Interview Teil 18 – Leere und Vision

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Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

Du was ja Mitorganisator bei Leere und Vision in Herford im Jahr 2002, das Projekt könnte man als Erfolg bezeichnen, denke ich.

Du hast angesprochen ein Projekt in Herford, das Kunst in die Leerstände bringen sollte, also in leere Geschäfte. Und es gab in der Zeit in Herford viel Leerstand. Und ich habe eine Freundesgruppe, viele Künstler, dazu anregen können, sich an einer Ausstellung, eben Leere und Vision, zu beteiligen, mit ihren Werken. So dass eine zeitlang Herford eine Art Galerie wurde, für viele Künstler.
Das war eine Zusammenarbeit zwischen den Künstlern und der Stadtverwaltung und den einzelnen Geschäften.

Die Idee zu dem Projekt war entstanden bei einigen Gläsern Wein mit Herrn Brinckmann, der auch Organisator war? So kann man es im Magazin lesen.

Ja, ich wohnte ja mit Gabi in einem Haus, das Brinckmann gehörte, er war sozusagen unser Vermieter, und dadurch war auch ein realer enger Kontakt da, und als die Idee bei mir kam, hat er da gerne mitgearbeitet. Es ging ja nicht so, dass ich das ganz alleine hätte machen können in Herford, ne.

Es gab eine Initiative von Geschäftsleuten, und dann auch die Stadt Herford, die sich auch beteiligt hat.

Und es gab eben dazu, was sehr wichtig ist, ein Vielzahl von Künstlern, die daran Interesse hatten.

Wahrscheinlich war das Ganze größer geworden als ursprünglich geplant, denn es gab ja bei den Künstlern eine sehr große Resonanz und es wurden dann wieviele Künstler? Über 40, glaube ich, die ausgestellt haben.

Ja, das weiß ich so genau nicht mehr, aber das wird schon so sein. Es hat jedenfalls bei Künstlern großes Interesse geweckt, das war immer schon das Problem für Künstler, für uns alle, dass wir nicht genug Möglichkeiten hatten, unsere Bilder auszustellen, und dass dadurch die Stadt selber zur Galerie wurde. Das war schon ein neues und gutes Projekt. Ich bedaure, dass das nicht viele Städte übernommen und weitergeführt haben.

In Minden gab es immerhin mal die Kunstmeile, die auch eine Art Ausstellung in Leerständen war.

Ja, das war einer der Erfolge, die Kunstmeile.

Die Kunstmeile war auch ein bisschen inspiriert durch Leere und Vision in Herford?

Genau. Und Leere und Vision basierte ja auf der Tatsache dass damals einen Leerstand von Geschäften gab, die Pleite gemacht hatten und ihre Räume nicht mehr mit Geschäften füllen konnten. So war der Leerstand entstanden. Ein geschäftlicher Leerstand sozusagen der mit Kunst dann ausgeglichen wurde ohne dass die Kunst die Wirtschaftlichkeit übernehmen konnte. Soviel Kunst wurde leider bei Leere und Vision nicht verkauft, wie ich gehofft hatte im Grunde. Also statt der Waren in den Geschäften, die nicht mehr zu haben waren, die Kunst die Rolle der Waren annahm, sozusagen. So dass die Kunst dort verkauft und gekauft werden konnte. Aber das hat sich so nicht realisiert, wohl aber als Ausstellungsprojekt.

Die Läden kann man gut mit Kunst füllen. Aber dass sie sich verkaufen würde wie warme Semmeln, kann man nicht ganz so behaupten.

Nein, das war wohl nicht der Fall.

Vorher fanden einige Monate lang Planungstreffen statt und die Vorbereitung von Konzepten von Künstlern, die eingereicht wurden. Ich erinnere mich da auch noch an ein Treffen in einem Ladenlokal das passenderweise Kunstwelt hieß. Aber ich glaube das stand auch leer.

Ja, wir hatten als Künstler eben die Möglichkeit, den Leerstand zeitweise aufzufüllen  mit Kunst. Das war das Konzept, und das hatte sich auch realisiert, aber nicht geschäftlich. Im Prinzip war es ein Ausstellungskonzept, aber nicht ein Verkaufserfolg.

