Interview Teil 7 – Bücher und Parallelwelten

Share

Interview des vm2000.net mit Jörg Boström


    

Du erstellst gerne Bücher am Computer, sie enthalten Fotografien, Malerei und auch Erinnerungsfotos. Du lässt Dir davon einzelne Exemplare ausdrucken, im Print on Demand Verfahren. Ist der Grund dafür, dass Du die Arbeiten in greifbarer Form archivieren willst?

Nein, ich will sie auch mal gedruckt sehen. Das ist für mich interessant, die Malerei, auf der Leinwand, und sie dann zu fotografieren, im Netz zu sehen, und auch gelegentlich auszudrucken. Und ich baue dann ja irgendwann auch einen Katalog davon. Wenn ich sie ausgedruckt habe, kann ich sie auch Freunden zeigen, mitbringen, und guten Tach sagen. Am Rechner sitzt nicht jeder von meinen Freunden, ne. Ich benutze Kunst auch als Kommunikation, auch den Computer natürlich, aber auch meine Malerei. Und das Bücher machen, das ist vielleicht nicht ein künstlerischer, aber ein Erinnerungsakt für mich, es ist Erinnerungsarbeit. Und damit ich die Übersicht auch behalte über meine Bilder, die ich ja auch irgendwann verliere, wenn die im Archiv stehen, gestapelt, dann weiß ich garnicht mehr, was da alles ist. Wenn ich das aber fotografiert habe, und geprintet, dann behalte ich die Übersicht, und mache auch dann Erinnerungsbücher, Kataloge also, für mich selber.

Also zum einen als Erinnerung, zum anderen als Kommunikation, und um die unterschiedlichen Weisen, wie Bilder wirken, auszuprobieren, wie sie an der Wand wirken, am Rechner wirken, und dann im Buch wirken?

Ja, genau. Und Bücher machen aus Bildern als so eine Art Kommunikationsmittel, Erinnerung. Das Bild ist ja nur einmal auf der Welt. Bücher kann man ja vervielfältigen. Und die Bilder sind ja auch in der Regel nur in meinem Archiv, aber nicht woanders. Und die kann ich auch nicht anderen Leuten zeigen, viel zu umständlich. die da immer rauszuzerren. Viel einfacher ist es, die am Rechner oder ausgedruckt den Freunden zu zeigen, wenn sie sie sehen wollen.

      
         

 

Archiv2. Organisches. Auf Papier. Pappe. Mit Lack. Tempera.Tusche. Spray. Terpentin. | Jörg Boström

Spuren von Beuys in Negativen | Fotografien von Jörg Boström | Fine Art

Text Bild – Bild Text Artikel und Vorträge 1967 – 2015 | Jörg Boström. | Fine Art

Düsseldorf. 1968-1970. Eine Stadt in Bewegung. Fotografie als Dokumentation. | Jörg Boström | Fine Art

Minden hat was.. auch nach außen… | Jörg Boström

D.h. durch die Bücher wird Dein Bilderarchiv zugänglich gemacht.

Ja, genau. Und die Bücher sind schon Künstlerbücher, aber keine Kunstbücher, ich benutze die Technik eigentlich, wie sie so ist, ich mache daraus keine, ich bin ja auch kein Typograf, ich mache daraus keine künstlerisch bedachte Gestaltung, das kann ich nicht, das ist nicht so meine Art. Das würde mein Kollege Gerd Fleischmann ganz anders machen.

Du liest auch viele Bücher, meist Romane, und hältst es für wichtig, viel zu Lesen?

Ich lese gerne Bücher, ich habe in der Regel zwei in Arbeit, eins zum Einschlafen, auf dem Bett, und ein anderes im Wohnzimmer. Und trage die nicht hin und her, sondern ich lese immer Bücher, immer, immer. Aber in der Regel gleichzeitig zwei. Und die Bücher sind dann irgendwann auch in meinem Regal, als Erinnerung.
Bücher sind für mich wichtig, ich habe schon immer viele Bücher gelesen. Und mein Vater hat auch viel gelesen, der hatte auch ganze Schränke voller Bücher.  Ich bin auch so aufgewachsen, mit Büchern. Und jetzt gleich, wenn wir wieder aufhören mit dem Interview, lese ich wieder ein Buch.

Du hast früher die Bücher aus dem Regal Deines Vater genommen, und dann der Reihe nach gelesen, oder so wie sie Dich interessiert haben?

Ja ja, ich habe von meinem Vater auch Bücher lesen gelernt, und der hat auch abends meiner Mutter und mir gerne etwas vorgelesen, aus Büchern. Dann saßen wir da auf dem Sofa, und er las. Später habe ich das auch gemacht.

Aha, das klingt nicht schlecht.

Meine Frau liest jetzt auch sehr viel, da brauche ich ihr nichts vorlesen, sie liest genauso viel wie ich, oder manchmal sogar noch mehr.

Naja, das Vorlesen ist aber auch kommunikativ, das klingt insofern eigentlich auch ganz schön.

Ja, aber man hat auch verschiedene Interessen an Büchern, wie in Bildern. Es ist ja nicht so, dass alle das Gleiche gerne lesen, sondern jeder hat so seine Art, seine Welt der Literatur.

Das stimmt, aber wenn man es vorgelesen kriegt, dann kriegt man vielleicht auch einen Zugang zu Sachen, die man bisher nicht gelesen hat, denke ich mal. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.
Manchmal hast Du Autoren erwähnt, deren Bücher Du gerade liest, z.B. Jonathan Franzen, oder John Updike, oder auch Günter Grass, oder Martin Walser. Sind Dir manche Autoren oder Bücher in den vergangenen Jahren besonders intensiv im Gedächtnis geblieben?

