Erinnerungen von ehemaligen Schülern aus Leverkusen in der Kriegs- und Nachkriegszeit
Theaterbau “Erholungshaus” in Leverkusen

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Betreff: Aus meinem Leben, verfasst für die Nachwelt: Theaterbau “Erholungshaus” in Leverkusen
Datum: Tue, 20 Aug 2019 13:17:23 +0200
Von: Jürgen Bennert

Ja, der Gernot hat Recht, Annette.

Meine Eltern hatten seit Menschengedenken dort zwei Abos über den Winter. Wenn sie mal keine Lust hatten hin zu gehen, mußte ich ran.  Die zweite Karte durfte ich verkaufen und das Geld behalten. Ich erinnere mich an eine eine Aufführung von Camus` “Die Pest” mit Gustav Gründgens, als Regisseur und Hauptdarsteller,

Mitten in der Vorstellung bellte er ins Publikum: Wenn sie nicht aufhören zu husten, brechen wir ab”!

Ich habe mir dann trotzdem noch ein Autogramm bei ihm an der Garderobe geholt. Ich war der einzige “Fan”. Sein Kammerdiener wollte mich schon abwimmeln, aber er kam an die Tür und schrieb auf mein Programmheft. Ich habe dann auch noch Autogramme von Paul Hartmann und Sabine Sinjen bekommen. Die war damals noch ein Teanager (geboren 1942), aber schon im Düsseldorfer Ensemble. Bayer hatte sogar ein eigenes Sinfonieorchester mit einem fest angestellten – guten- Dirigenten. Das spielte natürlich auch im Erholungshaus.

Wenn Frau Noak, die Mutter unseres Klassenkameraden Roland, keine Karte mehr bekam, ging sie durch den Park zum Bühneneingang, und wenn man sie fragte: wieso? antwortete sie energisch “Ich bin Frau Noak”! und ging durch.

Das waren die im Krieg  und danach  alleinerziehenden emanzipierten Kriegerwitwen.

Apropos Krieg. Ich war etwas sieben Jahre alt – 1943, da war im Foyer des Erholungshauses eine Ausstellung: auf einem großen rotierenden Tisch war eine Spielzeugstadt aufgebaut. Daneben stand eine feste Leiter, von der  herab konnte man Holzbomben – wie Spicker beim Dart – auf die Häuser werfen. Hitlerjungen in Uniform sammelten die “Bomben” wieder ein und passten auf, dass wir  Kinder sonst nichts kaputt machten. Wir wohnten damals gleich um die Ecke auf der  “Strasse der SA” Nummer 92. Im Erdgeschoss war ein Schuhgeschäft. Ein Jahr später traf eine Luftmine das Haus. Uns ist aber nichts passiert. Das Haus  hatte einen ausgebauten  öffentlichen Luftschutzkeller. Durch einen “Durchbruch”, den man mit einem Vorschlaghammer einschlagen konnte, krochen wir in den Keller des Nebenhauses  und von dort ins Freie. Die ganze “Straße der SA” brannte lichterloh. Heute ist die “Hauptstraße” längst wieder aufgebaut.

Ja, so war dat damals, euer Jürgen!

Am 20.08.2019 um 11:58 schrieb Annette:

Gernot Koch schreibt dass es in Leverkusen, von Bayer finanziert, Sport- und kulturelle Veranstaltungen gab, er schreibt: letztere im Theaterbau “Erholungshaus”, wo damals regelmäßig das Düsseldorfer Schauspielhaus und die Kölner Oper gastierten.
Erinnert sich noch jemand an dieses Haus? Ob es noch existiert, oder was daraus geworden ist?

 

 

Bayer Erholungshaus_Außenansicht_undatiert (c) Bayer AG

Bayer Erholungshaus_Blick in den Biergarten_undatiert (c) Bayer AG

Bayer Erholungshaus_Großer Saal_1927 (c) Bayer AG

 

 

Betreff: Hänsel und Gretel und die Meistersinger und ein Knödel für Mozart Re: Theaterbau “Erholungshaus”
Datum: Fri, 23 Aug 2019 17:55:56 +0200
Von: Jürgen Bennert

 

Lieber Hellmut,

die Kinder sagen auch immer “Opa schreib doch ein Buch”. Ich sage: “Sammelt meine Emails” – kannst du dir vorstellen wie viele das sind, wenn ich schon bei Schulzeiterinnerungen überborde. Vielleicht wird dann eines der Enkelkinder als Herausgeber/in berühmt, (wie Max Brod).

Die drei Söhne löschen alles sofort: “ACH PAPA !” ist ihr spärlicher Kommentar.

Wenn du mit den Meistersinger  nach dem krieg “protzt”: ich habe meine erste Oper mit 5 (in Worten “fümf”) Lebensjahen gesehen, und zwar 1941 im alten Kölner Opernhaus am Kaieser-Wilhelm-Ring. (Übrigens im gichen Stil erbaut wie das Erholungshaus und das CKasino in Leverkusen)

Meine Tante war als Opernsängerin im ersten Engagement an der Kölner Oper in “Hänsel und Gretel”. Sie hat mir nie verraten, was das für ein Feuer  in dem Ofen war, in dem die Hexe verbrannte.

Später , 1945, organisierte sie einen leerstehenden Bauernhof im Fränkischen, wo sich alle ausgebombten Geschwister sammelten. Sie sangen alle. Haben fleißig geübt. Ich hatte bei einer Bauernfamilie freien Mittagstisch. Wenn ich noch einen Knödel wollte, mußte ich singen: “Ihr holden Frauen, die ihr sie kennt, sagt ist es Liehiebe, was hier so brennt..” und faßte mich  dabei wie die Tanten theatralisch ans Herz. Die Bauern  bogen sich vor Lachen, ich bekam den Knödel nach dem Motto “Kunst für Brot”. Wenn die Tante sonntags in der Kirche Händel, Xerxes oder ähnliches sang, gab es Eier aus dem Hühnerstall des Pfarrers als Honorar.

Ich habe die Zeit auf dem Dorf mit gerade mal fünf Häusern genossen.

Herzlichst! Jürgen

P.S.: Meine Eltern fuhren mit mir in einer von den Rothschilds requirierten Horch-Limousine vor. Mein Vater war Fahrer eines Generals. Der schickte ihn übers Wochenende damit von Paris nach Hause. Da haben die Leute geguckt und waren enttäuscht, wenn da ein einfacher Soldat mit seiner Familie heraus krabbelte statt eines Generals mit roten Epauletten.

Am 23.08.2019 um 16:27 schrieb Hellmut:
Liebe Frau Bültmann,
es handelte sich nicht um einen Chor im Sinne einer Institution. In der Matthäus-Passion gibt es ein großes Chorstück, in dem Knaben als Oberstimme den Choral “O Lamm Gottes unschuldig” (“Cantus firmus”) zu singen haben. Die erforderlichen Knaben wurden offenbar ad hoc zusammengestellt. Wie ich dazu kam, weiß ich nicht. Es ist gut möglich, dass Helmut  neben mir stand, aber ich kannte ihn damals noch nicht. Wir wohnten in verschiedenen Stadtteilen, ich in der “Waldsiedlung”. Von dort wurden einige Chorsänger – vor allem Erwachsene – mit einem Sonderbus zu Proben nach Wiesdorf gefahren. Fotos von dem Ereignis habe ich nicht.
Wenn Jörg sich an das Erholungshaus nicht erinnern kann, könnte es daran liegen, dass er nie dort war. Denn von der Waldsiedlung – wo auch er wohnte –war das Erholungshaus sehr schwer zu erreichen. Meine Familie hatte den Vorteil, dass mein Vater – damals als fast einziger in der ganzen Siedlung – ein Auto hatte, einen DKW “Meisterklasse”, der aus einer im Wald gefundenen hölzernen Karosserie und einem Motor, den jemand irgendwie hatte organisieren können, zusammengeschustert worden war. Das Gefährt hatte einen doppelten Boden und war daher gut zum Hamstern geeignet. Mein Vater hatte übrigens den Führerschein im August 1945 (!) im fast vollständig zerstörten Köln bekommen; das Fahren hatte er sich selbst beigebracht. Manches war damals auch einfacher als heute.
Die Kladde mit den Programmen der ersten Veranstaltungen (Jürgen: Konzertprogramme sind das einzige, was ich konsequent aufbewahre), die ich im Erholungshaus erlebte, ist immer noch verschollen. Aber ich erinnerte mich, dass ich ein interessantes Dokument daraus mal abgeschrieben hatte, und daher kann ich die Abschrift beifügen. Es zeigt anschaulich, wie die Verhältnisse damals waren. Eine Oper habe ich selber im Erholungshaus allerdings nie erlebt. Die erste Oper, die “Meistersinger”, lernte ich im Oktober 1952 im Kölner Opernhaus kennen, genauer gesagt in einem Provisorium, dem Bühnenhaus, denn der Zuschauerraum war noch kaputt. Das Bühnenhaus muss also ziemlich groß gewesen sein.
Zu der Frage von Helmut: Ich finde auch, dass das nicht alles ins Magazin gehört, mir geht es mehr um den Austausch von Erinnerungen. Was allerdings Du, Jürgen Bennert, alles beigetragen und wahrscheinlich noch in Reserve hast, finde ich phänomenal. Du solltest ein Buch daraus machen mit dem Titel: “Memoiren eines guten Schülers” (der “mittelmäßige Schüler” ist ja leider schon vergeben).

——– Weitergeleitete Nachricht ——–

Betreff: Schön dass du da warst und wir geredet haben … und was mir noch dazu einfiel.
Datum: Thu, 22 Aug 2019 21:54:44 +0200
Von: Jürgen Bennert

Lieber Luca, die 400 DM, die mein Vater nach der Währungsreform 1950 verdiente, entsprechen einer Kaufkraft von 1070 Euro heutzutage. Akademiker hatten bei Bayer das Doppelte als Anfangsgehalt.

Unser Familieneinkommen damals lag vergleichbar zu heute ungefähr auf Hartz4-Niveau.

Das meiste Geld ging damals für Essen drauf, rund ein Drittel; heute unter 20 Prozent.

Die Ansprüche waren weitaus niedriger als heute. Ich hatte zwei Hemden, die ich im wöchentlichen Wechsel trug. Haare schneiden kostete 50 Pfennig. Für Radios und Elektrogeräte, wie Bügeleisen und Wasserkocher hat man mindestens ein Jahr lang gespart. Für eine elektrische Waschmaschine mehrere Jahre.

Viele Leute haben viel auf Raten gekauft. Sie mochten nach der langen Notzeit nicht länger warten.

In unserer Straße gab es zwei Autos: ein aus Holz und Plastik in Niederbayern zusammengebautes Gogomobil der Ärztin und einen Vorkriegs-DKW (heute AUDI) eines Bauunternehmers, der später mit dem Schuttwegräumen in den Bayerwerken in Leverkusen wohlhabend wurde.

Mein nie erfüllter Weihnachtswunsch waren “Hudora”-Schlittschuhe, die man unter die Schuhe schraubte. Jahre später fand ich ein Paar auf dem Dachboden von Onkel und Tante im “Gasthaus, Metzgerei und Pension” in Lindenfels im Odenwald. Mit denen bin ich kurz vorm Abi 1956 einen gefrorenen Bach entlang gefahren – mein Jagdhund “Kai” hat mich gezogen.

Den losen rostigen Stacheldraht habe ich übersehen. Der hing quer über dem Bach und ich blieb mit dem Gesicht drin hängen. Lippe, Backe und Augenlid waren aufgeschlitzt. Es war Wochenende und im Krankenhaus nur ein Assistentsarzt anwesend. Dr hat mich mit dicker Nadel zusammengeflickt – die dünnen hat er nicht gefunden.

Weil es die Karnevalszeit  war, haben mich am meisten die Fäden in der Lippe gestört – beim Küssen.

Liebe Grüße! Opa

 

 

 


 

Erholungshaus, Dokument vom November 1947, Abschrift

Haben sie einmal bedacht,

welchen Aufwand an Mühe und welche Überwindung von Schwierigkeiten die Durchführung der Gastspiele der Kölner Bühnen bei uns erfordert???

daß zum Beispiel für die „Carmen“-Aufführung 265 Menschen von Köln und nach Köln zurück befördert werden müssen,

daß diese 265 Mitwirkenden hier bei uns beköstigt werden müssen,

daß sie meist nach Mitternacht erst nach Hause gelangen und damit einen 16-stündigen Arbeitstag hinter sich haben,

daß nicht jeder dieser 265 vor seine Haustür gebracht werden kann und vielen noch ein nächtlicher Fußmarsch bevorsteht,

daß keine begeisterten Kavaliere wie einst am Bühnenausgang stehen, um die Primadonna, den Heldentenor oder die Primaballerina im „Triumph“-Wagen jubelnd nach Hause zu bringen,

daß die betörende Carmen hungrig ist und in ihrer zerrissenen Bluse friert,

daß auch die Bühnenbilder und Requisiten nicht per Fallschirm aus einem märchenhaften Theaterhimmel sanft sich im Erholungshaus niederlassen,

daß die Kölner Künstler unsere Freude und Begeisterung auch spüren müssen, um Lust zu haben, die Gastspiele bei uns weiter durchzuführen,

daß wir also für die einzigartige Leistung, aus dem Nichts des zertrümmerten Kölns solch großartige Inszenierungen hervorzuzaubern, die größte Bewunderung und Begeisterung bezeugen müssen,

deshalb

äußern Sie Ihre Begeisterung und danken Sie durch lebhaftesten Beifall!!!

Es ist die einzige Freude, die wir den Künstlern heute bereiten können.

 

 

Bayer Erholungshaus_Blick vom Saal auf Bühne_2019 (c) Bayer Kultur, Foto Martin Lässig

 

 

 

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