingt der Realität, der muss nicht, der Künstler muss garnichts, der macht, was er will. Und der Künstler ist auch ein Mensch der Zeit, der sich auch auf die Zeit in seiner Kunst einlässt, oder eben unabhängig von der Zeit Bilder malt, Bilder gestaltet, die ihn persönlich interessieren.
Die Anforderungen an Künstler akzeptiert der Künstler sowieso nicht, er akzeptiert seine eigenen Vorstellungen.

Flure und Vorderansicht der Kunstakademie Düsseldorf. Fotografien: Gunter Lorenz

 

Wenn ich im Internet Fotos sehe von den Fluren der Düsseldorfer Kunstakademie, da sind diese Gänge und Bilder in dem historischen Gebäude, die wirken irgendwie zeitlos auf mich, diese Gänge, an denen Gemälde stehen, es sind nicht unbedingt einzelne Bilder zu sehen, sondern manchmal auch Rückseiten der Leinwände, und es könnte schon vor Jahrhunderten ähnlich ausgesehen haben.

Die Gänge sind ja älter, die sind ja aus dem vorigen Jahrhundert, das Gebäude, die Kunstakademie, ist ja so alt. Und in den Gängen, wenn da Bilder hängen, die werden ja aktuell sein in der Regel, von den Künstlern und Studenten der Zeit gemalt. Und insofern hängen in historischen Gängen moderne, aktuelle Bilder.

Das ist wohl so, das stimmt. Allerdings, manchmal erkennt man die Bilder kaum, weil man nur die Rückseite sieht, und dann diese Gänge, da habe ich manchmal den Eindruck, der Ort ist zeitlos, der könnte heute so aussehen, der könnte auch vielleicht vor 200 Jahren so ausgesehen haben, falls das Gebäude schon so alt ist.

Ja, die Künstler arbeiten dort an der Akademie ja an ihren Arbeiten, an ihrer Zeit, und die machen nicht eine Wiederholung der Geschichte, der Baugeschichte der Kunstakademie. Insofern sind in den Gängen jeweils aktuelle Bilder zu sehen, der laufenden Studenten und der bestehenden Professoren, wenn sie ihre Arbeiten dort zeigen, in Verbindung mit den Künstlern, und den Studenten.
Bei Beuys und der LIDL Akademie war es schon eine sehr enge, lebendige Verbindung zwischen dem Künstler, und den Studierenden. Und die Flure sind im Grunde nur der Hintergrund, aber nicht die Historie, die zu den Bildern gehört. Die Kunstakademie ist eben ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, und die Künstler dort sind eben aktuelle Künstler, jeweils. Als ich da war, oder als Beuys da war, oder als Bruno Goller dort mit seinen Studenten ausgestellt hat, ich war ja auch Student bei Bruno Goller, war natürlich die aktuelle Kunst dort zu sehen in den Räumen, und in den Fluren, und nicht die Kunst aus der Zeit des Bauwerks.

Gebäude und Flure der Kunstakademie Düsseldorf. Fotografien: Jörg Boström

 


Das ist natürlich so. D.h. Du hattest eigentlich nie den Eindruck, die Flure wären der Zeit entrückt, oder Ähnliches?

Nein, überhaupt nicht. Wir waren in der Gegenwart zuhause, und die Kunstakademie ist ja immer ein Ort der Gegenwartskunst, weil da Lehrende ja und Studierende aktuelle Arbeiten gemeinsam herstellen, zum Teil gemeinsam, zum Teil aber auch in getrennten Räumen. In der Regel war es so, dass pro Atelier fünf Künstler, Studenten, zugelassen wurden, so dass sie auch Platz hatten für ihre Staffeleien und für ihre Malerei.
Insofern ist die Kunstakademie ein aktueller Ort der laufenden Kunst der jungen Studierenden.

Dann ist das wahrscheinlich mein subjektiver Eindruck, zu denken, die Gänge wirkten zeitlos.

Ja, wobei die Ausstellungen ja nicht als Ausstellungen sichtbar sind, sondern als Ateliers, wo die Studenten arbeiten, in der Regel fünf Studenten pro Raum. So dass man Zeit und Geld und Raum hatte, seine Kunst zu produzieren, und die konnte man dann auch jeweils, wenn man das organisierte, auch in den Gängen ausstellen.

Ich finde die Rundgänge immer wieder sehr interessant.

Ja, so bin ich Deiner Meinung, ich finde sie interessant, weil sie aktuell sind, und weil die Werke in der Regel dort noch vor dem Kunsthandel gezeigt wurden, die waren noch garnicht auf dem Markt, die waren frisch, aus der Atelieratmosphäre herausgekommen. Und frisch von den jungen Künstlern zwischen, sagen wir mal, 20 und 30 Jahren. Ich sag zwischen 20 und 30, weil viele Abitur gemacht hatten, die eben auf dem Gymnasium waren, und da machte man ja in der Regel Abitur mit 20 Jahren, und fing dann an, zu studieren. Bis man 30 war, und dann war man, wenn man Glück hatte, in der Kunstszene angekommen, nicht unbedingt auf dem Kunstmarkt. Also man hatte dort dann Ausstellungen, auch in Galerien, und an verschiedenen Orten, nicht nur in der Kunstakademie.

Das klingt ja so, als ob die Studenten damals gute Chancen hatten, nach dem Studium gleich einen Galeristen zu finden?

Ja, sie konnten jedenfalls während des Studiums ihre Bilder öffentlich zeigen, und es gab einmal im Jahr auch ein Ausstellung aktueller Kunst der Studenten. Die dort auch die Kontakte knüpfen konnten, wenn sie Glück hatten, zu Galeristen und zu Galerien, und hatten dann später die Möglichkeit, weiterzuarbeiten, wenn sie genug Bilder verkaufen konnten, sonst mussten sie, wie ich z.B., und wie viele, einen anderen Beruf ergreifen, meiner war ja Beruf der Kunst, als Kunsterzieher. Und ich habe mich dann ernährt als Kunsterzieher, und als Künstler dann parallel gearbeitet und war dann auch Künstler als Lehrer, und Lehrer als Künstler. So hab ich mich damals immer gefühlt, und so war ich auch.

Künstler machen manchmal Entwicklungen durch in ihren Werken, wie z.B. Picassos blaue Periode, die später von ganz anderen Arbeiten abgelöst wurde. Gleichzeitig sollen sie aber auch immer derselbe sein, also Beuys mit Weste und Hut, seine Markenzeichen, die Marke “Beuys” war dann gefragt auf dem Markt. Auch ein Widerspruch?

Die Perioden, die Du ansprichst, Picassos blaue Periode, hatten die Künstler, wir also auch, immer jeweils ein, zwei Jahre so in einer Serie, in einer Art, und dann wechselte auch die Periode ähnlich wie bei Beuys und bei Picasso, wo wir immer wieder in eine neue Phase hineingeraten sind. Bei mir klingelt das Telefon. Hallo?

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