Bei dem Planungstreffen, das wir auch im Magazin dokumentiert haben, war die Rede vom Spannungsfeld zwischen MARTa und Daniel-Pöppelmann-Haus, also der Stadtteil, Herfords ältestes Stadtviertel, liegt zwischen zwei Kunstmuseen, und es gab dann die Erwartung dass Kunst quasi zwischen MARTa und Daniel-Pöppelmann-Haus hin- und herschwappen könnte, auch dauerhaft, womöglich.

Ja, es war einfach so, dass die offiziellen Ausstellungsmöglichkeiten, wie MARTa oder Daniel-Pöppelmann-Haus, natürlich nicht ständig und dann schon garnicht lokale Künstler präsentierten, die wollten ja Erfolge haben, indem sie international anerkannte Künstler zeigten, so dass die lokalen Künstler oft in die Leere guckten. Und dadurch wurde eben das Projekt entwickelt, Leere und Vision. So dass Herford dann als Stadt mit seinen großen beiden Kunstkonzepten nicht für die lokalen Künstler genug sorgte, aber die Geschäfte konnten dann gewissermaßen ihre Leere, diese Lücke füllen, und als Galerien kurzfristig aktiv werden.

Stimmt, jetzt erinnere ich mich auch wieder, dass das Gespräch auch darauf kam, dass die örtlichen Künstler im Grunde vernachlässigt werden von großen Museen.

Ja, es war für einen Herforder Künstler leichter, in Minden oder in München auszustellen, als in Herford. In Herford hatte jeder Künstler, der da wohnte, das Handicap, gewissermassen als lokaler Künstler zu gelten, und nicht als überregional anerkannter Künstler. Das konnte er erst beweisen, indem er in Berlin oder München oder Hamburg ausstellte.

Du hast dann auch zu diesem Projekt eine interessante Bilderserie entwickelt, Radewig Luftbilder. Die zeigen eine künstlerische Vorstellung von Stadtentwicklung in drei Stadien, von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit, wenn ich das richtig verstanden habe?

Ja, ich hatte eben auch Interesse, immer, an meiner Gegenwart, und insofern hatte ich auch Interesse an Herford, obwohl Herford selber an realen Herforder Gegenwartskünstlern kein großes Interesse hatte. Und ich habe mich insofern mit einem Projekt beschäftigt, das Herford von verschiedenen Seiten zeigte, von der Nähe, von der Ferne, und aus der Luft. Und ich habe dort auch für mich und für meine Malerei die neue Form von Luftbildern entwickelt. Die kannst Du auch zu dem Text dazusetzen, wenn wir sie finden.

Ja, gerne. Die Bilder zeigen Vegetation, Wasserläufe, Gebäude, Wege, Knotenpunkte?

Ja. Ich habe immer meine Gegenwart auch für wichtig gehalten, bis heute, und dass sich meine Kunst auch konzentrierte zum Teil auf mein Leben, auf mein Umfeld.

Daher wäre dann das 3. Bild, das die Neuzeit zeigt, das Wichtigste der drei Bilder?

Könnte sein, ja, auf jeden Fall war es natürlich belebter durch die Gegenwart.

Stimmt, wenn ich mich recht erinnere, ist es das lebhafteste der Bilder mit den meisten Einzelheiten.

Ich habe wahrscheinlich auch noch Fotos irgendwo, die ich als Grundlagen für meine Malerei verwendet hatte.

Wobei diese Bilder ja nicht realistisch sind. Z.B. aus der Frühzeit, da stand glaube ich 1200 v.Chr., ich denke da gab es vielleicht Luftbilder, wenn die Außerirdischen über die Erde gekreist sind.

Ja, die Kunst ist ja auch eine Vorstellungsform vom Leben, das nicht real ist, aber doch wirklich, in der Vorstellungskraft des Künstlers.

In der Vorstellungskraft des Künstlers gibt es Luftbilder, wo es eigentlich technisch…

…noch kein Flugzeug gab.

Zur Vorbereitung von Leere und Vision gab es eine Führung durch das Radewig-Viertel, das älteste Stadtviertel von Herford, wenn ich das richtig verstanden habe, das ist geprägt durch historische Gebäude und Straßen, und durch die Gewässer, den Stadtgraben und die Aa?