Im Gedächtnis bleiben mir Bücher eigentlich nur, wenn ich sie im Regal wiederfinde. Von Martin Walser habe ich ja ungefähr 6 oder 8 Bücher gelesen, die stehen im Regal, und dann fällt er mir sofort wieder ein, und Günter Grass, und die anderen Autoren, die ich häufiger lese. Aber im Kopf habe ich das nicht alles, vor allen Dingen nicht, was in den Büchern speziell erzählt wird, da muss ich schon darin blättern, um mich da wieder zu erinnern.

Du hast früher häufig Texte zu Kunst, Fotografie und Medien geschrieben, in die auch gelegentlich Deine persönlichen Erlebnisse eingeflossen sind. Hättest Du gerne auch mal Literatur geschrieben, zum Beispiel einen Roman, in dem es um Fotografie oder Malerei geht?

Texte, die ich früher geschrieben habe, zu Kunst und Medien. Das hängt mit meinem Beruf zusammen, als Lehrer, als Professor für Fotografie und Kunst. Da musste ich natürlich Einiges, und ich wollte auch immer sehr viel wissen, das ich dann auch vermitteln kann. Aber so zuhause lese ich im Wesentlichen Literatur. Und geschrieben habe ich auch über Fotografie und Medien im Rahmen meines Berufs. Und ich wurde ja auch gelegentlich gebeten, Vorträge zu halten, die musste ich natürlich auch schreiben. Und aus den Vorträgen und meinen Texten habe ich dann natürlich auch wieder Bücher gemacht, damit sie nicht verlorengehen.
Manchmal habe ich auf Reisen auch eine Art Reisetagebuch geschrieben, aber das fällt mir jetzt garnicht ein, wo ich die noch habe. Literatur in dem Sinne, wie Romane oder so, hab ich nie geschrieben, die habe ich nur gelesen.

Möglicherweise wirst Du auch aus diesem Interview demnächst ein Buch machen?

Aus unserem Interview mache ich sicher später mal ein Buch, wenn da genug zusammengekommen ist. Und das bestücke ich dann auch mit Bildern, natürlich.
Mal sehen, wahrscheinlich mache ich mal irgendwann eins. Im Moment habe ich alle Bücher gemacht, die mir so einfallen, das wäre jetzt was Neues, dass ich auch mal wieder ein neues Buch machen kann, ich mache ja gerne Bücher.

So kennt man Dich.

Kannste die Texte mal sorgfältig sortieren, und dann mal gucken, dass ich da vielleicht  mit Bildern auch ein Buch machen kann, natürlich setze ich da Bilder dazu.

Der Kunstfälscher Beltracchi nennt in einem Interview die Kunstwelt eine “irreale Parallelwelt”.

Ja, das finde ich eine gute Idee.

Dem würdest Du teilweise zustimmen?

Ja, ich bin aber dann der Meinung, dass die nicht irreal ist, sondern sehr real. Meine Kunst ist real, nicht irreal.

Ah ja, d.h. Du würdest die Kunstwelt eine reale Parallelwelt nennen?

Ja, genau, ich bin Realist, und meine Kunst ist real. Die wird aus der Fantasiewelt ins Reale befördert, durch Malerei, das ist ja real, Leinwand, Keilrahmen, Farbe, das ist ja nichts Irreales, das ist ja manchmal realer als der Alltag, der sich verflüchtigt, aber die Kunst ist ja eher von Dauer.

Ich habe einen Film gesehen über die Düsseldorfer Kunstakademie, da war überall Kunst, wohin man schaute, die Kamera fuhr da entlang, und es standen Bilder auf den Fluren, lagen auf dem Boden. Ist die Düsseldorfer Kunstakademie eine Parallelwelt?

Ja, auf jeden Fall wirklich, nicht irreal.

Also die Düsseldorfer Kunstakademie ist ebenfalls eine reale Parallelwelt.

Ja, sicher, da habe ich ja studiert. Meinst Du, ich wäre da gewesen, wenn die irreal wäre? Die hat mich noch realer gemacht, als ohne Kunstakademie.

Manchmal heißt es, Bielefeld, das gibts ja garnicht.

Ja, das ist ein Witz. Ein berühmter Witz. Das Einzige, womit Bielefeld berühmt ist, ist eben dieser merkwürdige Satz, Bielefeld gibts nicht.

Aber Du würdest sagen, dass es Bielefeld schon gibt?

Ich habe es ja gesehen, ich kann es beschwören.

Und Du kannst auch beschwören, dass es die Düsseldorfer Kunstakademie gibt?

Ich schwöre, ja, und da kann mich keiner von abbringen. Gibt es.
Natürlich sage ich, dass damals, als ich dort war, sie noch realer war als heute. Für mich jedenfalls.

Damals, in den 60er, 70er Jahren?

Ja, da war ich ja bei dem einzigen Professor, der gegenständlich arbeitete, Bruno Goller, alle anderen waren abstrakt, und meine Kunst war real. Ist sie ja heute noch. Ich bin Realist, als Künstler.

Und wenn Bruno Goller nicht gewesen wäre, hätte dann das Raumschiff Kunstakademie vielleicht irgendwann abgehoben, und sich aus der Realität verabschiedet?

Naja, ich hätte es gebraucht. Um Staatsexamen zu machen, und Kunsterzieher zu werden. Ich brauchte ja Geld.
Die Welt wird durch Kunst realer.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen