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Jörg Boström Lieber Alf Welski, verehrte Gäste Als ich zuletzt mit Alf Welski telefonierte, um ihm zu beichten, dass ich nun wieder seine Ausstellung hier im DanielPöppelmann Haus eröffnen sollte und darf, bat er mich, doch nicht zuviel über Politik zu reden. Das würde in seinem Werk immer an den Anfang und an das Ende gestellt. Nun ist er eben Künstler, ein Grafiker und Zeichner von hoher Präzision und Gestaltungskraft. Und dazu ein Künstler, der sich am Sichtbaren orientiert, ein Realist mit hintergründigen Botschaften. Aber die, lieber Alf, gehören eben zu deiner Kunst und daher will und kann ich sie nicht ganz verschweigen. Selten finden wir in unserer Zeit Künstler mit diesem genauen Blick, dieser präzisen zeichnerischen Wiedergabe des Sichtbaren. Mit dieser liebevollen, Anteil nehmenden und sorgenvollen Zuwendung an den Menschen und seine Umwelt. Es ist dies eine Entscheidung, die Welski gerade in enger Verbindung mit der gesellschaftlichen und künstlerischen Entwicklung getroffen hat. In der Zeit nach dem Krieg versuchten alle Künstler in dem Chaos, der ideologischen Verstörung und Verdrängung Tritt zu fassen. Sie retteten sich zunächst in eine dekorative, leicht expressive Form. Diese tastende Kunst der Fünfziger Jahre ist auch bei Welski zu beobachten. Kunstpäpste wie Will Grohmann und Werner Haftmann erklärten in den deutschen Nachkriegswirren bis in die 6oer Jahre hinein den Gegenstand in der Malerei nicht mehr für tragfähig. Zitat:„Das vorläufige Gleichnislose dieser neuen Welt verlangt im Inneren des Menschen nach Gebilden, die die nicht mehr tragfähigen Dinge ablösen.“ (Haftmann, Malerei im 20. Jahrhundert, S. 601 Arnold Gehlen spricht von einer „inneroptischen Rationalität“ und beobachtet „ ein überragendes Interesse in unserer Gesellschaft.., das auf Entlastung geht.“ ( Zeit-Bilder, S. 222) Mit dieser reduzierten, von der sichtbaren Realität abgewandten Ästhetik konnte sich unsere Generation, zu der Alf Welski gehört, nicht abfinden. Wir kehrten die Forderungen um in realistische Bilder und Blicke auf die Wirklichkeit und waren eher auf Belastungen dieser Gesellschaft auch durch die Kunst eingestellt. Als die amerikanische Malerei mit dem abstrakten Expressionismus von Jackson Pollock, Sam Francis oder Mark Tobey die Dokumenta beherrschten, war zum Beispiel ein gegenständliches Malwerk wie das des amerikanischen Künstlers Edward Hopper längst ein moderner Klassiker in den USA, bei uns fast völlig unbekannt. In Westdeutschland musste noch die Pop Art mit ihrer dreisten Design Ausbeute aus London und New York über die heile Bilderwelt von Peinture, über die Form und Farbe hereinbrechen, bis ein so beharrlich auf die sichtbare Welt gerichteter Maler bei uns wahrgenommen werden konnte. Es war in der Hochphase der abstrakten Malerei die Fotografie, der man die Bewahrung der Dingwelt im Bild noch zutraute. Porträts ? Nicht mehr möglich in der Malerei - man nehme die Fotografie, Landschaften - passée, nur noch in Fotobildbänden, Stadtansichten - etwas für die kommunale Selbstdarstellung, für Touristenführer. Stilleben - nur als stills in der Werbung tragbar, Szenenbilder mit Menschen auf Straßen und in Räumen - megaout. Den ganzen sichtbaren Schurrmurr überlassen wir den Niederungen der Vulgärkultur und dem Sozialistischen Realismus. Hohe Kunst stellt nicht das Sichtbare dar, nach einem mißverstandenen Satz von Paul Klee, sie macht sichtbar. - aber was? |
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Alf Welski konnte sich mit diesem Verzicht auf die Verarbeitung des Sichtbaren in der Kunst nicht abfinden. Immer wieder geraten auch in seine frühen Bilder Gesichter, Figuren und Szenen. Zunächst in expressiver Vereinfachung und später immer naher am unmittelbar Sichtbaren, das er nach und nach wieder erobert parallel zur fotografischern Erkundung, die auch vielen anderen Künstlern diesen Zugang wieder erschlossen hat. Ganz kann ich die Einflussnahme des Politischen nicht ausklammern, ohne damit auch den kulturellen Hintergrund der Kunst zu löschen. Es war eine Zeit, in welcher der Realismus besonders im deutschen Grenzgebiet des kalten Krieges dem Osten zugeschoben wurde, mit dem Etikett Sozialistischer Realismus unter Verdrängung auch der Tatsache, dass dieser Begriff nun doch von Brecht geprägt war, den man nun nicht auf einen DDR Dichter zurückstutzen konnte. Die Welt der Abstraktion wurde dem Westen zugeschoben als Symbolsprache und Ausdruck der ersehnten kapitalistischen Freiheit. In Düsseldorf gründeten im ironischen Trotz und Gegenzug Gerhard Richter, Sigfried Polke und Konrad Fischer-Lueg den „Kapitalistische Realismus“ Ebenso im Widerspruch gegen Reduzierung der Sicht und der künstlerischen Aneignung des Sichtbaren, begann Welski immer genauer und einfühlsamer gerade diese im Westen verpönte Realität des Sichtbaren zu zeichnen, Menschen, Figuren, Landschaften, Kinder. Erscheinungen aus seiner unmittelbaren Umgebung als Lehrer und Bewohner von Land und Stadt. Dass er auch im Gegenzug zur Naziherrschaft und ihrer Verdrängung in den 50 er Jahren für kurze Zeit in die Kommunistische Partei eintrat, will ich ja nicht sagen,--bitte keine Politik, auch das er sie bald darauf verlies in Erkenntnis ihrer diktatorischen Struktur, auch das nicht, ebenso nicht, dass er seitdem Mitglied der SPD ist. Aber man kann auch in dieser Ausstellung nicht daran vorbeisehen, dass er in Grafiken Willy Brandt gewürdigt hat, auch seinen Abgang, auch das nicht. Man sieht, ganz ohne Hinweise auf die politische Szene kann man manchmal auch nicht über die Kunst der jeweiligen Zeit sprechen. |
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Und das noch weniger bei der Kunst von Alf Welski. Was soll man auch sagen über grafische Blätter wie das über Helmut Kohl, auf dem Alf Welski düster und ironisch die so genannte Wiedervereinigung würdigt. Ja, auch die wunderbare, exakte und einfühlsame Strichführung muss man betrachten, folgen dem Blick auch auf die Haut, auf Falten und Schatten und immer wieder entdecken die rätselhafte Verbindung von Szenen und Menschen, von organischen Formen mit dem Zeichensystem technischer Entwürfe und einer Parallelwelt der Konstrukte. Hinzukam bei Welski die Anregung der aus der Not der Ernährung für sich und seine Familie geborenen Arbeit als Bericht Erstattender und kommentierender Zeichner für die Freie Presse, aus der später die Neue Westfälische hervorging. Das Trauma des National Sozialismus, besonders für einen widerspenstigen Charakter wie den jungen Alf, die Wirren der Nachkriegszeit mit ihren Vertuschungen, Verdrängungen und Schönrednereien geben auch diesen Zeichnungen einen sowohl genauen wie kritischen, oppositionellen Strich. Der bleibt erhalten. Auch bei der Darstellung von menschlichen Beziehungen als Sehnsucht und Trauer, bei der Gestaltung von Stadtlandschaften als Wille der Erhaltung und Warnung vor der Gefährdung, bei der Darstellung des menschlichen Körpers, insbesondere des weiblichen, das liebevolle grafische Abtasten von Haut und Form. Bei Landschaften, deren organische Struktur in Bäumen, Sträuchern und Bächen ihn immer wieder fasziniert, scheinen Freude und Lust an der Natur ungebrochen, jedoch auch dies mit einem Ton ahnungsvoller Gefährdung, der auch den Landschaftsbildern etwas Ruhiges, aber auch Heilendes verleiht, die Anmutung einer gewünschten, heileren Welt, nun aber ganz ohne Menschen. Ruhig hat er gesessen in den Land strichen, die er liebt. Mit Stiften nachempfindend das organische Wachstum der Stämme und Zweige. Die Raum schaffende Linienführung der Bäche und Wege. Das Lineament der Büsche und Gräser, welche seiner Strichführung das organische Gewebe gibt. Welski macht immer wieder Dinge, die man nicht darf, wenn man brav der Kunstszene folgt. Menschliche Figuren in direkter Gestaltung, sollte nicht sein, Landschaften gar, nicht zeitgemäß. Realismus, verpönt als sozialistisch, obwohl gerade Bert Brecht es war, welcher den Begriff des Sozialistischen Realismus geprägt hat. Kalter Krieg auch in der Kunst, die sich abstrakt und losgelöst vom Politischen darstellen möchte. |
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Da schreibt ein führender Philosoph der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno. "Was immer als Protest sich regt, - und keine künstlerische Form ist länger denkbar, die nicht Protest wäre, - fällt doch zurück in das Geplante und trägt die Male dieses Widerspruchs," Zum Realismus entschlossen, stellt Welski auch diesem zunächst rein verstandenen Konzept die abstrakte Konstruktion an die Seite. Er verschachtelt in hintergründigen Kompositionen geometrische, wie von Ingenieuren zur Berechnung oder Erfindung von Maschinen entworfene Zeichnungen mit menschlichen Gesichtern und Figuren, die in ihrer organischen Existenz im Fleische leben und sich doch zugleich Zirkelhaft umstrickt finden von der industriellen Welt, ihrer Utopie und Gefährdung. Anders als die späteren