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Arn Strohmeyer Volk ohne Hoffnung Eine Reise zu den Palästinensern hinter der Mauer Teil 3 |
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Berichte Betroffener Ich bummele durch die Gassen von Bethlehem und fotografiere ihre malerischen Winkel, Bögen und Durchgänge. Ein junger Mann spricht mich an und fragt in gutem Englisch, ob ich Journalist sei. Ich bejahe seine Frage, erstaunt darüber, wie er mir das wohl ansehen konnte. Er bietet mir an, mich mit einigen Menschen zusammenzubringen, die besonders unter der israelischen Okkupation gelitten hätten. Abdul (so will ich den jungen Mann nennen) hat selbst vier Jahre in israelischen Gefängnissen gesessen. Er zeigt mir seine Entlassungsurkunde, die vom Roten Kreuz ausgestellt ist. Abdul führt mich zu einem Haus in der Innenstadt, das an der Kreuzung zweier Gassen liegt. Ein Mann in mittleren Jahren, von eher zarter Statur und mit sensiblen Gesichtszügen empfängt uns und bittet in das Wohnzimmer, das mit einer bombastischen Polstergarnitur und einem großen Fernsehapparat ausgestattet ist. An der Wand hängt ein Bild von vier Märtyrern, dessen Rahmen mit einer palästinensischen Fahne umhüllt ist. Einer von diesem Männern, wird er mir später erklären, ist ein Verwandter. Ich bitte den Mann, dessen Namen ich nicht nennen will, mir seine Geschichte zu erzählen. Mit leiser und gebrochener Stimme schildert er den für seine Familie und ihn so schicksalhaften Tag – Dienstag, der 2. April 2002. |
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Überall in Palästina hängen – wie hier in Bethlehem – an den Mauern Plakate von Palästinensern, die zum Kampf gegen die Besatzer aufrufen. Foto: str |
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Eine kurze Erklärung zur damaligen politischen und militärischen Situation: Im Jahr 2000 waren die Friedensgespräche von Camp David zwischen US-Präsident Bill Clinton, Israels Ministerpräsident Ehud Barak und Palästinenserpräsident Jassir Arafat gescheitert. Der Prozess der Oslo-Verträge hatte in Palästina große Hoffnungen auf Frieden geweckt, entsprechend groß war die Enttäuschung, als sie sich als Illusion erwiesen. Ende September 2000 nach dem provokativen Besuch Ariel Sharons auf dem Tempelberg in Jerusalem wurden palästinensische Demonstrationen durch die israelische Armee blutig niedergeschlagen. Die zweite Intifada begann. Im Februar 2001 wurde Ariel Sharon mit einer Mehrheit von 63 Prozent von den Israelis zum Ministerpräsidenten gewählt. Die israelische Armee ermordete gezielt Dutzende von palästinensischen Aktivisten. Die Hamas begann daraufhin mit einer neuen Serie von Selbstmordattentaten. Im Dezember schnitt Sharon Arafat und seine Leute in Ramallah von der Außenwelt ab und hielt ihn in seinem Amtssitz fest. Ende März 2002 begann der zweite Krieg Sharons gegen die Palästinenser mit der Wiederbesetzung der meisten Städte und Dörfer im Westjordanland. Sharon gab vor, die „terroristische Infrastruktur“ zerstören zu wollen. In Wirklichkeit zerschlug er die staatliche und zivile Infrastruktur der Palästinensischen Autorität (PA), also der Regierung von Jassir Arafat. Tausende von Palästinensern wurden verhaftet. |
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In dieser Straße in Bethlehem hat die israelische Armee 2002 mehrere Menschen erschossen. Einwohner haben sie in „Straße der Märtyrer“ umbenannt. Foto: str |
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Am jenem Dienstag Anfang April – also wenige Tage nach Kriegsbeginn – drangen die Israelis morgens um acht Uhr in Bethlehem ein, erzählt der Mann, der mir gegenüber sitzt. Bomben explodieren, Steine fliegen. Seine Kinder schreien vor Angst. Soldaten dringen in das Haus ein und beschuldigen die Familienmitglieder mit vorgehaltener Waffe, dass sie Terroristen seien. An der eisernen Tür des Nachbarhauses, in dem seine Mutter und sein Bruder wohnen, befestigen sie eine Sprengladung und bringen sie zur Explosion. Als die Tür immer noch nicht aufspringt, feuern sie mit ihren Maschinenpistolen auf das Portal. Die Mutter und der Bruder stehen dahinter und werden tödlich getroffen. Dann kämmen die Soldaten die Wohnung durch, richten große Verwüstungen an, demolieren Möbel, zerreißen die Kleider in den Schränken und die Bettwäsche und verbrennen die Bücher in den Regalen. Sie nehmen Elektrogeräte, Schmuck und Kameras mit. Dann verhängen die Israelis eine dreitägige totale Ausgangssperre, was auch bedeutet: Drei Tage bleiben die Leichen der Mutter und des Bruders im Haus liegen, bevor sie bestattet werden können. Eine Stunde Zeit gewähren die Militärs für die Beerdigung von insgesamt neun Leichen. Der Mann hat dies alles mit seiner leisen und gebrochenen Stimme erzählt, die manchmal auch zittert. Er zeigt mir seine Arme, er hat große weiße Flecken – schwere Pigmentstörungen. In seinem schwarzen Haar und Bart hat er überall weiße Inseln. „Von dem Schock“, sagt der Mann, „ich bin immer noch völlig traumatisiert. Ich brauche psychologische Hilfe. Aber in Bethlehem gibt es so etwas nicht, und wenn doch, könnte ich das nicht bezahlen. Ich habe meine Stelle verloren und bin völlig mittellos. Für meine Haut gibt es eine amerikanische Salbe. Man kann sie über den Libanon beziehen, aber sie ist sehr teuer, und ich kann das Geld dafür nicht aufbringen.“ |
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Diese Frau und ihr Sohn wurden 2002 in der „Straße der Märtyrer“ von den Israelis erschossen. Plakate erinnern an sie. Foto: str |
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Die Tür zum Flur steht offen. Ein etwa 17jähriges Mädchen geht vorbei – mit völlig ausdruckslosem Gesicht, sie nimmt uns überhaupt nicht wahr. „Sie ist sehr krank“, sagt der Mann, „sie hat überhaupt keine Gefühle mehr.“ Auch sie braucht offenbar dringend eine Behandlung. Der Sohn kommt ins Zimmer, um dem Vater einige Video-Aufzeichnungen zu bringen. Er setzt sich zu uns, ich nicke ihm freundlich zu und will ihn begrüßen. Der Junge, der vielleicht 14 ist, reagiert überhaupt nicht, er ist völlig apathisch, nimmt von mir, dem Fremden, überhaupt keine Notiz. Die ganze Familie ist offenbar traumatisiert und völlig stumm. Der Mann legt die Videos ins Gerät und stellt den Fernseher an. Ich sehe das ganze Drama, das er erzählt hat, nun im Bild: Wie die Soldaten ins Haus stürmen, höre die Explosionen und Schüsse, da liegen die tote Mutter und der Bruder in ihrem Blut hinter der Tür. Auf den Straßen spielen sich gespenstische Szenen ab: Panzer walzen alles nieder, was ihnen im Weg steht – Autos, Müllcontainer und kleine Lastkarren. Die Panzer haben oben auf ihrer Kuppel noch zusätzliche Aufbauten, die fast wie Hochsitze der Jäger aussehen. Von dieser erhöhten Position aus können Scharfschützen auf alles schießen, was sich bewegt, wenn Ausgangssperre herrscht. |
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Ein palästinensischer Politiker, der wie viele Israelis „zur Selbstverteidigung“ eine MP trägt. Er wurde inzwischen von den Israelis erschossen. Foto: str
Ein Kameramann, der sich offenbar auf das Recht zur freien Berichterstattung beruft, wird von den Soldaten bedroht und weggedrängt. Hubschrauber kreisen bedrohlich über der Stadt und feuern Raketen ab, große Fesselballons stehen am Himmel und sind mit Kameras ausgerüstet, um jede „feindliche“ Bewegung zu registrieren. Außerdem sind sie mit Sirenen ausgestattet, die einen ohrenbetäubenden schrecklichen Lärm erzeugen.
Dann zeigt der Mann Bilder von der verwüsteten Wohnung. Nichts ist mehr heil, nichts steht mehr an seinem Platz. Die Zimmer sind ein einziges chaotisches Schlachtfeld. Überall an den Wänden sind Löcher von Einschüssen zu sehen, eine Granate hat ein Stück aus der Ecke des Wohnzimmers herausgerissen. Ich frage den Mann, ob er jemals politisch tätig war, einer militanten Gruppe angehört habe. „Nein“, sagt er, „nie! Ich war nie politisch tätig.“ Glaubt er noch an den Frieden? Müde und matt sagt er: „Inshalla!“ („Wenn Allah es will!“) und fügt hinzu: „Wir sind hier in Bethlehem eigentlich immer sehr friedlich gewesen. Vor der Besetzung sind wir mit den Juden gut ausgekommen. Sie kamen damals immer zu uns auf den Markt, weil die Preise hier niedriger waren. Es hat nie Probleme gegeben.“
Zum Schluss erzählt der Mann mir noch eine Einzelheit, die ihm so schwer zugesetzt habe wie das ganze Drama zuvor. Zwei Tage nach der Konferenz von Annapolis, auf der US-Präsident Bush einen neuen Friedensprozess einleiten wollte, teilten ihm die Israelis mit, dass sie seinen Olivenhain in der Nähe von Jerusalem enteignet hätten. Sie brauchten das Land zur Erweiterung ihrer Siedlungen.
