X-Ray – Ausstellung von Manfred Schnell im Gerbereimuseum Enger

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Prof. Dr. Lore Benz

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung X-Ray am 10.07.2016

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Manfred,
es bedeutet für mich Ehre und Freude zugleich, dass ich Sie heute in die
aktuelle Ausstellung von Manfred Schnell im Gerbereimuseum hier in Enger
einführen darf. Ehre bedeutet es für mich insofern, als Manfred Schnell als
Maler, Zeichner und Bildhauer in der Region bereits mit zahlreichen
Ausstellungen und darüber hinaus mit einer Reihe von Installationen,
Skulpturen und Reliefs im öffentlichen Raum hervorgetreten ist und
entsprechendes Ansehen als Künstler erworben hat. Und Freude bedeutet es
für mich, insofern ich Manfred Schnell, den ich in dem nur einen Jahr,
seitdem ich ihn jetzt persönlich kenne, als Person sehr schätzen gelernt und
ihn zusammen mit seiner Gattin Ingrid als echte Freunde gewonnen habe.
Manfred Schnell hat seine Ausstellung „X-Ray“ betitelt – ein Titel, der
sogleich Neugierde und zunächst doch auch eine gewisse Aporie aufkommen
läßt: Röntgenstrahlen bzw. X-Strahlen, wie Conrad Röntgen die nach ihm
benannten Röntgenstrahlen ursprünglich selbst bezeichnete:
Röntgenstrahlen, mithin „X-Ray“ und Kunst? „X-Ray“ als Titel für eine Kunst-
Ausstellung und auf der Basis von „Malerei, Zeichnung, Digital“, wie der
Untertitel lehrt? „Unterwegs mit der Röntgenbrille“ titelte ein kürzlich
erschienener Presseartikel zu der Ausstellung. Aha, wird der zunächst
unbefangene Leser gedacht haben: Die berühmte „blaue Sonnenbrille“ aus
dem 007-Film „Die Welt ist nicht genug“, in dem James Bond mithilfe dieser
Brille durch die Kleidung der anwesenden Personen hindurch blicken und
erkennen kann, ob sich an deren Körpern Waffen befinden. Manfred Schnell
also in der Nachfolge von James Bond und im Besitz einer realiter
funktionierenden Röntgen-Brille, die ihm den Blick auf die Oberfläche des
Körpers ermöglicht? Man ist erstaunt und verwirrt zugleich, ringt doch die
Wissenschaft nach wie vor um diese Technik, die sich zwar in den viel
diskutierten sog. „Nackt-Scannern“ an den Flughäfen bereits umsetzen läßt,
jedoch in Brillen-Form nach wie vor nicht realisierbar ist.

Durchschreitet man nun die Ausstellung von Manfred Schnell, so wird einem
sehr schnell bewußt, dass der Titel „X-Ray“ kaum so sehr ganz eigentlich als
konkrete Röntgenstrahlung zu verstehen ist als vielmehr als ein umfassend
zugrundeliegendes Programm, das einerseits in der Tat digitale Techniken
impliziert, die an röntgenartiges Durchleuchten und Sichtbarmachen
gemahnen – hier zu sehen an den diversen am PC entstandenen Arbeiten
wie den „Flash 1-5“ bezeichneten Arbeiten sowie der explizit „X-Ray“
betitelten Arbeit. Andererseits und und nicht zuletzt aber bedeutet „X-Ray“
eine programmatische Metapher, unter der sich neben den in dieser
Ausstellung gezeigten digitalen Arbeiten auch die anderen Exponate, ob
Malereien, Zeichnungen, Holzschnittarbeiten sowie die dazugehörigen
Installationen, subsumieren lassen: Es geht um den freilegenden, tief- und
durchdringenden, schließlich durchschauenden „Röntgen“-Blick, mit dem der
Künstler Manfred Schnell den von ihm gewählten politischen und
gesellschaftlichen Themen auf den Grund geht, sie punktuell in zentralen
Aspekten fokussiert, offenlegt und sich in dieser Weise kritisch mit ihnen
auseinandersetzt. Die Themen, die Manfred Schnell in seinen Exponaten
aufgreift und kritisch, „röntgenartig“ punktuell durchleuchtet, umfassen in
einem breiten Spektrum vergangenes, gegenwärtiges sowie aktuelles
politisches und gesellschaftliches Geschehen – und scheuen dabei auch
nicht vor hoch Brisantem zurück. Sie fokussieren – und hier bekommt X-Ray
seine ganz konkrete Bedeutung – in der Collage „The Little Stupid
Thwartness Men“, die ihrerseits angelehnt ist an eine in Amerika zwischen
1905 und 1911 bekannte Comicreihe „The Little Nemo in Slumberland („Der
Kleine Nemo im Schlummerland“), etwa den Ost-West-Konflikt und das
vergebliche, womöglich auch halbherzige, auf jeden Fall fruchtlose Bemühen
zwischen Chruschtschow und Kennedy im Jahr 1961 um die Einstellung von
Kernwaffenversuchen und das Wetteifern um die schlagkräftigste
Atombombe und die Folge, dass die Gefahr für die Bevölkerung in Amerika
bewußt verharmlosend dargestellt wurde.


