Interview Teil 10 – Zeitsprung

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Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

“Zeitsprung”-Präsentation in der Kunsthalle Düsseldorf, im Rahmen der Reihe NACHTFOYER. 4.9.2007

Das Buch Zeitsprung hast Du zusammen mit der Herausgeberin Renate Buschmann gestaltet?

Ja.

D.h. Ihr habt zusammen das Material gesichtet, und passende Fotos, Flugblätter u.Ä. rausgesucht?

Renate Buschmann ist eine Journalistin, die sich sehr mit Fotografie und Malerei beschäftigt hat, die ich auch auf andere Weise kennengelernt habe.

Du hattest damals Kontaktbögen, Flugblätter und anderes Material im Archiv, und deswegen war der Plan entstanden, daraus ein Buch zu machen?

Offensichtlich, das war natürlich ihre Idee.

Die Planung ging wahrscheinlich über einige Monate, oder über Jahre?

Jahre  nicht, aber Monate.

Man sieht Dich und andere Veranstaltungsteilnehmer in dem Buch häufig mit Mikrofon, d.h. öffentliche Diskussionen waren damals quasi an der Tagesordnung, man könnte sagen, ein Bestandteil der Kulturszene?

Ja, sicher. Jetzt weiß ich aber nicht, was Du meinst.

Naja, ich meine, es ist heute unüblich, dass jemand mit Flugblättern und einem Megafon durch Ausstellungen läuft. Ich frage mich, ob das damals an der Tagesordnung war, oder, es könnte sein, dass das auch damals eine eher ungewöhnliche Aktion gewesen ist.

Ja, das glaube ich auch. Für uns waren diese Instrumente wichtig für unsere Kommunikation. Damals waren jedenfalls auch Ausstellungen ein Anlass für Diskussionen, und da wurde das Megafon benutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen, um weithin hörbar zu sprechen. Es war eine Demonstrationszeit, da wurde viel öffentlich an Diskussionen geleistet, und vieles auch angegriffen. Es war eine Kampfzeit.

Manchmal waren Leute vielleicht überrascht, wenn man ihre als garnicht so provozierend gedachten Ausstellungen angegriffen hat.

Ja, das war wohl so, natürlich. Andererseits fanden die Künstler es nicht falsch, wenn sie beachtet wurden. Durch diese linken Demonstrationsveranstaltungen wurden ja auch Ausstellungen sehr öffentlich, sehr deutlich gemacht, und die Presse hat entsprechend auch mehr reagiert, als für eine stille, normale Ausstellung. Die Presse ragierte sehr deutlich auf diese Aktionen. Es war eine Zeit, da war es sozusagen en vogue, Aufmerksamkeit durch Protestveranstaltungen zu erregen. Und es war ja auch ein Versuch, die Kulturszene lebendiger zu machen, anzugreifen, nicht sehr zur Begeisterung der Kunsthallendirektoren.

Ich versuche manchmal, mir die Zeit vorzustellen, wo, wenn man in die Kunstakademie ging, diese gerade von Beuys Studenten besetzt war, oder von der Polizei geräumt wurde, und wenn man in Ausstellungen ging, die gerade mit Flugblättern gestürmt wurden.

Es war real so, dass die Kunstszene dadurch lebendiger wurde, als vorher, vorher war es eine stille Art für gebildete Bürger, und dann wurde es eine viel öffentlichere, auch gesellschaftliche Situation, eine Kunstausstellung. Und die Kunst selber wurde ja auch gesellschaftlich, siehe Beuys. Aber Beuys war nicht der einzige, der das erreicht hat, unsere Gruppe, die PSR, war auch ziemlich aktiv in diesem Punkt. PSR, Politisch Soziale Realität, war unser Name. Wir haben Aktionen und Ausstellungen gemacht mit realen Themen, z.B. Obdachlosigkeit in Düsseldorf. Da waren wir ja in der Kunsthalle vertreten, und hatten da eine schöne große Ausstellung. Nach dem Prinzip der Wandzeitung war die aufgebaut. Die Wandzeitung war aus China nach Europa herübergeschwappt. Die Demonstrationen in China wurden mit Wandzeitungen auch bestückt.

Und Wandzeitungen gab es in Museen wahrscheinlich eher selten?

Eher selten, wir haben eine gemacht, aber die anderen ja nicht. Die Wandzeitung war in China eine Straßenkunst, und wir hatten die Möglichkeit, die Wandzeitung als Ausstellungsinstrument in der Kunsthalle zu präsentieren.

Gibt es da eine Art Verwandtschaft zwischen heutiger Street Art und der Wandzeitung?

Das hat schon, das stimmt, das hat sicherlich einen Rückgriff auf die Wandzeitung,  eine Erinnerung jedenfalls, an die Wandzeitung.
Heute ist das Internet das, was früher die Wand war.

Das Internet hat das Problem, teilweise kommunikativ zu sein, durch soziale Netzwerke, da aber in dem Ruf zu stehen, hauptsächlich Katzenbilder zu verbreiten.

Wenn ich Katzen sehe, lösche ich sie schnell. Ich mag Katzen schon, aber nicht so massenhaft im Netz.
Jedenfalls ist das Internet ein neues Forum der Kommunikation, aber auch der Kunst. Also ich stelle, wenn ich ein Bild in Arbeit habe, stelle ich es schonmal ins Netz. Wenn es fertig ist, nochmal. Und wir haben ja auch im Netz eine Galerie.
Da muss man nicht in die Galerie laufen, wo ja sowieso nicht immer die ganze Sache hängt, sondern im Netz kann man sehr vieles sehen, das so gleich nicht ausgestellt werden kann. Und man kann sich von einem Künstler Bild machen, indem man ihn einfach ergoogelt, und dann von seiner Biografie etwas erfährt, und seine Bilder ansieht. Das ist doch wunderbar.

So kann man sehr viele Künstler kennenlernen, die man sonst nicht sehen würde, weil man nicht alle Galerien dieser Welt bereisen kann.

Ja genau, oder nicht tut, ist ja einfach viel zu umständlich. Und außerdem kann man über Bekannte, Künstler und Freunde immer etwas Neues sehen, wenn die bereit sind, ihre neuen Arbeiten immer wieder auch ins Netz zu stellen, was ich sehr schätze, wenn sie das tun.

Du siehst das als Möglichkeit, Bilder schneller und einfacher zu zeigen.

Ja unbedingt, man muss sie noch nicht mal tragen, man macht eine Aufnahme, und stellt sie ins Netz. Was ich gerade in Arbeit habe, habe ich doch schon gezeigt. Für mich ist das auch eine Art Spiegel, ich gucke meine eigene Arbeit dabei an.

Dadurch siehst Du die Arbeit auf andere Weise?

Genau, sozusagen um die Ecke, oder wie durch einen Spiegel.

 

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