Interview Teil 2 – Malerei von Jörg Boström

Share

Interview des vm2000.net mit Jörg Boström

In Deinen Bildern taucht immer wieder das Meer auf. Würdest Du sagen, dass das Meer für Künstler eine besondere Anziehungskraft, oder einen Symbolcharakter hat?

Das Meer ist nicht nur für Künstler ein besonderes Ereignis, es gehen ja auch viele zum Schwimmen ans Meer. Aber für Künstler hat es fast einen Bildcharakter. Es ist einfacher, ist es großartiger, es ist weiter, als eine Stadt, oder auch eine Landschaft, oder ein Wald. Das Meer ist eben gewissermaßen der Blick ins Unendliche. Und Künstler interessieren sich eben sehr für das Unendliche. Auch zeitlich, für das Unendliche ihrer Arbeit. Da ist das Meer ein Symbol für die Unendlichkeit, auch der bildenden Künstler, aber auch der Schriftsteller.

D.h. du würdest gerne deine Bilder auch zeitlich unendlich haltbar machen, für zukünftige Betrachter?

Das würde ich gerne tun, und so gut ich das kann, mache ich das auch. Ich bringe sie auch in Regalen unter, in meinem Archiv, die sind wie im Museum. Auch meine Fotografien, die sind in schwarzen Kästen geordnet, im Regal. Ich mache in meiner Wohnung so etwas wie ein Museum. Egoistischerweise für meine Kunst. Ich habe von anderen Menschen nicht allzuviele Bilder.

Die Schatten in Deinen Bildern scheinen manchmal ein Eigenleben zu entwickeln. Sie scheinen manchmal fast wichtiger zu werden, als die menschlichen Figuren, von denen sie geworfen werden. Steckt dahinter die Absicht, die Schatten quasi aus ihrem Schattendasein treten zu lassen, das sie sonst oft führen?

Die Schatten in meinen Bildern sind ja einige Zeit schon da, haben sich aus der Fotografie entwickelt, und haben so eine Art Eigenleben. Der Schatten eines Menschen ist eben so eine Art Bild des Menschen, fast sowas wie ein Selbstbild. Man wirft ja selbst den Schatten, auch wenn man das nicht so gut in der Gewalt hat. Aber der Schatten eines Menschen ist sowas wie ein Bild eines Menschen. Meine Schattenbilder sind insofern Doppelbilder, der Mensch und sein Schatten sind beide auf den Bildern zu sehen, und meistens sind sie in Bewegung. Der Mensch wandert wandert wandert, und wirft einen Schatten, und immer wieder einen neuen Schatten. Und je nachdem wo die Sonne steht, ist der Schatten eben nach rechts oder links, bei meinen Bildern laufen die meisten Schatten aber von links nach rechts.

In Bewegung, das bedeutet, es besteht sowohl ein Zusammenhang zur Fotografie, als auch zum Film, da man sich die Schatten auch als Film vorstellen kann, auch wenn sie meistens bei Dir stehende Bilder sind?

Ja, es ist ein Stück Fotografie selber. Fotografie heißt ja Licht Kunst, Foto Grafie. Foto ist Licht, und Grafie ist Zeichnen. Die Schattenbilder sind also eine Art Foto Grafie, oder eine Lichtkunst, hergestellt von der Sonne. Insofern ist die Fotografie auch ein Stück Schattenbild der Welt, denn das Licht macht in der Kamera ein Bild.

Das mit Schatten vergleichbar ist?

Das Licht ist sozusagen der Pinsel, oder manchmal auch  der Künstler, von Fotografien, von Schattenbildern, die selber Fotografien sind. Die Fotografien selber sind ja Schattenbilder, sie sind entstanden aus dem Licht. Es sind Lichtbilder, und eher Licht- als Schattenbilder. Und die Kamera hat mir dabei geholfen, diese Schattenbilder, die ich beobachte, auch festzuhalten. Insofern sind sie fotografische Skizzen, und wenn ich male, kann ich ja nicht Schatten hinterherlaufen, da muss ich ruhig stehen oder sitzen an der Staffelei, und dazu brauche ich in Bewegung hergestellte Schattenbilder, die mit der Kamera festgehalten wurden.

Das Thema Schatten ist immer wieder interessant, finde ich.

Ja, das finde ich auch. Ich bin im Moment allerdings dabei, ein Gruppenbild zu malen, das keine Schatten wirft. Da muss ich nämlich von der Gruppe mich entfernen, ich möchte aber jetzt mal Menschen aus der Nähe malen, die als Personen auf meinen Bildern auftauchen. Das ist eine Vierergruppe, die im Augenblick in Arbeit ist.