Zu den kritisch durchleuchteten Themen gehört im Rahmen der Ausstellung
aber auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, hier im Rahmen der
Installation mit dem Titel „Hermann“, einem kleinen Wolfsspitz, dessen Tod
der Knabe Albert betrauert und von dem ihm seine Mutter sagt, dass er nun
im „Hundehimmel des Führers“ sei, um den Vater, der in einem KZ arbeitet,
nun seinerseits brieflich zu bitten, ihm doch statt dessen einen „echten
deutschen Schäferhund von seiner ,Arbeitsstelle’“ mitzubringen.
Ein weiteres Thema, das Manfred Schnell in der Junktur von drei Arbeiten,
die zu einer Installation zusammengefügt sind, kritisch durchleuchtet, ist im
Kontext der Wiedervereinigung das Spannungsfeld der von Helmut Kohl
verheißenen „blühenden Landschaften“ einerseits und der Agenda 2010
Gerhard Schröders mit ihren konkreten arbeitsmarkt- und sozialpolitischen
Auswirkungen für ehemalige DDR-Regionen andererseits, wonach nicht
wenige ehemalige DDR-Bürger in ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben
massiv enttäuscht wurden, quasi durch das Netz fielen und statt dessen ihren
Lebensunterhalt durch das Sammeln von Mehrwegflaschen realisieren
mußten – und müssen.
Die groß angelegte digitale Arbeit „X-Ray“ beleuchtet und durchleuchtet
ebenso schonungslos wie provokativ Personen wie Recep Erdogan, hier im
Kontext mit Böhmermanns Schmähgedicht, nicht anders Donald Trump,
Baschar al-Assad und Wladimir Putin, die beiden letzten im Kontext von
Gewalt, Folter und/oder russischer Mafia in deren ganzer Brutalität. Die Arbeit
„Huri/Paradies“ aus dem Jahr 2007 scheut gleichermaßen nicht vor einer
kritischen Auseinandersetzung mit den Paradies-Verheißungen so mancher
Imame zur Motivierung von jungen Muslimen zu Selbstmordattentaten
zurück, wonach im Paradies angeblich 72 Jungfrauen, die sog. „Huris“, als
Belohnung auf die Selbstmordattentäter warten – mithin Jungfrauen von
„blendender Schönheit“, als „wohlverwahrte Perlen“ und „mit schwellenden
Brüsten“, wie es im Koran zur Beschreibung der „Huris“ heißt. Das Thema
Sexualität als menschliches Grundbedürfnis und zugleich als omnipräsentes
menschliches Movens und darüber hinaus in expliziter Junktur mit der daraus
auch immer wieder resultierende sexuellen Gewalt sind gleichermaßen ein
Thema, das in den Exponaten der Ausstellung nicht nur immer wieder
augenfällig begegnet, sondern allenthalben den Hintergrund und den
größeren Kontext bildet.
Es ist wahrlich keine leichte Kost, die Manfred Schnell im Rahmen seiner
facettenreichen „X-Ray“-Ausstellung seinem Publikum darbietet. Es ist gewiß
auch keine Kost, die leicht eingängig sein möchte und sich quasi im
Vorbeigehen erschließt. Vielmehr muß der Betrachter genau hinsehen, er
muß sich bei der Rezeption auch seinerseits auf den die verschiedenen
Schichten durchdringenden und durchleuchtenden Röntgen-Blick des
Künstlers einlassen, um durch die Komplexität der Darstellung zu dem
Eigentlichen vorzudringen. Dabei erhebt der Künstler explizit nicht den
Anspruch der einen einzigen gültigen Perspektive. Wie er sagt:
„Möglicherweise entdeckt der Betrachter noch sehr viel mehr in meinen
Arbeiten als ich selbst“. Individuelles Durchschauen und Erkennen und
Perspektiven-Vielfalt sind also nicht nur möglich, sondern auch ausdrücklich
erwünscht. Ferner: Gefällig kommen die Exponate der Ausstellung gewiß
nicht daher: Augenfällig Provokantes und Provozierendes sind in den
Arbeiten allenthalben gegenwärtig – wie es im Flyer so treffend heißt:
„pervertiertes-sexxistisches-pornographisches-stigmatisches-verletzendes“.
Das erweckt einerseits natürlich Neugier, stimuliert, ja zwingt den Betrachter
vor allem aber auch zur kritischen Auseinandersetzung mit den jeweiligen
Arbeiten.