Die Kleider eines von den Israelis erschossenen Fatah-Politikers in Bethlehem. Foto: str
Anfang März 2008 sah ich spät abends zu Hause in der Nachrichtensendung der britischen BBC einen längeren Bericht über die Liquidierung von vier Palästinensern durch eine israelische Undercovereinheit in Bethlehem. Sie saßen zusammen in einem Kleinwagen und wurden von Kugeln durchsiebt. (In deutschen Nachrichtensendungen habe ich dergleichen Berichte noch nie gesehen.) Wie immer bei solchen Aktionen hatte Israel behauptet, dass es sich bei den Männern um „lange gesuchte Terroristen“ handele. Aber wer waren diese Männer wirklich? Dass sie auf einigen martialischen Fotos Maschinenpistolen trugen, heißt ja nicht viel. Denn auch die israelischen Siedler, die Zivilisten sind, tragen MP’s und setzen sie auch sehr oft ein. Und in Israel habe ich so viele Normalbürger mit MP’s gesehen wie noch in keinem anderen Land der Welt, darunter viele halbwüchsige Teenager. Die vier Männer waren Mitglieder der Fatah, also der großen Partei, die zur Zeit das Westjordanland beherrscht. Auch Präsident Abbas, mit dem Israel zu diesem Zeitpunkt in Gesprächen über „Frieden“ verhandelte, gehört dieser Organisation an.
Mein Begleiter Abdul führt mich in ein Haus, in dessen Wohnzimmer eine große Familie versammelt ist. Eine junge Frau, in ein weites arabisches Gewand gekleidet, begrüßt mich. Es ist die Witwe eines der vier getöteten Männer. Sie spricht wild gestikulierend auf mich ein und berichtet, wie furchtbar das ihr zugestoßene Schicksal sei. Die kleine Tochter schmiegt sich schüchtern an ihr Bein, der halbwüchsige Sohn sitzt mit großen traurigen Augen im Sessel und starrt vor sich hin. Eine Oma, wohl die Mutter des Ermordeten, kommt herein und will mir fast schreiend auf arabisch etwas erklären. Sie versteht gar nicht, dass ich nichts verstehe. Immer wieder erzählt mir die Witwe den Ablauf des dramatischen Geschehens. Die israelischen Soldaten, die in Zivil waren, hätten, um keinen Verdacht zu erregen, ein arabisches Auto in ihren Besitz gebracht, indem sie den Fahrer festnahmen. Dann sei der Kleinwagen mit den vier Männern an einer Kreuzung mit Schüssen durchsiebt worden. Zwei Minuten vor der Tat hätte sie mit ihrem Mann noch über das Handy telefoniert, er sei ein so optimistischer und glücklicher Mensch gewesen – und in der Stadt so beliebt.
Dann bringt der Sohn eine schwarze Plastiktüte herbei und legt sie mir auf den Schoß. Ich packe sie aus und habe die Kleider des Toten in der Hand, die er bei dem Mord trug: einen von Geschossen durchsiebten Pullover, einen Schal in den palästinensischen Farben, an dem noch das getrocknete Blut klebt, und eine Sportmütze. Ich betrachte und befühle die grausige Hinterlassenschaft und gebe sie dann an die Oma weiter, die sie sich vor das Gesicht drückt und anfängt durchdringend zu kreischen.
Die Witwe hat inzwischen eine DVD in das Abspielgerät gelegt. Auch diese Familie hat dank der neuen Technik die letzten Augenblicke im Leben des Vaters für immer bewahrt. Die Aufnahmen entstanden kurz nachdem die Schüsse gefallen waren – der Vater liegt da mit den anderen drei Männern in großen Blutlachen tot im Wagen. Die Menschen, die gerade in der Gegend waren, drängen sich fassungslos heran. Kameraleute sind schon vor Ort und treten in Aktion.