Ja, ich hatte immer Interesse an der Stadt auch an der Geschichte der Stadt, und dadurch ist das Projekt Leere und Vision auch geprägt natürlich von den Herforder Gebäuden. Ich wohnte selbst in einem historischen Gebäude, das unter Denkmalschutz stand, an der Elverdisser Straße. Fotos davon gibt es sicherlich irgendwo.

Das war nicht direkt in dem Radewig-Viertel?

Nein, das war eher am Stadtrand.

Aber Du kanntest das Radewig Viertel, z.B. den Gänsemarkt.

Ja, natürlich, da bin ich ja auch mit der Kamera herumgeturnt, und habe Fotos gemacht.

Auch die Radewiger Kirche, die Jacobikirche, wurde während Leere und Vision zum Ort für Kunst.

Die Kirchen haben immer eine wichtige Rolle gespielt bis heute, um das Viertel architektonisch zu charakterisieren, aufmerksam zu machen. Es sind immer Kirchen, die man als erstes sieht, schon alleine wegen der wunderbaren Kirchtürme. Ich selber bin kein Anhänger der christlichen Religion, aber ein Anhänger der christlichen Kultur, wie sie durch die Architektur z.B. gegeben wurde. Das Christentum ist für mich eine Kulturbewegung, und natürlich auch in Herford.

Die Kirche gehört auch zu den zentralen Punkten des Radewig-Viertels, könnte man sagen.

Ja, genau.

Das erinnert mich daran, dass auch in Minden Kunst in Kirchen ausgestellt wurde.

Ja, ich habe gerne in Kirchen ausgestellt, weil das sich auch anbot, als Räume die von Menschen besucht wurden, und gleichzeitig auch für Kunst zur Verfügung standen. Und die Kirche war in den Jahrhunderten immer ein wichtiger Motor der Kunst.

Das stimmt, die Kirche war früher ja auch Auftraggeber für Kunst. Ich denke es ist eine Bereicherung, für die Kirchen und auch für die Kunstbetrachter.
“Wenn die Menschen nicht zur Kunst kommen, muss die Kunst eben zu den Menschen kommen”, wurde in der Presse als einer der Leitsätze der Initiatoren des Projekts genannt.

Das ist auch der Grundgedanke beim Projekt Leere und Vision. Die Voraussetzung natürlich für die Vision für Kunst ist die Leere, wo man die Kunst auch zeigen und hinplatzieren kann. Und das waren nicht nur die Kirchen im Herforder Projekt, sondern auch die leerstehenden Geschäfte, die keine Waren mehr hatten, die als Geschäfte nicht mehr funktionierten, die Leerstand darstellten in der Stadt, und die lockten mich und meine Vorstellung und meine Freunde dazu, in diese Leerstände Kunst zu stellen. Und so wurden die leerstehenden Geschäfte zeitweilig zu Galerien.

Steckt in dem Satz auch ein bisschen die Drohung: Leute, geht los, Kunst anschauen, oder sie wird Euch heimsuchen kommen?

Ha ha. Nein, Kunst läuft nicht hinter den Menschen her, aber sie zeigt sich gern. Da wo die Menschen nichts haben an Kultur, an Geschäften, kann die Kunst gewissermaßen diesen Leerstand auffüllen mit Kultur. Ist ja eine wunderbare Chance, die geschäftlichen Probleme nicht zu lösen, aber zu nutzen für Ausstellungen von Kunst. Und da der Leerstand entstand dadurch dass die Menschen wenig in den Geschäften kauften, haben sie auch keine Kunst gekauft, aber wenigstens Kunst angesehen, und die Presse hat darauf auch sehr ausführlich reagiert.

Das ganze Stadtviertel schien verändert zu sein, einige Wochen lang.

Ja, genau. Daraus wurde im Stadtteil so ein Kunst-Rundgang, das machte einen Kunst-Rundgang möglich, die Menschen konnten durch die Stadt wandern von Kunstgalerie zu Kunstgalerie, die es normalerweise in diesen Städten ja garnicht gibt.

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