Interview Teil 4 – Kunst, Schönheit, Bielefelder Schule

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Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

Noch vor den 68er Protesten gab es ja in Düsseldorf schon die Gruppe Zero, die einen künstlerischen Neuanfang versuchte. Du hast ja einige Zero Installationen gesehen. Inwieweit die Zero Aktionen Protest waren, und gegen was, habe ich mich gefragt?

Die Aktionen waren nicht in dem Sinne Protest, aber es war sozusagen der Versuch, ganz von vorne anzufangen. Bei Zero, Null. Die Kunst hatte sich nach Auffassung der Zero Künstler in vieler Hinsicht verrannt und musste neu definiert werden. Und deshalb haben die ihre Gruppe Zero genannt, weil sie nochmal ganz von vorne mit der Basis der Kunst anfangen wollten.

Lichtinstallation von und mit Heinz Mack in der Galerie Schmela, Foto: Jörg Boström

Man muss dazu sehen, dass auch die Zeit die von Beuys war, der ganz das Gegenteil war von einem Zero Künstler, sondern alles Mögliche machte, wenn man so will auch alles Unmögliche. Beuys war ja in vielerlei Richtung ein provozierender Künstler aber gleichzeitig auch einer, der an den Ursprung der Menschheit zurückdachte. Nicht so sehr Protest gegen die Gegenwart, sondern etwas ganz Neues, Ursprüngliches bringen wollte. Insofern war er auch ein Art Zero Künstler, aber mehr ideologisch als formal. Die Zero Künstler waren ja eine formale Zero Gruppe, während er an den Grundlagen der Menschheit arbeitete, gewissermaßen.

Schamanismus wird da manchmal genannt, in Zusammenhang mit Beuys.

Ja, ja. Und insofern kommt ja auch sein Gespräch mit dem Tier im Arm vor, durch das er an den Ursprung der Kunst zurück wollte.

Stimmt, das Gespräch mit dem Tier ist eigentlich auch schamanisch, könnte man sagen. Also bei Schamanen gibt es ja immer ein spezielles Tier, mit dem sie sich in der Anderswelt verständigen. D. h. das Schamanentier von Beuys war wohl der Hase.

Das war der Hase, ja.

“Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit”, sagte der Komiker Karl Valentin, Du würdest dem sicher zustimmen?

Der Begriff der Schönheit in der Kunst war damals nicht sehr populär, der war mehr dem Design und der Gestaltungen der Wohnungen usw. zugedacht, aber nicht so sehr der Kunst. Der Begriff der Schönheit war eben nicht ein wichtiges Thema für die Künstler.

Würdest Du Dich als ehemaliger Prof. am Fachbereich Gestaltung in Bielefeld der “Bielefelder Schule der Fotografie” zugehörig fühlen?

Das ist nicht mein Problem, das ist mehr ein Problem der Außenbestimmung. Aber die Bielefelder Schule war durch uns vier, Jürgen Heinemann und mich, Gottfried Jäger und Kalle Holzhäuser, bestimmt, und war eben so extrem aufgebaut. Jürgen Heinemann und ich waren Realisten, in der Fotografie, die die Wirklichkeit mit der Kamera erforschten, und zum Teil darin kämpften. Insofern war unsere fotografische Arbeit eine gesellschaftliche und politische, während von Gottfried und Kalle die Fotografie abstrakt, als eigenständig, als formal völlig autonom dargestellt wurde, unabhängig von der Wirklichkeit.
Ich habe bisher nicht bedauert, dass ich der Bielefelder Schule zugerechnet werde, das ist so, das kann ich nicht ändern, das ist meine Lehrtätigkeit, und meine Praxis hat dazu beigetragen, dass die Bielefelder Schule überhaupt entstand.

Also die Bielefelder Schule hat demnach zwei Schwerpunkte, zwei sehr unterschiedliche, den einen des Bildjournalismus der sich politisch betätigt, und den anderen der abstrakten Kunst, die völlig autonom ist?

Ja genau. Und da wir als vier uns gegenseitig nicht bekämpften, sondern gut verstanden, entstand ja gerade die Bielefelder Schule, weil wir das ganze Umfeld der Fotografie in unserer Arbeit hatten, als vier Fotografiekünstler. Insofern hat die Bielefelder Schule, deshalb wurde sie ja auch so genannt, überregional beachtet, weil sie den Umfang der Fotografie, die Möglichkeiten der Fotografie, bei sich ausschöpfte.
Ich habe nie bedauert, an der FH Fotografie und Medien, aber nicht Malerei zu unterrichten. Dadurch war die Malerei für mich ein selbstständiges Medium, was ich nicht als Lehrer auch noch praktizieren musste, das konnte ich selbstständig für mich machen. Malerei war für mich immer eine ganz persönliche Tätigkeit, Dialog zwischen mir und den Bildern, aber nicht Dialog zwischen mir und den Studenten. etwa, oder so. Ich habe also Malerei nie gelehrt. Und dadurch konnte ich in der Fotografie mich unabhängiger bewegen, und war nicht gebunden an meine Malerei Kunst, die war gewissermaßen wirklich frei, auch befreit von der Lehrtätigkeit.
Für mich gab es immer diesen Dialog zwischen Fotografie und Malerei, den Du ja auch in Deiner Frage formulierst.