Mit seiner aktuellen Ausstellung „X-Ray“ bleibt sich Manfred Schnell in
seinem Wirken als Künstler treu. Und so kann er im Rahmen seiner aktuellen
Ausstellung „X-Ray“ eine Auswahl älterer Arbeiten, beginnend mit dem Jahr
1989, problemlos mit ganz aktuellen Arbeiten aus dem Jahr 2016
zusammenstellen. Was alle diese Arbeiten verbindet, ist die kritische
Stellungnahme zu gesellschaftlichen und politischen Themen und
Phänomenen – mithin das kritische Durchleuchten, Ausleuchten und
Sichtbarmachen. Wie Manfred Schnell in einem Interview einmal sagte: „Bis
heute bin ich der Auffassung, dass Kunst sich kritisch mit gesellschaftlichen
Entwicklungen auseinandersetzen sollte (…) Gute Kunst hat immer eine
Avantgardefunktion, soll als Vorreiter auf politische und gesellschaftliche
Veränderungen reagieren und agieren“. In diesem tief greifenden
Grundverständnis von Kunst sozialisiert hat sich Manfred Schnell bereits
während seiner Studienzeit, und zwar in der Initiativgruppe „Kunst und
Politik“: „KuPo“, zu deren Mitgliedern neben ihm auch Frank Herzog, Gilbert
Lange und Manfred Wilhelms gehörten. Ein ungebrochen wichtiges Anliegen
ist ihm die kritische Stellungnahme zu Politik und Gesellschaft bis heute und
vor allem auch heute, geht es ihm jetzt doch gerade auch um seine beiden
Enkelinnen und deren Zukunft, die er mit Hilfe seiner kritischen und
stellungnehmenden Arbeiten immerhin mitgestalten möchte – auf dass diese
Zukunft eine gute, womöglich eine bessere werde.
Ist die kritische Stellungnahme also ein nach wie vor ungebrochenes
zentrales Anliegen des künstlerischen Schaffens von Manfred Schnell, so hat
sich – das zeigt die Ausstellung auch – gleichermaßen nichts an seinem
Credo für Gestaltungsvielfalt geändert. Andererseits – und das ist eine
Wei terentwicklung, die sich gleichermaßen in der Ausstel lung
niedergeschlagen hat – arbeitet Manfred Schnell inzwischen fast
ausschließlich mit dem PC und entsprechender Software. Seine Bilder,
Zeichnungen, Grafiken entstehen am Computer und werden später in der
Druckerei auf entsprechende Materialien gedruckt. Wie er in einem Interview
einmal betonte: „Ein Teil des Handwerklichen im künstlerischen
Schaffensprozess wird zwar von der Technik abgelöst, aber das Kreative geht
dabei nicht verloren. Es liegt darin, die in der digitalen Technik enthaltenen
Möglichkeiten ausfindig zu machen und damit zu experimentieren.“ Diese
Digital-Technik, in deren Zuge der PC quasi zum Pinsel oder Zeichenstift des
Künstlers wird, ermöglicht erst recht den „Röntgen-Blick“ des Künstlers
Manfred Schnell, insofern hier auf der Basis von Screenshots aus dem
Internet und ihrer anschließenden Bearbeitung das punktuelle Durchleuchten
und Sichtbarmachen gerade auch technisch noch um so eindrücklicher
gelingt.
Genug! Ich hoffe, ich habe Ihnen einige Anregungen zur Herangehensweise
und zum Verständnis der Ausstellung geben können. Nun ist es an Ihnen,
einen Rundgang durch die ausgestellten Exponate zu machen und sie in der
Vielschichtigkeit, der Aussage und der künstlerischen Technik wahrzunehmen
und zu verstehen. Die Arbeiten sind komplex – gar keine Frage – und
erschließen sich erst durch das genaue Hinsehen und Hinterfragen. Und so
scheuen Sie sich auch nicht, den Künstler Manfred Schnell zu befragen und
mit ihm zu diskutieren! Er steht ihnen zur Verfügung!

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