Ballhungrig

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von Helmut Engelhard

In unserem Familienalbum gibt es e i n e kleine Schwarzweiß-Fotografie mit gezackten Rändern, aufgenommen 1949 mit Vaters Voigtländer Kamera. Das war, als mein Bruder Hans-Jürgen und ich mit ihm zwei Wochen unserer Schulferien in Nürnberg bei Großmutter Margarete verbrachten. Vaters verwitwete Mutter lebte dort mit ihren beiden Töchtern Wilhelmine, Mina, und Friederike, Frieda, in einem Mehrfamilienhaus zur Miete. Ein Zimmer hatten sie, der Not gehorchend, an den Schwiegervater der früh verwitweten Tante Mina untervermietet. Dieser kleine und bescheidene Mann wurde in der Familie Vater Haas genannt.

 

 

Der Schnappschuss zeigt acht Personen in Großmutters Wohnzimmer auf zwei Stuhlreihen sitzend: Mein jüngerer Bruder und ich in der ersten, rechts und links von Großmutter und Vater eingerahmt. Wie damals üblich, tragen wir Lederhosen. Unsere Münder sind leicht geöffnet. Sorgfältig gescheitelt, schaue ich andächtig mit gefalteten Händen nach oben zum soeben gezündeten, an einem hoch platzierten Besenstiel hängenden Blitzlicht. Der Bruder, auf dem Schoß einen Fußball, Modell „Titan“, mit beiden Händen umfassend, blickt unbewegt nach vorne. Großmutter im schwarzen Kleid mit hellem V- Ausschnitt und dunklem Kragen hat, die gefalteten Hände im Schoße ruhend, ihre melancholischen Augen ebenfalls zum Licht empor gerichtet. Vater, korrekt mit Krawatte und Jackett, ist offensichtlich noch in Gedanken mit dem Selbstauslöser beschäftigt und hat den Spurt vom Fotoapparat zu seinem Stuhl mit Mühe geschafft. Innerlich noch nicht auf den spannenden Moment der Blitzlichtaufnahme vorbereitet, starrt er mit leicht angestrengtem Gesicht und ineinander verschlungenen Händen in die Linse. In der zweiten Stuhlreihe links, döst Onkel Otmar, der jüngste Bruder meines Vaters, vor sich hin. Er ist, in der näheren Umgebung Nürnbergs wohnend, zum Geschwistertreffen herbeigeeilt. Seine rechts von ihm sitzende Schwester Mina guckt ruhig und etwas in sich gekehrt geradeaus. Daneben ihr Schwiegervater, der den Kopf nach oben reckt, um gut sichtbar zu sein. Tante Frieda am rechten Ende der Reihe lächelt als E inzige mit ihren hoch gekämmten Haaren dem Betrachter zu. Den Hintergrund dieser Idylle bildet die geschlossene, mit Blumen gemusterte Gardine.

