Manfred Schnells Nippes Granatäpfel

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Text: Jörg Boström

Busenfrüchte. Frauen bei Manfred Schnell.

Eine Bilderfolge gibt einen Einblick in männliche Sehnsucht.

Es sind in immer wieder neuer Zusammenstellung und Stellung junge und schmale Frauen aus Porzellan. Sie spielen und tanzen. Sind verbunden mit Tieren, Möbeln, anderen Figuren zarter Frauen, in der Liegehaltung auf einem Sofa und nachdenklicher, gestreckter Pose, im Tanz und in der Dehnung des jungen Körpers. Dazu gesellen sich Hirsche, Ziegenböcke, Eisbären und andere Tierwesen aus Porzellan. Es ist eine stille Welt der festgehaltenen Männertraums. Immer wieder gesellt sch dazu ein Paar von Früchten. Hellrot und verlockend. Zum Lutschen und anbeißen. Es sind Granatäpfel. Rot und verlockend. Positioniert auf den jungen Busen. Komm doch mal. Versuch mich mal. Wer kann schon da widerstehen. Ein helles, zartes, lockendes Angebot. Nicht dunkelrot Düsteres wie sonst in Bildern aus einem romantisch täuschenden Bordell. Es ist eher ein offener Tanz mit Tieren, anderen Figuren und Raumtiefen. Der Künstler bezaubert mit seinen zart schwebenden Frauenfiguren die männliche Sehnsucht nach zarter, sinnlicher Liebe im Tagtraum. Diese Frauen sind Künstlerinnen, Tänzerinnen und Liebesfrüchte. Schau mal. Komme zu uns. Komme immer wieder.

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Text: Annette Bültmann

Bei der Betrachtung der Bilderserie “Nippes Granatapfel” von Manfred Schnell taucht irgendwann die Frage auf “Was hätte wohl Sigmund Freud dazu gesagt?” Diese Frage wiederum verweist auf ein bekanntes Granatapfel-Bild aus dem 20. Jahrhundert, Salvador Dalis “Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen”, das sich an Freuds Traumdeutung orientiert, an der die Surrealisten sehr interessiert waren. Aus diesem Interesse entwickelte Dali seine “paranoisch-kritische Methode”, die tendenziell alle Bereiche der Wirklichkeit ihrem wahnhaften Deutungssystem unterwerfen, und damit zum Ruin der Wirklichkeit beitragen sollte. Trifft das auch auf diese Bilderserie zu? Eine Verbindung besteht sicher insofern, als die Bilder meine Erinnerung an Dalis Granatapfel wachgerufen haben, und das helle Porzellan auch ein wenig an das Sonnenlicht von Cadaqués und Port Lligat, Dalis Wohnort, erinnert, wobei allerdings bei Manfred Schnell die hellen Figuren teilweise vor dunklem Hintergrund stehen.

Der Granatapfel ist sowohl ein Symbol der Fruchtbarkeit, als auch als Reichsapfel ein Symbol für die Macht, und in der christlichen Religion ein Symbol für die Kirche, in der die Gläubigen aufgehoben sind wie die Kerne, die harte Schale kann Askese darstellen, und der Granatapfel wird auch in manchen Darstellungen mit Jesus in Verbindung gebracht, daher gibt es Madonnenbilder mit Granatapfel wie die Stuppacher Madonna und die Madonna mit Granatapfel von Sandro Botticelli. Siehe auch Wikipedia: Granatapfel, Symbolik

Wenn diese Früchte nun als Symbol der weiblichen Brust auftauchen, rot gefärbt bei weißen Porzellankörpern, in Verbindung mit Nippes-Tierfiguren, hat das einen obsessiven Charakter ähnlich Dalis paranoischen Visionen? Vielleicht nicht ganz so sehr, vielleicht hat es doch mehr einen verspielten Charakter, als Spiel mit dem Trivialrealismus der Porzellanfigürchen, die an Vitrinen in der guten Stube der Vorfahren erinnern, aber gleichzeitig auf eine mythologische Welt verweisen. Dennoch hätten auch die Surrealisten sicher ihre helle Freude gehabt an diesem Spiel mit Tänzerinnen, Früchten, Tieren aus der Mythologie, einem weißen Kaninchen, und Peperoni.

 

Siehe auch:

“Digitale Arbeiten” von Manfred Schnell, VM 2000, Ausgabe 42

Ein maskenhaftes Pressebüro, VM2000, Ausgabe 07

Radewig-Rotlicht und Rotlichtbezirk ­ Blaulichtbezirk. Zwei mit Licht und Installation gestaltete Räume. VM2000, Ausgabe 13

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