Hochöfen und Zechen im Ruhrgebiet

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Siehe auch: Fotoserie zum Vortrag von Jörg Boström im LWL Industriemuseum Henrichshütte Hattingen am 22.02.2013 in der Ausgabe 66 des vm2000.net

 

Jörg Boström

Hochofen III in Hattingen

Die stillgelegte Konstruktion des Hochofens stellt sich dar wie das Skelett eines toten, urzeitlichen Tieres, Überrest einer vergangenen Industriekultur.

Entsprechend ist die Fotografie den Raumkonsruktionen, den sperrigen Gittern und labyrinthischen Treppen einer magisch wirkenden, weil nicht mehr bewegten Funktion auf der Spur.

Diese Bilder sind dem barocken Grafiker Piranesi gewidmet, der antike Architekturen und Tempeltrümmer darstellte und mit seiner Serie Carceri – Gefängnisse – zugleich das Irrationale einer sinnlos gewordenen Bauwelt darstellte.

Verschachtelungen von Räumen, Tekturen und Dimensionen werden zu flächenhaften Bildern, die an Stahlkathedralen denken lassen.

Ihrer Funktion beraubte Objekte und Details erscheinen wie rätselhafte Gebilde einer vergangenen, kultisch anmutenden Verwendung.

Das anscheinend Selbstverständliche der Industriekultur wirkt fremd wie aus der Sicht späterer Zeiten, welche den Zusammenhang nicht mehr rekonstruieren können. Eine postindustrielle Sicht wird zu Bildern von archäologischem Charakter.

Die Verbindung von malerisch erzeugten Clichées Verres

– bemalte Glasplatten – mit der Einbelichtung von fotografischen Negativen erinnert in der Brüchigkeit ihrer Strukturen an die Vergänglichkeit ihres Gegenstandes.

Der natürlichen Vergänglichkeit wird eine künstlerisch produzierte entgegengesetzt. Die Bilder erscheinen nun selbst wie verwittert, wie angerostet und von der Zeit zerfressen.

Daten zur Hüttengeschichte

1843 Hattingen hat 322 Einwohner, 7 Bauernhöfe, 20 Kotten, Niedergang des Wirtschaftslebens, Handweberei, Schmieden.

1850 Herr Helmisch entdeckt ein 150 cm mächtiges Spateisenflöz. Hattingen bietet Kohle und Eisen sowie die Ruhr als Verkehrsweg.

1853 Graf Henrich zu Stolberg-Werningrode beauftragt

Carl Roth mit dem Aufbau eines Hochofens in Westfalen.

1854 Protest der Bevölkerung gegen den Bau der Hütte bleibt ohne Erfolg

1855 Der erste Hochofen wird angeblasen. 350 Personen Belegschaft, darunter Fachleute aus dem Harz, aus Schottland und Belgien.

1869 Die Hütte erhält Anschluß an die Eisenbahn.

1904 Die Firma Henschel erwirbt die Hütte nach

Disconto-Gesellschaft 1857 und “Dortmunder Union” 1872.

Jetzt hat sie 1300 Personen Belegschaft,

1910 bereits 6000 Personen.

1923 Die Franzosen besetzen das Ruhrgebiet.

1930 Höhepunkt der Wirtschaftskrise. Die Hütte geht auf in der “Ruhrstahl AG”.

1939 Neubau des Hochofens III.

6868 Personen sind hier beschäftigt.

1944 Belegschaft 9000, davon sind 2500 Zwangsarbeiter.

1945 Die Hütte erhält 151 Bombentreffer.

1946 Erste Betriebsgenehmigung nach dem Krieg für

3000 Personen Belegschaft.

1949 Das Petersberger Abkommen verhindert die Totaldemontage

1950 Entflechtung der “Ruhrstahl AG”.

Hochofen I wird angeblasen.

1952 Hochofen III wird in Betrieb genommen.

1959 Kokerei und Hochofen I werden stillgelegt.

Hochofen II wird angeblasen. 9700 Personen Belegschaft.

1963 Die “Ruhrstahl AG” geht auf in der

“Rheinstahl Hüttenwerke AG”.

1974 Die Henrichshütte wird einbezogen in die

August Thyssen Hütte AG.

1985 5563 Personen Belegschaft.

1987 Stillegung des Hochofenbetriebs bei Protesten durch Gewerkschaft, Belegschaft und Bevölkerung.

1988 Stahlwerk, Schmiedebetriebe und Bearbeitungswerkstätten werden von der

“Vereinigte Schmiedewerke Gesellschaft (VSG) übernommen.

Alle anderen Bereiche wie Sintern, Verhüttung, Walzen, Kümpeln sind stillgelegt. Auf dem stillgelegten Bereich wird ein “Gewerbe- und Landschaftspark Henrichshütte” geplant.

1989 Die Hochofenanlage wird an eine chinesische Firma verkauft und demontiert. Die verbleibenden Teile sowie eine Hochofenanlage werden in das Westfälische Industriemuseum einbezogen.

1992 Auf der Hütte arbeiten noch 1350 Personen.

 

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