Seit Mitte 1946 lebte unsere 5-köpfige Familie in Leverkusen. In dieser neuen Heimat hatte ich ein bis zwei Jahre vor dem Nürnberger Fototermin als 11- bis 12- Jähriger das Fußballspielen für mich entdeckt. Es hatte sich ganz zwanglos ergeben. Man stieß zu einer bereits spielenden Gruppe oder traf in unserem Viertel auf der Straße oder an einer der Kipploren, die, gut verteilt, zum Abtransport von Trümmern herumstanden, einen Jungen, der einen Tennis-, Gummi- oder sogar einen alten Fußball mit sich trug. Dann dauerte es nicht lange, bis wir den Ball mit den Füssen triezten, wodurch nach sehr kurzer Zeit wiederum andere Jungen angelockt wurden. Die Zahl der Mitspieler erhöhte sich im Nu. Zwei Mannschaften wurden gebildet, das Spielfeld mit zwei Toren aus Steinen oder Hölzern sowie passenden Kreidelinien als Begrenzungen markiert, und die Bolzerei begann. Ein Schiedsrichter wurde nicht nominiert, denn es galt Fairplay, und außerdem war jeder auch sein eigener Referee. Die Abseitsregel blieb ebenfalls außer Kraft, denn man verstand sie nicht so genau. Der Reiz des Spiels bestand auch darin, sich unauffällig in der Nähe des gegnerischen Torwarts aufzuhalten, um verunglückte Bälle abzustauben und zu verwandeln. Zur Unterstützung der sportlichen Anstrengungen war festes Schuhwerk nützlich, jedoch nicht immer zu Hause vorrätig. Das Straßenkicken verlangte von uns Kombattanten neben Schnelligkeit, Ausdauer und Geschicklichkeit in manchen Fällen auch die Grundkenntnisse der Physik, wenn, wie vom Billard bekannt, die Straßenbordsteine als Bande benutzt werden sollten. Um die mit allen Tricks spielenden Widersacher zu besiegen, lernte man schnell ein gepflegtes Kombinationsspiel mit seinen Mitstreitern. Das Dribbeln im Alleingang, auch Fummeln genannt, kostete Kraft. Kräfte ließen sich aber sparen mit einem direkten strammen und genauen Weitschuss.
Da das Tor nicht durch Stangen markiert war, kam es gelegentlich vor oder gehörte nicht selten zur Taktik, dass ein erzielter Treffer in das gegnerische Tor von der Gegenpartei nicht anerkannt werden wollte. Sie oder auch wir sprachen von „daneben“, „zu hoch“, ferner von „Hand“, „Foul“ oder anderen Fisimatenten. Wurde darüber diskutiert, war es, wie auch im richtigen Leben, sehr hilfreich, gut argumentieren, laut schreien oder einfach stur beharrlich sein zu können, um den Gegner zur Anerkennung des Treffers zu bewegen. Hatte man die physischen Voraussetzungen, konnte man allein dadurch das Palaver abkürzen.
Die Spieldauer war variabel und hing wesentlich davon ab, ob der größte Teil der Spieler seine Schularbeiten gemacht hatte oder eventuellen anderen Verpflichtungen bereits nachgekommen war. Eine besondere Rücksicht auf Motorfahrzeuge war zu dieser Zeit noch nicht nötig. Mangels Masse gab es sehr wenige Störungen dieser Art.

Als schmächtiges Kerlchen bemerkte ich bald eine gewisse Unterlegenheit im direkten Spiel gegen robustere Typen. Nicht umsonst lautete einer meiner Spitznamen „Klipper-Klapper“. Auch wenn ich diesen körperlichen Mangel durch stetiges Verbessern meiner Technik und eine antrainierte „Beidfüssigkeit“ in der Ballbehandlung auszugleichen suchte, musste ich gelegentliche Blessuren als Preis bezahlen. Es kränkte mich auch, bei der Auswahl der Teams, die meist von zwei selbst ernannten Torhütern wahrgenommen wurde, häufig erst an zweiter oder dritter Stelle in eine Mannschaft aufgenommen zu werden. Um dieser Schmach auszuweichen, begann ich allmählich, die Position eines Kippers“ ( Keepers ) anzustreben. Dadurch wurde ich bei der Zusammenstellung einer Mannschaft mein eigener Herr und konnte selber bestimmen, wer mit mir gemeinsam den Sieg erringen oder die Niederlage ertragen wollte.

Ein großer Ansporn für diesen Rollenwechsel waren aber besonders die Vorstellungen, die der Anblick der phantastischen Schwarzweiß-Fotos im Sportteil der Zeitungen oder in den Fußballmagazinen, welche immer an den Kiosken aushingen, bei mir hervorrief. Mich faszinierten die Bilder von den springenden, tauchenden, hechtenden Torhütern. Sie waren meistens mit damals typischer Schlägerkappe, dunklem oder hellem Pullover, gesteppter Hose, Knieschonern und Stutzen bekleidet, hatten die „Pille“ fest im Griff oder fausteten sie vom Kopf des Gegenspielers. Sichtbar wurden diese Männer von den Mit- und Gegenspielern bestaunt und von den im Hintergrund des Bildes erkennbaren Zuschauermassen bejubelt.
Meine Bewunderung für diese wahren Helden des Fußballspiels wurde immer größer.
Torwart zu sein, war das Größte. Einen kleinen Nachteil hatte die Sache. Die Häufigkeit der Hautabschürfungen, besonders an den Knien, nahm bei mir zu, denn ich musste auch Einsatz zeigen, wenn flach platzierte Bälle des Gegners auf das Tor zukamen. Es galt wie das Vorbild sich blitzartig mit letzter Kraft in gestreckter Haltung fallen zu lassen, und den Ball noch knapp vor der Torlinie zu halten.

Aber bald änderten sich für mich die harten Bedingungen des Straßen-Terrains.
In unserem Viertel gab es in der Nähe des Werkes, in dem die meisten unserer Väter arbeiteten, ein „Pärkchen“, wie wir es nannten. Das war ein Rasengelände, von Birken und Kiefern durchsetzt. Es wurde von einem „Parkopa“ bewacht, doch gelegentlich war es uns schon gelungen, dort zu spielen. Mit der Zeit ließ er uns immer mehr gewähren, und so trugen wir immer häufiger unsere Matches dort aus. Zwei nebeneinander stehende Birken auf der einen und in cirka 60 Meter Abstand zwei parallel wachsende Kiefern auf der gegenüber liegenden Seite bildeten die Tore. Zwei an den Seiten verlaufende Spazierwege bezeichneten die Seitenlinien unseres Spielfeldes. Die Abstände zwischen den gleichen Bäumen waren zwar etwas unterschiedlich, damit auch die Breite der Tore, doch nach einer vorher bestimmten Anzahl von erzielten Toren wechselten wir die Spielfeldhälften, und dieser Natur gegebene Unterschied war ausgeglichen. Die Höhe der Tore war immer abhängig von der Körpergröße des Torwarts.
Der Rasen war für uns alle ein Vorteil. Die Anzahl meiner Hautabschürfungen nahm rapide ab, und fast ganz blieben sie aus, als meine Mutter mir zum Geburtstag ein Paar Knieschoner schenkte. Dazu hatte sie eine ihrer Korsagen ausgemustert. Die beiden seitlichen, durch Gummifäden elastifizierten Teile dieses Körper verschönernden Textils wurden abgetrennt, in ihrer Mitte zusätzliche aufeinander gelegte Stoffreste als Polsterungen aufgesteppt und die Seiten der Teile zu zwei, meinen dünnen Beinen angepassten Schläuchen zusammengenäht. Ihr ältester Sohn war ein glücklicher Torwart, der sich mit noch mehr Begeisterung in den Dreck warf.
Für einen jungen Torwart war es natürlich besonders beglückend, wenn er ein Publikum hatte, das anerkennend die Paraden begutachtete. Aus dem nahen Werk querten am späten Nachmittag Angestellte, geschafft von ihrer Arbeit, das „Pärkchen“. Für einige Momente blieben sie manchmal stehen und schauten uns zu, vielleicht auch mit etwas Neid. Dann strengte sich jeder von uns besonders an und spielte fast nur für die Galerie.

Aus welchen Gründen auch immer, mit der Zeit wurde ich zu einem Anhänger des Nürnberger „Clubs“. Die Nürnberger Herkunft des Vaters mag mich dabei beeinflusst haben, obwohl, als gelernter Humanist hatte er zu dieser Zeit kaum Ahnung von der Fußballmaterie. Erst während der späteren Jahre habe ich ihn etwas infiziert, und die Krönung war unser gemeinsames Leiden 1966 vor dem Fernseher während des Weltmeisterschaftsfinales England gegen Deutschland im Londoner Wembley-Stadion. England gewann 4 : 2. Wie bekannt, hatte der 1. FC Nürnberg Mitte der vierziger Jahre des 20. Jahrhundert durch die bereits gewonnenen sechs Deutschen Meisterschaften und zweimaligen Erfolge im Pokal neben dem FC Schalke 04 ein hohes Ansehen in der Szene. Auch in der damaligen Oberliga Süd war der „Club“ einer der besten Vereine. Sein Prestige und seine Siege in dieser Liga bescherten seinen Bewunderern damit häufig gute Gefühle. Für mich war es eine große Freude, als der „Club“ 1948 im Müngersdorfer Stadion zu Köln gegen den 1. FC Kaiserslautern mit einem 2:1 Sieg den 7. Deutschen Meistertitel gewann( Meister der Westzonen ). Noch heute nach über 50 Jahren meine ich, während des Spielens an diesem Sonntag, dem 8. August, im Leverkusener Süden aus der Ferne die Torschreie der Zuschauer wie ein fernes Seufzen vernommen zu haben. Erinnere ich an das zu dieser Zeit noch stark zerstörte Köln, so halte ich es für möglich, dass die Torschreie der 75000 versammelten, noch wenige Jahre zuvor durch andere Stimmübungen hervorragend trainierten Kehlen ungehindert über ein ziemlich eingeebnetes Köln hinwegwehen konnten, um noch in cirka 25 km Entfernung wie der Atemstoß eines erschöpften Fußballspielers gehört zu werden. Von diesem Tag an waren die Nürnberger Stürmer Hans Pöschl und Max Morlock neben Torwart Eddy Schaffer meine Idole. Die Bedeutung dieses Sportereignisses für die damalige Zeit war an den 300000 Kartenvorbestellungen abzulesen, die beim Veranstalter eingegangen waren. Als Max Morlock 1954 beim Endspiel um die Fussballweltmeisterschaft gegen Ungarn den wichtigen Anschlusstreffer zum 1 : 2 schoss und damit zum 3 : 2 Sieg der deutschen Mannschaft beitrug, habe ich mich damals riesig gefreut.

Die Schulferien verbrachte unsere Familie Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre zu Hause. In den heißen Sommern gingen wir entweder in das nahe Schwimmbad oder spielten Fußball und Hockey. Fahrradtouren in das benachbarte Bergische Land gehörten ebenfalls zum Ferienprogramm.

1949.  Noch mit Gummiball.

Nach 1945 besuchte Vater gelegentlich während des Urlaubs für ein bis zwei Wochen in Nürnberg seine Mutter und traf dabei auch seine beiden Schwestern Mina und Frieda, die bei der Mutter lebten. Auch sein Bruder Otmar kam dann vorbei, denn er wohnte in der Nähe Nürnbergs. Gelegentlich kam auch Onkel Ernst, der zweite Bruder, wohnhaft in Norddeutschland, zu solchen Treffen. Mutter besuchte während unseres Nürnberger Urlaubs in 1949 zusammen mit unserer Schwester ihren Bruder in Hessen, wo er sich mit seiner Familie nach dem Krieg niedergelassen hatte. Die Wohnung von Großmutter Margarete wäre für unsere 5-köpfige Familie zu klein gewesen.

Für uns Jungen war die Fahrt nach Nürnberg die bis dahin weiteste Zugreise und das erste bewusste Wiedersehen mit Großmutter, Onkel und den Tanten. Während des Krieges hatte sich keine Möglichkeit für einen solchen Besuch ergeben. Großmutter, eine Einheimische, lebte, nach der Hochzeit im Jahre 1903, bis 1944 immer in derselben Nürnberger Wohnung. Dort waren ihre fünf Kinder geboren worden und 1940 ihr Mann verstorben. Diesen Großvater kenne ich nur aus den Bildern im Familienalbum. 1944 wurde diese Wohnung durch Bombenangriffe der Alliierten zerstört. Es gelang Großmutter und ihren Töchtern, im selben Jahr in einem anderen Viertel der Stadt eine Wohnung zu beziehen.
Während unseres Ferienaufenthaltes rückten die Bewohner in dieser Zeit noch enger zusammen. Mein Bruder und ich schliefen in einem Bett, das Großmutter zusätzlich für uns in das kleine Zimmer gestellt hatte, in welchem schon das Nachtlager des Vaters Haas stand. Man blickte aus dem Fenster dieses kleinen Raumes in einen großen Innenhof, wo immer etwas zu beobachten war. Vater übernachtete auf dem Sofa im Wohnzimmer, Tante Frieda in der Küche und Großmutter mit Tante Mina in einem kleinen Schlafzimmer.

Die zwei Ferienwochen haben wir genossen. Tagsüber führte uns Vater zu den berühmten Bauwerken und Stätten, d.h. er zeigte uns das, was davon noch übrig geblieben war. Nürnberg, die nach Dresden am stärksten zerstörte Stadt Deutschlands, war in weiten Teilen immer noch ein Schutthaufen, besonders die Altstadt. 1947 hatte der Stadtrat beschlossen, diesen berühmten Stadtteil möglichst originalgetreu wiederaufzubauen. Der Anblick der Ruinen, das Überqueren von Schutthügeln während unserer Stadtwanderungen und die überall sichtbare Armut erlebten wir Jungen nicht so stark. In den zurückliegenden Jahren war dieser Zustand in Leverkusen und Köln täglich gegenwärtig. Unsere Eltern und Verwandten hatten den Verlust der Heimat und Wohnung bewusster durchlitten. Wir Jungen waren zwar hungrig, aber doch sorgloser, denn wir mussten nicht die tägliche Mühsal des Broterwerbs und die Last des Wiederbeginns tragen. Wir halfen zu Hause im Garten oder der Mutter im Haushalt, manchmal mit Murren, aber diese Hilfe war selbstverständlich und nur unser kleiner Beitrag zum Alltäglichen.
Vater schlenderte mit uns häufig in die Innenstadt Nürnbergs. Sie war zwar zerstört, jedoch mit den im Wiederaufbau befindlichen Bauten der Lorenz-, Sebaldus- und Frauenkirchen gab es neben dem Hauptmarkt und besonders der Kaiserburg genug Anziehungspunkte für uns. Von der Burg aus hatten wir einen weiten Ausblick über die Stadt, zur Pegnitz und gewaltigen Stadtmauer. Eine Attraktion für mich, der fast immer Hunger hatte, war ein unterhalb der Burg liegendes Ausflugslokal. Vater spendierte uns dort gelegentlich eine Limonade oder aber als besonderen Höhepunkt eine Brotzeit mit der so gaumenfreundlichen und paradiesisch schmeckenden Stadtwurst. Mit der Straßenbahn unternahmen wir weitere Ausflüge zum Dutzendteich, dem nahe gelegenen ehemaligen Reichsparteitaggelände oder ins Schwimmstadion. Nicht auslassen konnten wir einen Besuch des bekannten St. Johannis-Friedhofes, wo Großvater und seine Eltern ruhten. Diese mit wenigen Bäumen bewachsene Ruhestätte, ihren nach Osten ausgerichteten Gräbern, bedeckt von den in ihrer Größe übereinstimmenden gewaltigen Sandsteinen, hat uns Jungen sehr berührt. Vater zeigte uns dort auch die Gräber einiger Berühmtheiten, wie Albrecht Dürer, Veit Stoss und Ludwig Feuerbach.

Großmutter und Tante Mina hatten sich im Kirchendienst engagiert. Die Tante lud uns eines Tages zu einem Diaabend des Gemeindepfarrers ein. Bilder der Alpen und Dolomiten sollten gezeigt werden. Wir Jungen waren natürlich nicht sehr davon begeistert, gingen dann aber trotzdem mit. Dieser Besuch ist mir deutlich in Erinnerung geblieben, denn die Farbdias zeigten mir eine bis dahin unbekannte Welt. Ähnliches habe ich sehr viel später wieder empfunden, als Luis Trenker in seiner unnachahmlichen Weise in den 1960er Jahren im Fernsehen dem Zuschauer das Dolomitengebirge nahe brachte.

Großmutter hatte als Zeitung die „Nürnberger Nachrichten“ abonniert. Hierin erfuhr ich, dass der 1. FCN am ersten Sonntag unseres Aufenthaltes ein Heimspiel austragen würde. Während des sonntäglichen Mittagessens äußerte ich meinen Wunsch, dieses Match anzuschauen. Mit 13 Jahren alleine dort hingehen zu dürfen, war aussichtslos. Vater zeigte keine Neigung, den Mittag einem Anschauungsunterricht im Fußball zu widmen. Damit schien der Fall zu meinen Ungunsten erledigt zu sein. Großmutter wies auf einen Ausweg hin. In ihrer Nachbarschaft wäre ein Herr bekannt, der als Anhänger des „Clubs“ kein Heimspiel verpasste, und sie wäre sicher, dass er mich gerne mitnehmen würde. Dieser Vorschlag stieß auf den heftigsten Widerstand unseres Vaters. Er wollte seine Söhne nicht der Obhut eines ihm fremden Mannes übergeben. Die Tanten, Onkel Otmar, Großmutter, Vater Haas und natürlich wir beiden Jungen verstanden ihn nicht. Ich war tief traurig. Da sprang der gewiss kaum an Fußball interessierte Vater Haas ein und erklärte sich bereit, meinen Bruder und mich mit dem Nachbarn zu begleiten. Im strömenden Regen zogen wir los, Vater Haas mit einem großen schwarzen Schirm bewaffnet. Mit der Straßenbahn ging’s in Richtung „ Zabo“, wo sich das Stadion des „Clubs“ befand. Wenn ich mich recht erinnere, spielte der 1. FCN gegen Waldhof Mannheim. Wir standen in einiger Entfernung hinter einem der beiden Tore, aber gesehen haben wir nicht viel. Die Sicht war uns versperrt durch andere Zuschauer. Ständig zu hüpfen, um einen Blick auf das Spielfeld zu erhaschen, war auf Dauer recht anstrengend. Immerhin war es für mich neu, inmitten einer so großen Anzahl von Menschen zu stehen und die nicht immer schmeichelhaften Kommentare zum Spielverlauf zu hören. Mit welchem Ergebnis das Spiel endete, ist mir auch entfallen. Ich hatte mehr erwartet und war enttäuscht. Auf dem Nachhauseweg brach die Sonne hervor. Es wurde schwül. Zu meinem Entsetzen spannte Vater Haas plötzlich seinen Schirm auf, um sich vor der Sonneneinstrahlung zu schützen. Ich habe mich vor den Passanten sehr geniert, denn das Verhalten des alten Mannes erschien mir damals recht merkwürdig.
Kurz vor dem Zuhause kamen wir an einem Sportgeschäft vorbei, und mit Interesse schaute ich in die Auslage. Da passierte es. Hinter der Glasscheibe lag vor meinen Augen ein wunderschöner gelber und glänzender Lederfußball mit der Aufschrift „Titan“. Mir wurde noch wärmer.

