Nessie – Plesiosaurier zur Urlaubszeit

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Annette Bültmann

 

Da Sichtungen des Seeungeheuers vom Loch Ness häufig im Nachrichten-Sommerloch in die Schlagzeilen geraten, wird es bald wieder Zeit für neue Meldungen über das bekannte und doch immer wieder anders erscheinende Phänomen. Hier vorab einige Infos über Nessie, die Lebensumstände früherer Plesiosaurier, und die taxonomische Einordnung kryptozoologischer und anderer Tierarten.

“Nessiteras rhombopteryx”, oft beschrieben als Tier ähnlich einem Plesiosaurier, würde, falls es sich tatsächlich um einen solchen handelt, zu den Reptilien gehören. Plesiosaurier, langhälsige schwimmende Wirbeltiere, lebten von der Trias- bis zur Kreidezeit, gelten seit der oberen Kreide als ausgestorben (mit Ausnahme der für Kryprozoologen interessanten Population im Loch Ness) und gehörten zu den Sauropterygia, Meeresreptilien des Mesozoikum. Haben sie sich an das Leben im Süsswasser angepasst, oder hat der Loch Ness See einen gewissen Salzgehalt? Als Überbleibsel eines Fjords, der nach der letzten Eiszeit zum See wurde, hatte er wohl anfangs Salzwasser, dessen Salzgehalt sich im Verlauf der Jahrtausende allmählich verringerte.

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Aristonectes, “der beste Schwimmer”, ein zur Familie der Elasmosauridae gehörender Plesiosaurier. Dieses Bild basiert auf dem Bild Aristonectes2DB.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Dmitry Bogdanov.

Im Jurazeitalter, vor 200 Millionen Jahren, war Europa grossenteils von Meer bedeckt,  bzw. wurde fortschreitend vom Meer überflutet, als sich der nordamerikanische Kontinent von Europa abtrennte, und sich Teile des Kontinents absenkten. Das von Inseln durchsetzte Flachmeer hatte vermutlich anfangs einen geringeren Salzgehalt, der dann später anstieg. Aber auch im küstennahen Brackwasser gab es Plesiosaurier, wie z.B. den im vergangenen Jahr in einem Keller des Geomuseums in Münster entdeckten Gronausaurus.
Der Gronausaurus war ein ca 3 Meter langer Plesiosaurier, der in der frühen Kreidezeit, vor 137 Millionen Jahren, lebte. Das Fossil wurde 1912 bei Gronau gefunden und zunächst für einen Brancasaurus gehalten, als solcher im Geomuseum ausgestellt und später im Keller inventarisiert. Beide gehören zur Familie der Elasmosauridae, die vom Unterjura bis zur Oberkreide lebten, und deren langer Hals 32 bis 72 Wirbel hatte. Teilweise hatten auch die verlängerte Flossen vermehrte Fingerknochen, bis zu 17 Einzelknochen pro Finger.

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Albertonectes, ebenfalls ein Elasmosaurus. Dieses Bild basiert auf dem Bild Albertonectes vanderveldei.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Smokeybjb.

Die Art der Lebensweise der Elasmosauridae ist noch nicht gesichert, die weit oben liegenden Augen stützen aber die Hypothese, dass sie am Boden des Flachmeeres auf Beute lauerten. Das würde auch erklären, warum Nessie-Sichtungen doch relativ selten sind, bei Berücksichtigung des Umstands dass eine überlebensfähige Population im Loch Ness aus mehreren Hundert Individuen bestehen müsste. Allerdings können die Reptilien nicht ständig am Grund des Gewässers bleiben. Da sie ja keine Fische, sondern Lungenatmer sind, müssten die Plesioraurier regelmäßig zum Luftholen an der Wasseroberfläche erscheinen. Das bedeutet, dass sie wohl nachtaktiv sein, und den Tag in noch unentdeckten Höhlen des Loch Ness verbringen müssten, um nicht ständig von den wachsamen Touristen auf der Suche nach Nessie entdeckt zu werden.

Noch rätselhafter als eine Population von Plesiosauriern ist aber die im Loch Ness auch manchmal gesichtete Buckelseeschlange, bei der Kryptozoologen sich fragen, mit welchen bekannten Tierarten diese verwandt sein könnte. Die Fortbewegung durch vertikales Schlängeln im Wasser ist wohl eher selten anzutreffen, jedenfalls nicht bei Fischen oder Reptilien, schon eher möglich bei Säugern, aber der sogenannte Schlangenwal, Basilosaurus genannt (die ersten Fossilienfunde dieser vor 35 Millionen Jahren ausgestorbenen Ur-Wale wurden für Reptilien, also Saurier, gehalten), sah möglicherweise weniger schlangenähnlich aus, als ursprünglich vermutet, und hatte kein Blasloch. Daher müsste auch eine Population von Basilosauridae regelmässig zum Luftholen mit dem Kopf über der Oberfläche des Loch Ness erscheinen, und wahrscheinlich irgendwann gesichtet werden.