Und der bei Dir gut funktioniert, also als gegenseitige Ergänzung und nicht als Konkurrenz?

Ja genau, Fotografie wurde ja als kritisch betrachtet von den bildenden Künstlern, aber ich hatte die Verbindung hergestellt für mich, zwischen Fotografie und Malerei. Es war also für mich keine Konkurrenz sondern eine Ergänzung, ein wechselseitiger Dialog.
Ich konnte die Fotografie und Malerei auch zusammen ausstellen. Die Fotografie war ja für mich nie in dem Sinne Berufstätigkeit wie für Bildjournalisten, die ja für die Presse arbeiten, das habe ich nie getan.

Gab es Ausstellungen, bei denen Fotografie und Malerei parallel liefen?

Ja, und zwar ging das sehr stark in die Parallele, ich habe eine zeitlang informell, abstrakt gemalt. Und auch eine zeitlang mit fotografischen Mitteln informelle Fotografien gemacht, Entwicklermalerei.

Du warst als Student bei der Salzburger Sommerakadamie und hast dort Kurse bei Oskar Kokoschka besucht, wenn ich mich recht erinnere, ging es dort um Aktdarstellungen mit Wasserfarben?

Das war damals so, dass Kokoschka seine Malkurse ja sozusagen in Opposition zur Gegenwartskunst führte, die ja dominiert wurde von der abstrakten Kunst. Kokoschka war ein überzeugter gegenständlicher Maler und hat auch in seinen Kursen, in seiner Sommerakademie, die Gegenständlichkeit betont, und eben, wie Du schon bemerkt hast, die Gegenständlichkeit des menschlichen Körpers. Es waren immer dominierend bei seinen Kursen die Modelle, als Akt aber auch bekleidet, auch teilweise bekleidet.
Und die Technik war ja durchgängig Wasserfarben, so dass man sehr schnell arbeiten konnte und durfte, und war keine Malerei auf Leinwänden mit Öl und anderen Farbmaterialien. Es war eine auf Papier mit Wasserfarben praktizierte Malerei, aber orientiert an der optischen Wirklichkeit, orientiert an Modellen eben, an Menschen. Auch das war eine Oppositionsposition, weil ja dieser Mensch in der bildenden Kunst damals nicht die dominierende Rolle spielte, sondern eben die Form und die Abstraktion. Kokoschka wollte auf diese Weise in die Kunst wieder den Menschen einführen. Er hat es ja auch getan. Er hatte in seiner eigenen Malerei ja auch garkeine abstrakte Phase, und die Menschen spielten die dominierende Rolle bei seiner Kunst. Und Kokoschka war auch, anders als andere Professoren, sehr persönlich auf seine Studenten eingestellt. Er besprach jeden Tag jede Staffelei, jede Arbeit eines Studenten, und es waren bis zu 40 Leute gleichzeitig. Er ging jeden Tag von Staffelei zu Staffelei und besprach mit den Studenten ihre Arbeiten.

Aquarelle von Jörg Boström, entstanden in der Schule des Sehens von Oskar Kokoschka


Weißt Du, welchen Grund es hatte, dass die Wasserfarbe verwendet wurde?

Es ging im Grunde um die Schnelligkeit. Es war eine Malerei, die insofern der Fotografie  ähnlich war, als sie Momente schnell erfasste. Das ging mit Ölfarben nicht so gut wie mit Wasserfarben.
Und das war ja damals kein einsames Geschäft, das kam ja auch dazu, dass die Malerei bei Kokoschka eine Gruppenarbeit war. Nicht eine Gruppe die an einem Bild arbeitete, sondern die einfach zusammen gemeinsam malte. Es war insofern gesellschaftlich eine offene Arbeit, eine offene Tätigkeit.
Ich habe damals nicht viele, aber einige Fotografien gemacht, wie man so am Fenster sitzt, oder an der Staffelei steht. Und ich meine, Kokoschka auf der Treppe hätte ich auch mal fotografiert.
Für mich war Kokoschka doch wichtig als Hinwendung zum Gegenstand, und zur Wirklichkeit, zur sichtbaren Wirklichkeit.

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