Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Susanne Albrecht
 
Tanzen in der Stadt
 
 
Das Ziel der Reise: Istanbul.
Seit 2001 mein vierter Aufenthalt in künstlerischer Angelegenheit.
 
Michel de Certeau widmet in seinem Buch: Kunst des Handelns ein Kapitel dem Gehen in der Stadt als eine Möglichkeit der Aneignung des urbanen Raums. In Istanbul kann man von West nach Ost gehen, von Hügel zu Hügel, zwischen Land und Meer gemeinsam mit ca 15 Millionen Einwohnern. Von Emotionen überwältigt gerät mein Gehen in ein Tanzen.

Mit Freude erlebe ich wie sich die Stadt verändert hat und ahne, dass sie seit meinem ersten Besuch einen prägenden Einfluss auf mich hat. Oder wünsche ich mir das nur, weil ich dabei sein will bei so viel Dynamik, Potential und Bewegung?
2007 fällt mir sofort auf, dass meine Freundin Leyla nicht mehr raucht, Fahrrad fahren gelernt hat und ins Fitnessstudio geht. Fit for Istanbul scheint jetzt die Devise zu sein, dabei haben vor 6 Jahren alle noch wie Schlote geraucht.
2001 waren wir an der Yildiz Universitesi mit türkischen Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen zusammengekommen um über Istanbul als Kunstort in Genderperspektive zu forschen.
 
Damals gab es bereits Künstlerinnen wie beispielsweise Hale Tenger oder Gülsün Karamustafa, die im westlichen Kunstbetrieb Fuß gefasst hatten, aber in Istanbul vielen unbekannt blieben, weil es keine Ausstellungsmöglichkeiten gab. Zu dieser Zeit war noch die Biennale einziger Ort dieser Megacity, an dem internationale zeitgenössische Kunst temporär gezeigt wurde.
Inzwischen hat sich das geändert, mit Istanbul Modern gibt es endlich ein Museum für Moderne und zeitgenössische Kunst. Die BesucherInnen erhalten mit der Sammlung einen Überblick über die Entwicklung der Moderne in der Türkei und haben im unteren Stockwerk Gelegenheit temporär zeitgenössische künstlerische Positionen kennen zulernen. In den zahlreichen Galerien der Stadt sind inzwischen großzügige Installationen türkischer Künstlerinnen zu sehen.
 
Die Künstler und Künstlerinnen sind mit dem globalisierten Kunstbetrieb vertraut und bestens informiert. Ferhat, Dozent für Bildhauerei an der Marmara Universitesi, geht auch der Frage nach wie man heute noch mit Stein arbeiten kann und unser Gespräch führt uns zu streetart, comic und manga.
An den Universitäten laufen großzügig gesponserte Austauschprogramme, Projekte und workshops. 12 jährige Schülerinnen übersetzen in fließendem Englisch für ihre 35 jährigen Lehrerinnen, die es noch nicht in der Schule gelernt haben.

In Kadiköy treffe ich in der Bar Isis auf Bahar, mit ihren drei Musikern. Sie werden heute abend live spielen, einen englischen, spanischen, und türkischen Teil. Sie vertaut mir an, dass ihre Jungs sich weigern die englischen und spanischen Songs als Originalfassung auf CD anzuhören und so kommt es, dass die Lieder doch etwas seltsam klingen. Im türkischen Teil des Abendprogramms zeigen sie dann was sie können, kommen aus sich heraus und bringen die Gäste zum Mitsingen. Globalisierung einerseits und Bewahrung von Traditionen andererseits?
 
Meine künstlerische Arbeit handelt diesmal von Heim und Haus.
BIR SANATC EVLAT EDININ schreibe ich auf ein Haus, das man wie eine Maske tragen kann, “Adopt An Artist” auf englisch übersetzt.

Eine weitere Arbeit, die in die Sammlung der Bilfen School übergeht und dort ausgestellt wird, zeigt ein Haus, das risikoreich ein anderes Haus aufnimmt. Ein fragiles aber doch auch beständiges Gleichgewicht ermöglicht diese Verbindung und Verbindlichkeit.
 
 
 
Susanne Albrecht bei www.kunstnetznrw.de

2-12 April 2007,
International Symposium of Visual Arts Istanbul,
Marmara Universität und Bilfen Schule

Susanne Albrecht
Ohne Titel, 2007
Styropor, Stoff, Holz, Draht, Wachs
160x85x45 cm

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