Von nun an schwirrte mir nur noch durch den Kopf, wie ich es schaffte, diesen Ball zu bekommen. Der Preis betrug deutlich mehr als meine Ersparnisse von 3 DM. Es stand damit fest, dass Vater überzeugt oder zumindest überredet werden musste, als Spender einzuspringen. Eine knappe Woche blieb uns Brüdern Zeit, diese schwierige Aufgabe zu erfüllen. Am nächsten Morgen und in den folgenden Tagen manövrierten wir Vater mindestens einmal pro Tag an dem Sportgeschäft vorbei und bewegten ihn, sich für einen Moment das gute Stück anzusehen und unseren beschwörenden Reden zum Erwerb des Balles zu lauschen. Unser Erzieher biss jedoch nicht so einfach an. Diese Preziose war ihm schlicht zu teuer. Da half auch meine Zusicherung eines Zuschusses von 3 DM nicht. Ich vermute heute, dass der Preis ca. 10% seines Netto- Monatseinkommens betrug. Vater dachte wohl primär an seine 5-köpfige Familie, die zu ernähren war, den zu bezahlenden Schulbesuch und die teuren Schulbücher der Kinder. Auch das Leverkusener Heim in seiner kärglichen Möbelausstattung wollte etwas anheimelnder gestaltet werden. Der Luxus eines Fußballkaufs für ihn war also ein harter Brocken, auch wenn das Lebensglück eines Sohnes davon abzuhängen schien. Mein Ballhunger war allerdings sehr stark. So schwindelte ich meine Ersparnisse von 3 auf 6 Mark hoch, um Vater umzustimmen. Ich nehme an, er durchschaute mich. Zuletzt entschieden seine Gutmütigkeit und unser Flehen und veranlassten ihn, mit uns das Geschäft zu betreten. Den Ball näher in Augenschein zu nehmen, ihn anzufassen, aufspringen zu lassen, seine glatte Oberfläche zu ertasten und den herrlichen Geruch des Leders wahrzunehmen, steigerten meine Begeisterung. Vater schien mein Sehnen und das etwas gedämpftere meines Bruders nachzuempfinden und zückte endlich die Geldbörse. Beglückt und mit heißen Wangen empfingen wir das begehrte Kleinod aus den Händen des Verkäufers. Wir bedankten uns bei unserem Gönner und marschierten stracks zur Großmutter, um ihr unsere Freude und auch Dankbarkeit mitzuteilen Allerdings hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn ich musste, sobald wir wieder in Leverkusen sein würden, unserem Geldgeber gestehen, dass mein Beitrag zur Mitfinanzierung etwas geringer ausfallen würde als zugesagt. In den letzten Nächten des Nürnberger Ferienaufenthaltes war der Ball stets unser Bettgefährte. Mein letzter Blick abends und mein erster am Morgen galten dem Prunkstück. Nur vorsichtig streichelten mein Bruder und ich den Ball mit den Füssen, wenn wir ihn uns zuspielten. Sorgsam achtete ich abends darauf, dass die Oberfläche glatt war und rieb ihn deshalb immer mit etwas Fett ein. Allerdings, die ersten harten Bewährungsproben würde er in Leverkusen bei den Kontakten der Mitspieler bestehen müssen.

Dieser, unser erster Ball war nicht nur schön, sondern auch von fortschrittlicher Machart. Er besaß auf seiner Lederoberfläche lediglich eine kleine Öffnung, unter der sich das automatisch schließende Lippenventil der Gummiblase befand. Man pumpte mit einer speziellen Luftpumpe den Ball auf, und die technische Voraussetzung für ein Spiel war damit gegeben. Der Ball war so rund und prall, wie er sein sollte. Bälle der vorherigen Generation erforderten für die Vorbereitung zum Spiel eine lästige, langwierige und mühsame Prozedur, die so öde war, wie das Lesen einer versuchsweisen Beschreibung dieses Vorganges: Die Lederoberfläche dieser Bälle wies einen ca. 4 cm langen Schlitz auf, dessen beide Seiten mit Löchern versehen waren. Wie bei Schnürschuhen wurden sie mit einer dünnen Lederschnur verschlossen. Sollten die Bälle aufgepumpt werden, musste die Verschnürung geöffnet, ein darunter liegender Lederlappen entfernt, die unter diesem befindliche abgeknickte und durch einen Textilfaden abgeklemmte Tülle der Gummiblase aufgerichtet, eine Pumpe in die Tülle eingeführt und zuletzt der Faden entfernt werden. Nun konnte man aufpumpen und anschließend den geschilderten Vorgang in umgekehrter Reihenfolge durchlaufen. Wer aus unerfindlichen Gründen eine Schusternadel für das Schnüren besaß, war vom Schicksal begünstigt. Abgebrochene Fingernägel gehörten in der Regel nicht zu seinen persönlichen Kennzeichen. Schwierig war es auch, die freien Enden der Schnur so unter dem Geschnürten unterzubringen, dass die Balloberfläche keine Erhebungen aufwies. Es war ratsam, dieses Vorspiel im entspannten Zustand und auch rechtzeitig zu beginnen, ohne die Lust am Spielen zu verlieren. Neben den lädierten Fingernägeln und dem aufgestauten Ärger hatte man auch häufig keine Kugel, sondern ein Ei als Spielgerät produziert. Der Kontakt mit derartigen Bällen während des Spiels war manchmal von heftigen Schmerzattacken begleitet, besonders dann, wenn ein Körperteil beim Ballstoß ausgerechnet das nicht optimal geschnürte Teil traf. Leichte Platz- oder Schürfwunden gehörten zum Gruppenzeichen der jugendlichen Kicker.

