Bilder und das kollektive Gedächtnis

Share

Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

Wir hatten schon über das kollektive Gedächtnis gesprochen, und Du meintest dass es sich an gemeinsame erlebte Ereignisse erinnert, als Beispiel hattest Du Bombenabwürfe genannt.

Ja, ich habe natürlich aus der Zeit der Bombardierungen, die ich als Kind erlebt habe, keine Fotografien. Ich habe zufällig vielleicht welche im Internet gefunden, von verbrannten Städten, aber damals habe ich nicht fotografiert, und es gab auch keine digitale Fotografie, und ich hatte damals auch kein Fotolabor.

Die Bomben des 2. Weltkriegs sind noch in der kollektiven Erinnerung soweit präsent?

Ja, unbedingt. Und die sind damals ja nicht von mir fotografiert, aber erlebt worden. Ich habe darüber ja auch schon geschrieben, dass unser Haus über dem Kopf zusammengebombt wurde, und wir rannten raus und brachten uns in Sicherheit, und das Haus ist hinter uns zusammengestürzt. Wenn wir nicht rechtzeitig aus dem Kellerloch gekrochen wären, wären wir längst tot.

Das ist bestimmt etwas, was einem bleibend in Erinnerung bleibt. Also als Warnung oder Ähnliches.

Ich habe das damals so erlebt, dass ich dachte, wenn ich das überlebe, dann kann mir nicht mehr viel passieren. Das denke ich bis heute, seit ich das überlebt habe, bin ich nicht mehr sehr ängstlich, was mein Leben betrifft. Was man das erlebt hat, ist man gewissermaßen abgehärtet.

Ja, das haben wahrscheinlich nicht alle so erlebt, sondern bei manchen Leuten hat es vielleicht auch schon dazu geführt, dass sie schreckhaft wurden.

Mein Erlebnis mit den Bomben war in Sondershausen, in Thüringen. Da ist das Haus, in dem wir wohnten, bombardiert worden, und wir sind über den Hof geflüchtet, und konnten uns retten. Das Haus war am Ende der Bombardierung zusammengebrochen.

Ich habe mich gefragt, ob das kollektive Gedächtnis sich auch an weniger schreckliche Ereignisse erinnert, oder ob schreckliche besonders gut im Gedächtnis bleiben.

Das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall ist mir das Bombardement in Sondershausen sehr nah in Erinnerung, immer noch. Aber was ich auch in Erinnerung habe, ist die Eroberung durch die Amerikaner. Ich weiß immer noch, wie sie auf dem Bauch über unsere Felder krochen, und sich nach und nach in die Siedlung reinbegeben, und in die Fenster schossen, und Sondershausen sozusagen Stück für Stück erobert haben, obwohl damals keine deutschen Soldaten mehr da waren. Also einen Krieg habe ich in dem Sinne nicht erlebt, ich habe einen Krieg erlebt indem ich den Soldateneinmarsch erlebte, und wie gesagt die Soldaten korchen durch die Felder, um sich nicht den Kugeln der feindlichen Soldaten auszusetzen, die aber schon geflüchtet waren.

Das sind sonderbare Erlebnisse, wenn man die Zeit nicht erlebt hat, dann…

…kann man sich eigentlich garnicht vorstellen.

Möglicherweise bleiben schreckliche Erlebnisse manchmal besonders deutlich in der Erinnerung.

Ja, das denke ich auch.

Heute ist es ja oft so, dass schreckliche Ereignisse durch die Medien gemeinsam erlebt werden, weil die meisten Leute waren nicht vor Ort  bei Bombenattentaten, oder auch nicht bei Tsunamis, die dann irgendwo anderswo, am anderen Ende der Welt stattfinden.

Das kann man aber nicht vergleichen, die eigenen Erlebnisse, und das was man im Fernsehen sieht.

Kann man nicht vergleichen, ja.

Ich habe auch erlebt, wie die Amerikaner eingerückt sind, die Truppen und mit Panzern und Fahrzeugen, durch unsere Straßen gefahren sind.