Dann das durch Mark und Bein gehende Geschrei der Trauernden, die bei der Beisetzung zu Tausenden dem offen zur Schau gestellten Leichnam das letzte Geleit zum Friedhof geben. Als der tote Körper vor dem Grab abgesetzt wird, beugen die nächsten Angehörigen sich noch einmal zu ihm herab und streicheln das Gesicht. Die kleine Tochter, die jetzt neben mir auf dem Sofa sitzt, und mir, dem Fremden, beim Anblick dieser Bilder ganz vertraut ihre Hand auf den Arm gelegt hat, versucht, dem Vater noch einmal die Augen zu öffnen. Sie will wohl noch einen letzten Blick von ihm erhaschen. Dann verschwindet der Leichnam in der Gruft und wird eingemauert. Wie oft hat das kleine Mädchen diese grausigen Szenen, die vermutlich jeden Tag hier abgespielt werden, schon gesehen und was werden sie in ihrer Seele – und ähnliche Bilder in den Seelen tausender anderer palästinensischer Kinder – bewirken?
Die Witwe erzählt, wie das israelische Fernsehen die Tat am Abend als großen „Sieg im Kampf gegen den Terrorismus“ gefeiert habe. Drei Stunden sei das israelische Kommando den Männern gefolgt – auch mit Hubschraubern, um den besten Moment für die Schüsse abzupassen. Mit ihren Kameras hätten sie das ganze Geschehen aufgenommen. Die Bilder des israelischen Fernsehens existieren in tausendfacher Kopie in Bethlehem. Es sind die Bilder, die ich gerade sehe, ergänzt durch eigene Aufnahmen der Palästinenser und der arabischen Fernsehsender.
„Nein, ein Terrorist war er nicht“, sagt die Witwe immer wieder. Um es mir zu beweisen, legt sie ein anderes DVD in den Apparat: Ihr Mann als Volksredner, wie er bei einer Veranstaltung in der Stadt von vielen tausend Menschen stürmisch gefeiert wurde. Und ihr Mann als liebevoller Vater, wie er mit seinen Kindern bei einem Spaziergang ausgelassen herumtollt und die kleine Tochter zu ihrer hellen Freude immer wieder in die Luft wirft, um sie dann aufzufangen und ihr einen Kuss zu geben. „Nein“, sagt die Witwe noch einmal, „ein Terrorist war er nicht. Mit seinem Tod hat er mein Glück mit sich genommen, nun ist alles zu Ende.“
Zwei Tage nach dem Tod des Vaters haben die israelischen Soldaten den halbwüchsigen Sohn – er ist 17 – verhaftet. Zwei Monate haben sie ihn festgehalten. Der Junge mit den traurigen Augen erzählt, er sei mitten in seinen Abschlussprüfungen in der Schule gewesen, aber das hätte sie nicht interessiert. Er habe ein ganzes Schuljahr verloren. Man hätte ihn im Gefängnis – immer an den Händen gefesselt und mit einer Augenbinde versehen – geschlagen und nachts den Schlaf verweigert. Immer wieder hätten die Verhörbeamten ihm rüde gedroht: „Wir verteidigen unser Land, niemand kann uns stoppen. Wir zerstören ganz Palästina, bevor einem Israeli etwas passiert.“ Und: „Dein Vater war ein Hund, wir werden deine Mutter zum Schreien bringen!“ Sie hätten Gasolin in seine Zelle gesprüht, was furchtbare Juckreize verursacht hätte. Er hätte Magenbeschwerden bekommen, eine Behandlung hätte man ihm aber verweigert.
Dann krempelt er seine Ärmel hoch und zeigt auf seinen Armen lange rote Streifen, die nicht weggehen und sehr jucken. Er vermutet, dass sie von einer falschen Injektion herrührten. Mit großer Beklemmung verlasse ich diese Familie.
Die Soldaten der Palästinensischen Autonomiebehörde sind ohnmächtig und können gegen die Besatzung nichts ausrichten. Foto: Harms
Abdul hat versprochen, mich noch für ein Interview mit Fatah-Leuten zusammenzubringen. Mit einem, der bei den letzten Wahlen eine führende Funktion errungen hat, telefoniert er ständig. Niemand von diesen Leuten habe ein festes Zuhause, sie schliefen jede Nacht woanders, um den Kommandos der Israelis zu entgehen. Irgendwann steht der Fatah-Mann in seinem Auto vor uns – ich will ihn hier Mohammed nennen. Ich steige ein. Es ist schon ziemlich dunkel. Abdul sagt, wir führen in ein Restaurant, wo wir sicher seien. Die Fahrt geht durch die ganze Stadt zu den Hügeln auf der anderen Seite, wo es kaum noch Verkehr und Passanten gibt. Auch die Straßenbeleuchtung ist sehr spärlich. Die beiden telefonieren dauernd mit ihren Handys. Ich verstehe so viel, dass es um mich geht, weil immer wieder das Wort „alleman“ (Deutscher) fällt. Ich werde unruhig und frage Abdul, wann wir denn zu dem Restaurant kommen. Abdul bemerkt meine Besorgnis und will mich beruhigen: „Vertrau mir!“, sagt er.
Plötzlich sind wir wieder im hell erleuchteten Stadtzentrum. Mohammed stellt den Wagen ab. Wir gehen eine der uralten breiten Treppen hinauf und verschwinden in einem ebenso alten Haus, das einst sehr feudal gewesen sein muss. In einem riesigen Raum mit einem hohen Deckengewölbe steht nur eine üppige Couchgarnitur um ein Tischchen herum. Sechs oder sieben Fatah-Leute sind schon da. Es ist wie bei der Zusammenkunft einer Geheimgesellschaft. Mohammed fragt mich, wer ich bin und wo und für wen ich arbeite. Ich muss wohl erst sein Misstrauen überwinden.
Ich frage ihn nach der politischen Situation in der Stadt. Er geht zunächst gar nicht darauf ein. „Ich muss mich verstecken“, sagt er, „sie wollen auch mich umbringen. Gerade haben sie zwei Männer in Nablus getötet. Viele sind hier gefährdet, weil sie zur Liquidierung ausgewählt sind („for killing elected“). In Kürze soll in der Stadt ein internationaler Wirtschaftgipfel stattfinden. Um Gefahr für das Treffen abzuwenden, töten sie vorher noch junge Leute.“
Dann kommt Mohammed doch auf die Probleme Bethlehems zu sprechen: „Wir wenden viel Mühe auf, die Stadt schön zu machen, aber die Israelis zerstören alles wieder in kurzer Zeit. Hier herrscht deswegen eine ‚soziale Krankheit’ („social desease“). Die Kinder haben große Angst vor Panzern und Soldaten. Die Ladeninhaber schließen ihre Geschäfte schon sehr früh, weil sie sich unsicher fühlen. Die Menschen hier hatten sehr große Hoffnungen in die Verträge von Oslo (1993/95) gesetzt, aber sie wurden bitter enttäuscht. Seit Oslo sind hier im Westjordanland 7000 Palästinenser getötet und 30 000 verwundet worden. Über 12 000 Menschen wurden verhaftet. Bethlehem rangiert in dieser Statistik ganz vorn.“ Mohammed versichert, dass die vier erschossenen Männer sehr friedliche Leute gewesen seien. Und auch er sagt: „Sie waren in der Stadt sehr beliebt, weil sie die Interessen der Menschen hier vertraten.“
Und wie sieht sein Blick in die Zukunft aus? Wie soll es weiter gehen? Mohammed weiß es nicht. Die Situation sei verzweifelt. Die jungen Leute heirateten nicht mehr, weil sie keine Arbeit und kein Geld hätten, um eine Familie zu gründen. Viele von Ihnen verließen Palästina für immer. Neue jüdische Siedlungen um die Stadt herum seien schon geplant. Die Demütigungen an den Checkpoints seien unerträglich.
Was kann er als Politiker unter diesen Umständen überhaupt tun? „Wenn Frieden herrschte, könnte ich sehr viel tun“, sagt Mohammed, „aber unter diesen Umständen nichts, gar nichts, außer zu versuchen, mich zu verstecken und mein nacktes Leben zu retten.“
Weit nach Mitternacht verlasse ich diese so konspirativ anmutende Versammlung in dem alten schönen Haus. Nur Mohammed hat gesprochen, die anderen hatten die ganze Zeit schweigend dabei gesessen. Er ist wohl zur Zeit der unumstrittene Führer der Fatah in Bethlehem. Er tat mir noch eine besondere Ehre an und brachte mich mit seinem Auto zum Hotel. Kaum hatte er mich dort abgesetzt, gab er wieder Gas und verschwand mit quietschenden Reifen in der Nacht.
Er ist noch immer allgegenwärtig in Palästina: der verstorbene PLO-Chef Jassir Arafat. Plakate in Bethlehem. Foto: str
Das Grab Jassir Arafats in Ramallah ist inzwischen zum Mausoleum ausgebaut worden. Von dieser Stadt aus soll sich der neue Staat Palästina entwickeln. Foto: str
Teil 4 und Teil 5 erscheinen in der nächsten Ausgabe VM48