Am letzten Abend unseres Ferienaufenthaltes hat Vater alle Beteiligten in Großmutters Wohnzimmer mit seiner Voigtländer Kamera auf Zelluloid verewigt. Selbstverständlich legten mein Bruder und ich Wert darauf, den Erwerb des Balles als Urlaubstrophäe im Bild für das Familienalbum und spätere Zeiten zu dokumentieren. Wie ich später feststellen musste, ist diese Aufnahme der einzige Beweis dafür, dass wir in unserer Jugend mit einem derartig kostbaren Spielgerät so viel Freude hatten.

Wieder in Leverkusen angekommen, musste ich reumütig meinen betrügerischen Trick offenbaren. Vater reagierte nicht sehr amüsiert, als ich ihm lediglich die 3 DM an Stelle der angekündigten 6 DM als meinen Beitrag zur Kostendeckung des Ballkaufs übergab. In den ersten Tagen vermied ich es, den Ball meinen Kumpanen vorzuführen. Ich befürchtete, sie würden meine Gefühle nicht berücksichtigen und den Ball so behandeln, wie es ihm, seiner Zweckbestimmung entsprechend, zukam. Mit der Zeit wollte ich aber nicht mehr mit den angeknacksten Leder- oder Gummibällen meiner Spielkameraden kicken, weil ich etwas Besseres kannte. Daher erschienen eines Tages bei strahlendem Sonnenschein mein Bruder und ich mit der neuen Lederkugel. Sie wurde gebührend von den Mitstreitern bestaunt, wobei etwas von dem frischen Glanz des Balles auf uns überging. In den ersten Wochen fühlte ich mich so, wie ein Erwachsener, der z. B. neue Möbel oder ein neues Auto hütet wie seinen Augapfel. Ich achtete darauf, Spuren des Gebrauchs möglichst von unserem Goldstück fernzuhalten oder zumindest einzuschränken. Mir tat es weh, wenn der Ball bei nassem Wetter seine makellose Farbe einbüsste oder durch einen Schuss gegen einen Baum, den Torpfosten, Schürfwunden davontrug, deren Anzahl mit der Zeit immer größer wurde. Abends reinigte ich den Ball intensiv und fettete ihn gründlich ein. Aber wie das Gesicht des Menschen alterte mein Juwel leider schneller als dieses. Risse und Runen prägten allmählich die Oberfläche und ließen sich auch nicht mehr durch die rege Anwendung von Lederfett als Schönheitscreme entfernen. Das leuchtende Gelb des jugendlichen Daseins verlor sich immer schneller und wurde zum ackerfarbenen Braun.

Im Laufe des Jahrzehnte langen Duldens wurde der Ball zu einem treuen Begleiter meiner fußballerischen Bemühungen, die bis in die letzten Studienjahre andauerten. Eines Tages verschwand er, abgeschlafft und zerknittert in einer Holztruhe, wo er vergessen vor sich hindämmerte. Erst als wir die Wohnung der Eltern auflösten, fand der Ball sich wie ein Fossil wieder. Mein früherer Enthusiasmus war leider nüchterner Betrachtung gewichen, und so gingen Ball und Truhe mit in einen Müllcontainer. Heute trauere ich dem Fetisch meiner Jugend etwas nach. Er hätte, ähnlich wie mein alter Hockeyschläger, einen Ehrenplatz verdient.

Geschrieben im Frühjahr 2002. August 2019 geringfügig nachbearbeitet.
H e l m u t  E n g e l h a r d .

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