Das ist dann erstmal bedrohlich, wenn die Panzer eingefahren kommen, wahrscheinlich?

Ja, nicht unbedingt, als Kinder haben wir das mehr als Abenteuer genossen. Wir hatten keine Angst. Wir waren neugierig. Ich habe die Amerikaner auch nie gehasst, als meine Feinde empfunden, sondern ich fand es interessant, die fremden Menschen in unserer Stadt zu beobachten.

Schreckliche Erlebnisse, die gemeinsam erlebt werden, damit ist ja häufig heutzutage gemeint, dass sie durch die Medien gemeinsam erlebt wurden, denn die meisten Leute waren ja nicht vor Ort. Fernsehen Presse, und Fotos spielen wohl eine wichtige Rolle. Gehören zum kollektiven Gedächtnis demnach auch bekannte Fotos, Bilder die sich eingeprägt haben?

Ich hatte von der Zeit leider keine Fotos, ich konnte nicht fotografieren, hatte keine Kamera, und viel von dem, was ich erlebt habe, ist nicht durch Fotografien nachträglich zu dokumentieren.

Bekannte Fotos, Bilder die sich eingeprägt haben, gibt es aber schon, auch wenn Du keine gemacht hast.

Ja, die gibt es, aber von unserer Familie gibt es andere Fotos, auch aus der Nachkriegszeit.

In Deiner Erinnerung gibt es ansonsten das Ruhrgebiet, das im Krieg auch sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde?

Ja, das Ruhrgebiet ist mir sehr in Erinnerung, und es liegt mir auch sehr nahe, weil ich es auch mit meiner Fotografie durchsucht und dokumentiert habe. Ich bin ja ein Ruhrgebietskind, wie das so heißt, in Duisburg geboren. Den Krieg habe ich ja auch im Ruhrgebiet, also in Dinslaken erlebt.

Dir war in Erinnerung geblieben, dass die Fabrik, in der Dein Vater arbeitete, nach dem Krieg demontiert wurde?

Ja, das ist auch so. Und dass mein Vater, der da gearbeitet hat, auch als Ingenieur  beschäftigt wurde mit der Demontage seiner eigenen Arbeitswelt. Da haben, ich weiß nicht mehr, das waren wohl die Russen, ihre eigene Industrie aufgemoppt mit deutschen Fabrikteilen und Elementen aus der Industrie des Ruhrgebiets. Die haben die Materialien und großformatigen Teile aus den Fabriken nach Russland exportiert. Und die deutschen Ingenieure waren damit beschäftigt, die Demontage zu organisieren, so dass die Teile wieder aufbaufähig in Russland waren.

Zu der Zeit hast Du ja wahrscheinlich auch noch keine Fotos gemacht?

Nein, leider nicht.

Aber später hast Du öfters erstaunlicherweise die Demontage von Industrieanlagen fotografiert, so als ob sich das Ereignis immer wieder wiederholt hätte, damit Du es dann später fotografieren konntest.

Ja, natürlich. Ich hab ja die Arbeitswelt meines Vaters als Kind erlebt und beobachtet, ich habe ja manchmal auch meinen Vater am Arbeitsplatz besucht. Aber ich habe damals nicht fotografirt, sondern später hat mich dann das Ruhrgebiet, auch die Industrie, besonders fasziniert, auch in meiner Fotografie. Das war nicht Fotografie der Demontage, sondern Fotografie der aktiven Industrie im Ruhrgebiet.

Ja, aber ich kann mich erinnern, dass es auch Demontage in Deinn Bildern gab, z.B. einen Hochofen, der nach China transportiert werden sollte.

Ja, ach sieh mal an, ja das stimmt.

Und das gab es Textilfabriken in oder um Bielefeld, die geschlossen wurden, kann das sein?

Ja, das ist wohl so, aber ich kann Dir nicht mehr genau sagen, welche das waren.

Und dann gab es den Hochofen Hattingen, der geschlossen worden ist?

Ja, und den konnte ich ausführlich fotografieren, da bin ich ja auch drauf herumgestiegen. Übrigens war mein Kollege Jürgen Heinemann auch dabei.

Ich glaube, mich zu erinnern, dass es ein Foto gibt, wo Ihr beide auf dem Hochofen steht.

Genau. Das hat uns sehr fasziniert, das war ein fotografisches Thema, das eben anders ist, als Geburtstag und Hochzeit, und Gartenarbeit in der Familie. Das war selbst ein Stück deutsch Geschichte. Und da wir im Ruhrgebiet wohnten, hatten wir das hautnah erlebt. Und da mein Vater auch in der Industrie gearbeitet hat, war er vielfach auch beschäftigt mit der Demontage, das zu organisieren, für die Russen.

Mir kommt es so vor, als hättest Du dann später fotografische Déja-vu-Erlebniss gehabt, dieses Nachkriegsereignisses, dass die Fabrik Deines Vaters demontiert wurde, später hattest Du dann mehrmals die Gelegenheit, ähnliches wiederzuerleben.

Ja, ich konnte sozusagen mit der Kamera meine Kindheit rekonstruieren. Als Kind konnte ich ja nicht fotografieren, sondern erst sehr viel später, aber das war für mich eins der Hauptthemen. Die Industrie und der Abbau.

Ich denke das ist sicher auch etwas, was sich nicht nur in Dein Gedächtnis, sondern auch in das kollektive Gedächtnis eingeprägt hat.

Ja.

Ich habe mich gefragt, ob auch bekannte Künstler dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt sind, ob man das behaupten könnte. Wie Dali mit seinem Schnurrbart, der ja sehr bekannt ist, und mit den weichen Uhren.

Ich weiß jetzt nicht, was Du meinst.

Wenn es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis gibt in dem Bilder gespeichert sind, dann könnten auch berühmte Künstler dazugehören, und da fiel mir Dali mit seinem Schnurrbart und den weichen Uhren, die sehr einprägsam sind.

Ach so, ja ja, Dali hatte das aber glaube ich so nah nicht erlebt. Das war mehr im Ruhrgebiet. In Dalis Bildern findet sich alles mögliche, aber nicht Demontage der Industrie.

Nee, da ging es mir jetzt auch nicht mehr drum, sondern darum dass sich auch andre Bilder dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben.

Ja, genau.

Wie bei Dali z.B. die weichen Uhren, oder Picasso der auf eine Glasscheibe malt, finde ich auch sehr einprägsam. Einen sehr bekannten Künstler bei der Arbeit zu sehen.

Picasso hat ja dieses großartige Bild Guernica gemalt, großformatig, das eben aus dem spanischen Krieg Erinnerungen darstellt, seine Erinnerungen, und für alle anderen auch. Kannst ja mal gucken, Guernica.

Ja, das kenne ich. Es ist erstaunlich, dass mir die weichen Uhren einfallen, und Dir Guernica. Vielleicht ist es aber nicht so erstaunlich, vielleicht ist es doch so, dass die Erinnerungen auch durch die Kindheit geprägt werden, und da ich nicht im Krieg Kind war…

Ja, das denke ich auch. Bilder, die man als Kind gesehen hat, auch von Künstlern, wie Picasso oder Dali, die hat man dann doch stark im Gedächtnis.

Also, Guernica ist ein Bild, das ich nicht aus der Kindheit kenne, sondern erst später kennengelernt habe.

Ja, das geht mir ja auch so, als Kind kannte ich Guernica auch nicht.

Aber Du fühltest Dich durch das Bild angesprochen, weil es auch mit Deinen Kindheitserinnerungen an den Krieg zu tun hat.

Ja, ich denke dass das auch da den Zusammenhang hat. Eben Trümmerbilder, ich war ein Trümmerkind. Wir haben als Kinder auch auf Trümmern gespielt. Ganze Häuser, ganze Straßenzeilen waren ja weggebombt.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen