Interview Teil 11 – Lidl und Fluxus

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Interview des vm2000.net mit Jörg Boström


Erinnerst Du Dich noch an die Lidl-Akademie vor der Kunstakademie?

Ja, selbstverständlich.

Die war anscheinend aus der Kunstakademie ausquartiert worden?

Ja, der Direktor der Kunstakademie war verärgert, und hat dann die Lidl-Akademie rausgeschmissen. Und die Lidl-Akademie hat sich dann, aus Protest, Immendorff und seine Freunde, vor der Akademie ein Zelt aufgebaut und fest eingerichtet, also eine externe Akademie neu aufgebaut.
Und dadurch wurde die Protestaktion ja noch bekannter, als wenn sie drin geblieben wäre. Sie ist ja auch in der Presse gut behandelt worden.

Das war eine Art Tagung, bei der auch Performances, bzw. z.B. diese Schaukämpfe stattfanden?

Ja, z.B der Ringkampf, zwischen Immendorff und Stüttgen.

Dieser Ringkampf war eine Art Performance, und der hatte auch etwas mit der Olympiade zu tun?

Das wurde ein bisschen so behandelt, ja. Sozusagen eine alternative Olympiade.

Ich nehme an, dass das allen Beteiligten einigen Spaß gemacht hat.

Ja, hat es auch, und mir ja auch. Meiner Kamera auch, sonst gäbe es ja die Bilder nicht. Damals haben die Leute nicht ständig fotografiert, da war ich nur so süchtig mit der Kamera, und habe fast alles, was ich erlebt habe, auch fotografiert.

Da waren nicht viele Fotografen anwesend?

Nee, nicht dass ich wüsste. Fotografie war damals in der Kunst nicht so geschätzt, wie von mir. Für mich war das die wichtigste Kunst, eine zeitlang. Wichtiger als die Malerei. Die Fotografie war für mich ein Stück Wirklichkeit, und die Wirklichkeit war für mich das, der Gegenstand meiner Kunst.

Auf Deinen Fotos sieht man Studenten bei einer Vollversammlung, da sieht man auch Beuys unter den Studenten, die scheinen irgendetwas Wichtiges auszudiskutieren.

Der Beuys wurde ja wegen seiner Aktionen von der Akademie rausgeschmissen. Die Aktionen, das haben die damals nicht kapiert, dass der Beuys ein Aktionskünstler war. Sondern die haben das als Skandal empfunden, und haben ihn deshalb aus dem Dienst entlassen. Die haben nicht kapiert, dass Beuys der berühmtere war, berühmter als die ganze Akademie. Damals war Beuys ja der zentrale berühmteste Künstler, nach und nach.

Stimmt, Beuys war berühmter als viele andere Akademieprofessoren.

Ja, Du musst mal überlegen, welche Professoren Dir noch einfallen, da fallen Dir garkeine mehr ein. Mir fällt auch nur Bruno Goller ein, weil das mein Professor war.

Wer auch noch einige Aufmerksamkeit erlangt hat, war ja, wie heißt er noch, das Malgenie, Malerfürst Genie Markus Lüpertz, so findet man ihn bei google, und Jörg Immendorff ja auch irgendwie.

Ja, Jörg Immendorff auf jeden Fall, der führte ja gewissermaßen die Aktionskunst an der Akademie ein.

Wobei Immendorff ja auch ganz normale Wandbilder gemalt hat, soweit ich weiß.

Ja, nach dem Vorbild von Comics hatte er eine Malerei aufgebaut. Also Immendorff hat richtig gemalt, Ölbilder, nach dem Vorbild von Comics, aber eigene Erfindungen.

Beuys war ja eigentlich Bildhauer?

Ja, Beuys hatte im Grunde eine Professur als Bildhauer. Aber er war im wesentlichen ein Installations- und Szenekünstler.

Stimmt, es gab ja damals international Fluxus-Performances, nicht nur in Düsseldorf, dort ging es wahrscheinlich teilweise relativ wird zu?

Ja, natürlich, habe ich auch mitgekriegt, habe ich auch teilweise fotografiert.

Wahrscheinlich war die ganze Zeit auch ein bisschen durch die Fluxus-Bewegung geprägt?

Ja, Chris Reinecke hat ja auch solche Aktionen gemacht. Da haben prominente Kulturpolitiker getagt, an einem Tisch gesessen, und Chris Reinecke macht ihre Kaugummi Aktion. Die kennst Du ja von meinen Fotos.

D.h. sie zog demonstrativ Kaugummi in die Länge, um den Herren zu zeigen, was sie von der Diskussion hielt?

Dass die nur Quatsch reden, nur Gummi.

Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, dass überall in Akademien und bei Veranstaltungen und in Museen solche Performances stattfinden.

Jede Zeit hat so ihre Eigenart. Im Augenblick geht es relativ brav zu in den Akademien.

Könnte man vielleicht so sagen, es sei denn man wird irgendwann wieder eines besseren belehrt, wer weiß.

Ja, mal sehen, was passiert, in Zukunft.

Man fragt sich manchmal, manche Sachen erleben ja ein Revival. Da könnte man sich fragen, wird es irgendwann ein Fluxus Revival gegeben? Man könnte auch sagen, Fluxus war vielleicht schon teilweise eine Wiederbelebung von Dada, da wäre ich aber nicht sicher, ob das jeder so sehen würde.

Ja, Dada hatte auch Aktionen, ich kenne mich da nicht so aus. Auf jeden Fall war es immer eine Alternative zur konventionellen bildenden Kunst und Skulptur.

Eine sehr interessante Zeit.

Ja, fand ich auch, und ich habe es ja mit der Kamera besonders nah erlebt. Weil, ich bin mit der Kamera natürlich nah an die Ereignisse herangegangen, wie Du gesehen hast.

Ich sehe auf einem Foto z.B. eine Nebelkammer, wenn ich das richtig sehe, ist es die Nebelkammer von Gotthard Graubner?

Ja, der Graubner hat mit Nebel gearbeitet, Nebeldunst verbreitet. Da konnte man reingehen, und dann war man verschwunden im Nebel.

Eigentlich war er Maler?

Er verwandelte die Wirklichkeit ja in ein Bild, durch seinen Nebel. Und gehst Du da rein, wirst Du ein Teil seines Bildes.

Und Du hast auch mal Bazon Brock bei einer Diskussionsveranstaltung fotografiert?

Bazon Brock war ein begabter Redner, und hat die Rede zur Kunstform erhoben, hat also Reden gehalten. Und wer das nicht mochte, der sagte, Bazon Brock, der Schwätzer. Der konnte den ganzen Saal füllen, indem er eine Rede ankündigte, und dann quatschte der ununterbrochen. Ich habe noch Aufnahmen davon, ich weiß nur nicht mehr, wo die sind, Tonbandaufnahmen.

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