Zeitreisen in Münster, auch während der Skulpturprojekte

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Kunst kommuniziert mit der Geschichte der Stadt, die auch immer wieder Zerstörungen erlebte – Kunstwerk während der Skulpturprojekte von Vandalen enthauptet – Geisterradiosender taucht aus der jüngeren Vergangenheit auf

 

Fotografien: Katharina Beining, Annette Bültmann
Text: Annette Bültmann

Historische und aktuelle Ansichten treffen in Städten auf unterschiedliche Weisen immer wieder aufeinander, mal eher ungeplant, mal durch die Sichtweise von Künstlern zusammengebracht, auch in Münster, wo an der Aegidiikirche zur Zeit eine an die Ära der s/w Fotografie erinnernde Installation zu sehen ist, die gleichzeitig einen Bezug zur Stadtgeschichte herstellt.
Die seit 2005 in wechselnden  Installationen ausgestellten Arbeiten der Gruppe Peles Empire sind inspiriert durch das rumänische Schloss Peles, und zeigen dieses teilweise fragmentarisch, z.B. in abblätternden Fototapeten, oder Fotografie in Kombination mit Malerei und Skulptur, der Eindruck einer nicht ganz fertiggestellten Restaurierung kann entstehen durch Leitern, Gipstüten, oder skulpturale Elemente, die an Trümmer erinnern. Ein Einfluss der Copy-Art macht sich auch bei dem für Münster erstellten Kunstwerk  bemerkbar, da die Front der begehbaren Installation aus Platten besteht, deren Maße durch das Din A3 Format bestimmt sind. Diese Installation bezieht sich nicht nur auf das rumänische Schloss Peles, sondern auch auf die Fassaden des Münsteraner Prinzipalmarkts. Der Aufbau des Kunstwerks erinnert an die gestaffelten Giebel der dortigen Häuser. In der Nachkriegszeit wurde der großenteils zerstörte Prinzipalmarkt wieder aufgebaut, auf den früheren Grundstücksparzellen, und im historischen Stil, die Struktur und Atmosphäre sollte wiederhergestellt werden, aber es war nicht möglich, alle Details  zerstörter historischer Häuser originalgetreu zu rekonstruieren. Natürlich könnte man diese Arbeit, die an die Copy Art erinnernden Platten, die zur Fassade aufgestellt wurden, in gewisser Weise als eine künstlerische Kritik am Münsteraner Wiederaufbau betrachten, der allerdings doch nicht so leicht auf dem Kopierer zu kacheln war, wie man es sich demnach vorstellen könnte. Sondern der Sandstein der früheren Häuser wurde größtenteils recycelt, teilweise nach vorherigem Mahlen, durch Freiwillige deren Entlohnung in einem Teller Suppe pro Tag bestand. Das Inventar des historischen Friedenssaals (Holzvertäfelungen, Schränke, Kronleuchter) war rechtzeitig ausgelagert worden und blieb daher erhalten, und kann heute besichigt werden, auch während der Skulpturprojekte. Im Rahmen der Skultpturprojekte findet dort, beginnend in der davor liegenden Bürgerhalle, während der Öffnungszeiten eine Tanzperformance unter Leitung der Künstlerin Alexandra Pirici statt. Das Rathaus im gotischen Stil wurde nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebaut, das Giebelgeschoss hat 7 Achsen mit Pfeilern und Giebelfiguren. Diese wurden im Verlauf der Jahrhunderte restauriert oder ausgetauscht, zwei noch erhaltene Figuren des Original Gibelschmucks sind in der Bürgerhalle ausgestellt.

 


Eine unfreiwillige Zeitreise hat der Skulpturen-Brunnen an der Promenade, “Skizze für einen Brunnen”, für die Skulpturprojekte entworfen von Nicole Eisenman, angetreten. Auch wenn die Installation mit mehreren überlebensgroßen Figuren und einem flachen Wasserbecken schon vorher entfernt an die Antike erinnerte, überlebensgroße Skulpturen waren damals nicht unüblich, und ebenso Wasserbecken z.B. in Heiligtümern und an Kultplätzen, wurde dieser Eindruck noch verstärkt, als eine Skulptur in der Nacht zum 20. Juli durch Vandalen enthauptet worden war. Das Kunstwerk war dann bis heute mit fehlendem Kopf zu sehen. Funde von unvollständigen oder kopflosen Skulpturen sind ja in der Archäologie relativ häufig anzutreffen. Bei der Restauration antiker Skulpturen mit Rekonstruktion aus in Museen gelagerten Einzelteilen soll es schonmal vorgekommen sein, dass einer griechischen Statue ein römischer Kopf aufgesetzt wurde. Über die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg lässt sich der Kopf nicht in allen Fällen wiederfinden. In diesem Falle tauchte er allerdings einige Tage später in einem Gebüsch in der Nähe wieder auf, er wurde dort zufällig von Passanten entdeckt. Da er sich nun im Polizeipräsidium befindet, bleibt die Skulptur weiter kopflos. In der Nacht zum 30. Juli wurde erneut eine Skulptur beinahe enthauptet. Bis heute wird die Skulptur an der Promenade weiterhin mit einem fehlenden Kopf ausgestellt.

 

 

Eine Zeitreise in die jüngere Vergangenheit der USA tritt ein Radiosender an, in einer Filminstallation als Rückprojektion von Gerard Byrne blicken die Besucher der Stadtbücherei scheinbar in ein Aufnahmestudio, in dem eine Radiosendung mit einem Moderator, der auch Musik auflegt, live ausgestrahlt wird, die Uhrzeiten in den Ansagen scheinen mit der aktuellen Uhrzeit in Münster übereinzustimmen. Eine Band kommt ins Studio, es werden Instrumente angeschlossen, es sind dementsprechend klappernde Geräusche zu hören. Sowohl durch das Retro Equipment (Plattenspieler, Mischpulte mit vielen Drehreglern, ein Korg Synthesizer u.Ä.) als auch durch die Inhalte mancher Ansagen (es werden z.B. die Politiker Reagan und Breschnew erwähnt) fühlt sich der Zuschauer aber um mehrere Jahrzehnte zurückversetzt, und bekommt Wetterberichte zu hören über Highways in mehreren Bundesstaaten der USA, auf denen Nebel oder Gewitter angekündigt ist. Hat ein Gewitter einen Zeitriss erzeugt, durch den dieser Geistersender ins Jahr 2017 katapultiert wurde? Besucher der Skulptur-Projekte finden diesen Untergrundsender in einem separaten Raum mit Surround-Akustik im Kellergeschoss der Bibliothek.

 

 

https://www.skulptur-projekte.de

 

 

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