Fraglich ist auch, ob Plesoisaurier oder Ur-Wale, wenn sie bis heute in einem abgegrenzten Biotop überlebt hätten, noch derselben Chronospezies angehören würden, wie ihre Vorfahren. Vermutlich nicht, denn im Verlauf der Jahrmillionen hätten sie andere Merkmale herausgebildet und würden sich vermutlich soweit unterscheiden, dass eine neue Gattung und Art benannt werden müsste, wie es im Fall “Nessiteras rhombopteryx” ja auch geschehen ist.

Als Pionierarbeit der kryptozoologischen Forschung wird das Buch “The Great Sea Serpent” des Holländischen Zoologen  Antoon Cornelis Oudemans betrachtet, der das Loch Ness Monster für einen langhälsigen Flossenfüßer, also eine Verwandten der Robben, hält, und diesen bisher mit Seeschlangen verwechselten Langhalsrobben den Namen Megophias megophias gab. Aber bereits 1751 hatte James Parsons einen langhälsigen Flossenfüßer beschrieben.

Waren das die frühesten Kryprozoologen? Möglicherweise bei Weitem nicht, denn im Loch Ness sind noch heute die Überreste einer künstlichen Insel zu sehen, eines sogenannten Crannog, angelegt in der Bronzezeit. Ursprünglich handelte es sich um zwei künstliche Inseln, aber die eine, Dog Island genannt, verschwand komplett unter dem Wasserspiegel, als für den kaledonischen Kanal, der die Ost- und Westküste Schottlands verbindet, der Wasserstand des Loch Ness angehoben wurde. Auch Teile des jetzt noch sichtbaren Cherry Island (schottisch: Eilean Muireach, Murdoch’s Island) wurden überflutet. Vorher hatte man aber im Jahr 1908 bei niedrigem Wasserstand mit Hilfe von Tauchern die Insel untersucht und festgestellt dass sie künstlichen Ursprungs ist, mit einem Fundament aus Eichenstämmen, Schutt und grösseren Steinen. Solche Crannogs gab es häufig in Irland und Schottland, in unterschiedlichen Grössen, teilweise mit Gebäuden, auch teilweise mit Dämmen zum Festland oder Anlegestellen. Sie wurden seit der Jungsteinzeit errichtet, und teilweise bis ins Mittelalter genutzt, aber zu welchen Zwecken, ist nicht völlig geklärt. Wäre es denkbar, dass die beiden im Loch Ness befindlichen Crannogs Beobachtungsplattformen waren für frühe Kryptozoologen, bronzezeitliche Wissenschaftler, die von dort aus das Auftauchen der Exemplare der Plesiosaurier-Population beobachteten? Natürlich können Hypothesen im Bereich der Kryptozoologie auch jederzeit mit einem Augenzwinkern betrachtet werden. ;-)))

Immer noch rätselhaft bleibt bisher, warum es nur so selten zu Nessie-Sichtungen kommt, daher stellt sich die Frage, sind die Bewohner des Loch Ness ganz besonders gut getarnt, und daher beinahe unsichtbar? Bei Wasserlebewesen ist dieses nicht ungewöhnlich, es gibt z.B. als Wasserpflanzen getarnte Seepferdchen, oder Tintenfische, die nicht nur die Farbe des Meeresgrundes, sondern wechselweise auch die anderer Tierarten annehmen können. Sie können durch Muskelsäckchen mit Pigmenten unter der Haut nicht nur deren Farbe, sondern auch die Textur ändern.

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Camouflage. Dieses Bild basiert auf dem Bild Camouflage.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Raul654.

Solche Formen der Tarnung werden teils als Camouflage oder Mimese, teils als Mimikry bezeichnet, je nachdem, ob ein Untergrund imitiert wird, oder eine andere Tierart, was der Abschreckung dienen kann, wenn ein Tintenfisch Farbe und Form eines Rotfeuerfischs oder einer Seeschlange annimmt. Aber auch bei Reptilien gibt es solche Formen der Tarnung. Chamäleons imitieren häufig Blätter, trockenes Laub oder Äste. Der Farbwechsel der Haut, erzeugt durch spezielle Hautzellen, die Chromatophoren, hilft ihnen dabei, dient aber auch der Kommunikation mit Artgenossen.

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Brookesia stumpffi, Madagascar. Dieses Bild basiert auf dem Bild Brookesia MS5968.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Marco Schmidt.

Wären auch mythologische Quellen als Vorläufer der kryptozoologieschen Forschung zu betrachten? Sicher wurden die Vorstellungen von mythologischen Lebewesen beeinflusst durch tatsächlich in der Vergangeheit der Erdgeschichte, oder auch immer noch, existierende Lebensformen. In der griechischen Mythologie wäre als nessie-ähnliches Wesen Ketos oder Cetus zu nennen, eine vorolympische Gottheit, die manchmal als reptilienähnliches “Seeungeheuer” mit raubtierähnlichem Kopf dargestellt wird, eher ähnlich einem Mosasaurier oder Ichthyosaurier, als einem Plesiosaurus, manchmal auch als Seeschlange. Dann wäre da in der griechischen Myrhologie noch die Hydra, ein vielköpfiges Schlangenwesen, aber auch in der nordischen Mythologie die Midgardschlange, oder die babylonische drachengestaltige Salzwassergottheit Tiamat.

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Cetus, Quelle: Wikimedia Commons

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Hydra, Quelle: Wikimedia Commons

Berichte von Seeschlangen, überliefert von Seefahrern, Historikern und Dichtern, gibt es schon seit der Antike, z.B. bei Vergil, der das Verschlingen Laokoons und seiner Söhne durch zwei Seeschlangen mit rotglühenden Augen beschreibt.
Im Jahre 1555 erschien ein Buch des schwedischen Bischofs Olaus Magnus, in dem er Seeschlangen erwähnt, die Kälber und Schafe verschlingen. Offensichtlich sind diese besonders in nordischen Gewässern heimisch, denn auch Hans Egede, der “Apostel der Grönländer”, sichtete 1734 eine riesige Seeschlange, grösser als das ganze Schiff.

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Die “Große Seeschlange” nach Hans Egede. (Illustration von 1734), Quelle: Wikimedia Commons

Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch frühe Paläontologen zunächst manchmal ihre Funde als Seeschlangen einordneten. Albert Carl Koch, ein Fossilienforscher und Zeitgenosse Darwins, also zu einer Zeit lebend, als die Evolutionstheorie noch in der Entstehung begriffen war, setzte fossile Teile mehrerer Basilosaurus-Exemplare zu einer fast 35 Meter langen Seeschlange zusammen, die er für ein Reptil hielt, und “Hydrarchos”, Wasserherrscher, nannte, und die weltweit in grösseren Städten ausgestellt wurde. Es stellte sich später heraus, dass die zusammengestellten Teile zu mindestens 5 verschiedenen Exemplaren von Basilosaurus, einem Ur-Wal gehörten. “Über die Entstehung der Arten” von Charles Darwin (engl. On the Origin of Species) wurde 1859 veröffentlicht, die Evolutionstheorie wurde anfangs noch teilweise skeptisch betrachtet, erleichterte aber allgemein das Verständnis für die Verwandschaftsbeziehungen zwischen Lebewesen, und ihre Abstammung von gemeinsamen Vorfahren. Bereits seit 1753 wurde das heute noch gebräuchliche binominale System der Benennung von Tier- und Pflanzenarten erstmalig eingeführt durch den schwedischen Naturforscher Carl von Linné, zuerst in dem Buch Species Plantarum, 1758 dann auch für die Zoologie in dem in mehreren Auflagen erschienenen Werk Systema Naturae. Der Name einer Tier- oder Pflanzenart setzt sich seitdem zusammen aus einer Bezeichnung für die Gattung, und einem kleingeschriebenen Zusatz für die Art, beides meist in Latein oder eventuell Griechisch, Namen werden manchmal latinisiert und bekommen das lateinische Suffix -i (Genitiv Singular). (Beispiel: Myotis daubentonii, Mausohr des Daubentonius). Der Artzusatz kann aber ein Adjektiv sein, und die Beschreibung einer Eigenschaft, oder des Verbreitungsgebietes (Beispiel: Nyctalus montanus, der Berg-Abendsegler). Mit Gründung der International Commission on Zoological Nomenclature 1895 begann die Einführung von internationalen Regeln, und ungefähr zur gleichen Zeit zeichnete Ernst Haeckel Stammbäume von Lebewesen.

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Stammbaum des Menschen, Lithografie, 1874, Quelle: Wikimedia Commons

Auch heute noch wird die binominale Nomenklatur verwendet, und phylogenetische Bäume können zur Darstellung der Verwandtschaft der Arten beitragen.
Währenddessen ist die Taxonomie im Bereich der Kryptozoologie eher überschaubar: Land- Luft- und Wasserwesen werden dort unterschieden, letztere unter dem Fachbegriff Dracologie. In dieses Fachgebiet wäre auch Nessiteras rhombopteryx einzuordnen.

 

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