Künstler der Pop Art und des Photorealismus greift nicht direkt zur Kamera als Brücke zum Sichtbaren, sondern er bleibt eigensinnig bei Zeichenstift, Kreide und Radiernadel. Wenn er ein Thema aufgreift, wie das nun endlich berühmt gewordene der Baseler Fastnacht, in vielen Variationen und auch farbigen, großformatigen Grafiken von großer Genauigkeit und prägnantem lokalem Bezug, bleibt den Baselern selbst – wie wir als Kinder sagten- die Spucke weg. Welkis Masken taumeln gefährdet und voller Todesangst durch ihre Stadt. Hinter ihnen baut sich die industrielle Gegenwart und Zukunft als Umwelt- und Atombedrohung auf. Hier gibt es nicht mehr viel zu feixen und zu feiern. Die Masken verhüllen vielleicht schon den Beginn verstörter und zerstörter Gesichter, Leiber und Landstriche. Eine Bildensemble, das an die Pestszenen des Mittelalters erinnert. Die Baseler, sagte mir der Künstler, haben darauf hin den Kontakt mit ihm abgebrochen. |
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Diese Ausstellung macht nun diesen Zusammenhang der künstlerischen Linie mit der Realität der menschlichen Existenz zu ihrem Thema, sie stellt Menschen in immer neuen Zusammenschlüssen und Konflikten, in immer neuen Varianten, Bedrohungen und Ekstasen vor. Dabei zeigen die vorgestellten Grafiken den Künstler Welski immer wieder als einen kämpferischen Menschen, der im Protest gegen die Missstände seiner Zeit seinen Zorn in sorgfältig gestaltete, grafische Formen gießt. Eine Vielzahl seiner Blätter trägt eine gesellschaftliche Problematik vor mit deutlicher Stellungnahme. Alf Welski hat sich nicht in einem Elfenbeinturm eingerichtet. Seine Kunst, bei aller grafischen Raffinesse, hat immer zugleich den Drive eines Flugblatts, eines Angriffs auf die Trägheit des Herzens und des Denkens, einer auch technisch und ästhetisch kalkulierten Provokation. Auch in seiner Biografie wird die elementare Anlage eines Künstlers deutlich, der Gestalten als Widerstand begreift. Er sollte einmal als 15 jähriger ein Porträt von Adolf Hitler zeichnen, der damals immerhin auf Millionen von Briefmarken und Ölbildern in Büros und Rathäusern eine alltägliche Selbstverständlichkeit war. Der Junge Alf weigert sich mit der Begründung, einen Massenmörder und Lumpen wolle er nicht malen. Es folgen Verhaftung und Verhör. Ein Schlüsselerlebnis: wehre dich und überlebe, beides. Alf Welski ist kein Märtyrer. Seine Kunst hat sich in ständigem Kampf mit der Krankheit des Körpers und der Krankheit der Gesellschaft entwickelt. Sie ist den gesellschaftlichen Verhältnissen in jeder Phase ihrer Entwicklung buchstäblich abgetrotzt. Er will Maler werden und darf es nicht. Stattdessen muss er in die Lehre als technischer Zeichner und Reprofotograf. An den Abenden betreibt er seine Kunststudien. Im Krieg und in Gefangenschaft bewahrt ihn immer wieder seine Kunst vor der Verzweiflung. Eine Wand in dieser Ausstellung zeigt Skizzen aus dieser Zeit. Als er endlich sein Kunststudium an der Werkkunstschule Bielefeld aufnehmen kann, bricht er dieses ab, weil er sich auch hier fehl am Platze fühlt. Auch hier war der von ihm immer wieder versuchte und gesuchte Realismus nicht gewünscht. Der Künstler Welski liegt immer quer, auch heute noch. Eine sperrige Gestalt. Bis heute passt er in kein Regal. |
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Später lehrte er dann an der Nachfolgeinstitution, die er damals als enttäuschter Student verlies, als Honorarprofessor am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld grafische Kunst und ihre Technik. Auch im Staatsbad Oeynhausen hinterlässt seine Kunst Spuren. Mich lud er ein gemeinsam mit 5 polnischen und 5 deutschen Künstlern für eine Arbeitswoche die Krakauer Kulturtage mit zu gestalten, die er ins Leben gerufen hat. Hier wurde ein Stück polnisch-deutscher Verständigung realisiert durch die universale Sprache der Kunst. Krakau selbst als Stadt ist in vielen seiner Zeichnungen präsent. Und viele seiner Arbeiten, 48 sagte er mir, sind in dortigen Kulturhistorischen Museum präsent. Die Sammlungen in Herford und Bad Oeynhausen warten auf eine Präsenz seiner Arbeiten. Passen sie hier ins Regal? Ich danke Alf Welski für seine Arbeit als Künstler, als Kollegen und Anreger , wünsche ihm noch viele Jahre und Werke, ich danke dem Kunstverein Herford für die Initiative zu dieser Ausstellung und ihnen, verehrte Gäste für ihre Aufmerksamkeit. Herford, 2006-23-09 Jörg Boström |
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