Durch die Schatten hast Du zu den Menschen mehr Abstand?

Ja, dadurch dass sie oft im Gegenlicht sind, sind sie auch selber dunkel, mehr als Silhouette zu sehen, als als Person. Die Schatten abstrahieren sozusagen noch weiter diese Personenbilder.

Die Menschen auf Deinen Bildern sind oft eher sommerlich gekleidet, ist der Sommer für die Kunst die bessere Jahreszeit?

Du sagst, der Sommer ist bei meinen Bildern die bessere Jahreszeit, ja, weil da Licht ist, nech. Schatten und Licht sind im Sommer besser als im Winter. Aber, ich habe auch Schnee- und Winterbilder gemalt, wie Du weißt.

Ja, ich kann mich erinnern, Winterlandschaften gesehen zu haben. Allerdings die Schattenbilder scheinen mir doch meistens eine eher sommerliche Wirkung zu haben.

Ja, das liegt auch daran, dass im Sommer natürlich die Sonne eine wichtigere Rolle spielt als im Winter, wo der Himmel oft auch trübe ist. Und wo man im Grunde durch die Kälte eingepackt ist in Mäntel, und auch die Kamera nicht so beweglich ist, weil mir das so kalt ist. Da hat man sogar Handschuhe an, wo man die Kamera eigentlich nicht gut mit bedienen kann. Im Moment z.B. da gucke ich aus dem Fenster, und die Welt ist grau im Augenblick. Es sind also keine Schatten da.
Der Schatten steht aber auch in unserer Dichtung und in unserem Bewusstsein auch für Negatives, für Düsteres, Schatten des Lebens, das ist nicht gerade das Licht des Lebens, sondern es ist die dunkle Seite. Ich will in meinen Bildern mit den Schatten auch die Dunkelheit des Lebens mit zitieren.

Anderseits, wenn man sich einen Sommertag vorstellt und die Mittagshitze, dann möchte man doch gerne in den Schatten, weil man dann doch eher die Sonne als brutal empfindet, und den Schatten als freundlich.

Ja, Du vielleicht, ich glaube Du bist eher lichtscheu. Du bist jemand, der in den Schatten flüchtet, wenn zuviel Sonne scheint.
Der Sommer ist schon für die Malerei bei mir die beliebtere Jahreszeit. Das gilt nicht nur für mich, das gilt auch für Expressionisten, hauptsächlich aber Impressionisten, die die Sonne ja lieben, aber die Schatten nicht so sehr. Die Schatten sind mehr bei mir verbreitet, als bei den Impressionisten.

Könnte man sagen, dass Deine Bilder eher expressionistisch sind als impressionistisch?

Nein, die sind weder noch, sondern realistisch. So empfinde ich. Durch die Malerei ist die Realität noch etwas deutlicher hervorgehoben. Nicht expressionistisch, ausdrucksmäßig, sondern eher gesteigert durch Realität. Eine gesteigerte Realität.

Könnte man das dann als hyperrealistisch bezeichnen?

Könnte man machen, ja. Und sie sind ja in der Wirkung noch realistischer, denke ich, als die Fotografien, die als Skizzen zugrunde liegen.

Wobei Deine Schatten sich auch manchmal selbstständig machen, und dann von der realistischen Darstellung abweichen.

Ja, im Sinne von… sie sind schon sehr eigenständig, sind auch sehr persönlich. Subjektivistisch, könnte man sagen, aus meiner Sicht.

Aha, das ist wieder ein neues Stichwort. Subjektivismus gibt es in der Philosophie, und die Philosophie ist meist etwas komplizierter. Subjektivistische Komposition in der Malerei, da geht es um die Postmoderne?

Ja, wenn man so will, bin ich ein postmoderner Künstler. Die Moderne habe ich hinter mir gelassen. Ich bin nicht postmodern, sondern Gegenwartskünstler.

Der Zusammenhang mit der Fotografie scheint mir auch bei der Entwicklermalerei sichtbar zu sein, die ja durch Flüssigkeiten und Glasscheiben Ähnlichkeiten hat mit der Fotolaborarbeit, z.B. in der Serie Ge-Zeiten.

Die Bilder sind auf Kunststoffscheiben entstanden, aus einer Mischung aus Entwickler, Farbe und Terpentin.

Würdest Du sagen, dass das an die Arbeit im Fotolabor erinnert?

Das IST eine Arbeit im Fotolabor. Es sind Scheiben, die für großformatige Fotografie gedacht sind, da habe ich dann drauf gemalt. Das wird bei Laborbeleuchtung gemacht, es erinnert nicht nur an Fotolaborarbeit, sondern es ist Fotolaborarbeit.

 

 

 

 

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen