Wüste – die Reise ins Ich

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Text und Fotografien: Christiane Irrgang

 

Damit beginnt die Geschichte:

01_Sandkoerner

“Jedermann braucht eine Wüste”, glaubte der schwedische Entdeckungsreisende Sven Hedin (1865 – 1952).
„Wer in die Wüste geht, kommt verändert wieder heraus“, sagt ein arabisches Sprichwort. Und wer einmal in die Wüste gegangen ist, kommt nicht so schnell wieder davon los. Aber warum?

02_Wadi-Rum,-Sandduene

In seiner Autobiografie „Geboren mit Sand in den Augen“ schrieb der spätere Tuaregführer Mano Dayak:
„Jedes Mal, wenn ich der Wüste gegenüberstehe, führt sie mich auf die erregende Reise in mein eigenes Ich, in dem wehmütige Erinnerungen, Befürchtungen und Hoffnungen des Lebens miteinander streiten. Wer in der Wüste überleben will, muss sie verstehen, ihr zuhören. Denn sie wird immer stärker sein als der Mensch. Man muss, um hier zu leben, ebensoviel Bescheidenheit wie Mut aufbringen. Für Menschen, die nicht in ihr gelebt haben, erscheint sie wie ein großer leerer Raum, während sie für uns unendlich lebendig ist. Wie diese Liebe erklären, die wir unserer so ausgedörrten und schwierigen Umwelt entgegenbringen?“

03_Weisse-Blume-im-Sand

“In der Wüste stößt man auf keinerlei äußere Reize; sie lenkt Geist und Gedanken unweigerlich nach innen”, wirbt der Reiseveranstalter GEO-TOURS, “man wird auf sich selbst zurückgeworfen und spürt die knisternde Stille um sich herum. Die Bedeutung vieler Dinge wird relativiert: Man erfährt eine ungewöhnliche Sensibilisierung für Kleinigkeiten, die vorher unscheinbarer wirkten; viele Probleme bekommen einen anderen Stellenwert.”

04_Wadi-Rum,-Duenen-mit-Spuren-und-Felsen

Der französische Philosoph Jean Baudrillard (gestorben 2007) hat in seinen Schriften viele komplizierte Theorien formuliert. Doch was er über die Wüste sagt, ist ganz einfach zu verstehen:
“In der Wüste muss ich die Einsamkeit nicht erst suchen, ich bin Teil davon. Ich bin auch nicht mit mir selbst allein, das wäre wieder die romantische, westliche Form der Einsamkeit. Nein, die Wüste ist für mich die klarste, schönste, hellste, stärkste Form der Abwesenheit.” (In: DIE ZEIT Nr. 16/2002)

05_Felswueste-im-Wadi-Rum

Aber die Wüste ist auch wie geschaffen für Legenden und Heldenepen.
Wie die Geschichte des Engländers Thomas Eward Lawrence, berühmt geworden als “Lawrence von Arabien”. Der britische Offizier und Geheimagent unternahm bereits als Geschichtsstudent zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgedehnte Reisen durch Syrien und Palästina und begeisterte sich dabei für die Kultur der Beduinen. Während des Ersten Weltkriegs war er beim britischen Nachrichtendienst in Kairo stationiert und setzte sich von dort aus stark für den Arabischen Unabhängigkeitskampf ein. Unter Lawrences Leitung verübten aufständische Beduinen mehrmals Sprengstoffattentate auf die strategisch wichtige Hedschas-Bahnlinie von Damaskus über Jordanien nach Medina.
Seine Sicht auf den arabischen Aufstand schilderte Lawrence später in seinem Buch “Die sieben Säulen der Weisheit”, und diesen Namen bekaum auch eine Felsformation am Eingang des jordanischen Wadi Rum. In den 1960er Jahren wurde die – allerdings ziemlich freie und romantisierte – Verfilmung “Lawrence von Arabien” mit Peter O’Toole in der Titelrolle mit sieben Oscars ausgezeichnet.

06_Hidschas-Bahn 07_Sieben-Saeulen-der-Weisheit

Wüsten bedecken mehr als ein Fünftel der Landmasse der Erde, das sind fast 30 Millionen Quadratkilometer. Und auch wenn man dabei wahrscheinlich zuerst an Sanddünen denkt – die größte Wüste der Welt ist die Antarktis. Mit 13.200.000 km2 ist sie etwa anderthalb Mal so groß wie die die Sahara. Auch Grönland gehört zu den Kältewüsten, in denen die dauerhaft extrem niederigen Temperaturen die Entstehung von Vegetation verhindern. Die trockene Luft sorgt dafür, dass kaum Niederschläge fallen; auf diese Weise gehören einige Regionen in der Antarktis sogar zu den trockensten Gebieten der Erde.
Auch durch starke Winde können sicih wüstenartige Landschaften herausbilden. Im Südpazifik gibt es Inseln, auf denen sich trotz reichlich Feuchtigkeit wegen des permanenten Winds nur Moose und Flechten halten.
Am weitesten verbreitet sind aber die Trockenwüsten, die durch Wassermangel enstanden sind. Dazu gehören Sandwüsten, wie weite Teile der Sahara in Afrika und die Rub al-Chalil in Arabien, Kies- und Felswüsten – etwa im Himalaya – und Salzwüsten, die man z.B. im Iran findet. Mehr oder weniger lebensfeindlich sind sie alle – und doch keineswegs tot. Das beweist schon die Vegetation. Verschiedene Dornen- und wasserspeichernde Pflanzen haben sich speziell an die Trockenheit und die Temperaturen angepasst.

08_Flaschenbaum 09_Sossuvlei,-Minibaum10_Rote-Pflanze 11_Kakteen-und-Schatten

Wüsten sind oft hochkomplexe und lebendige Gebiete von eindrucksoller Schönheit. Mit ihren ganz eigenen biologischen Gesetzen gehören sie zu den faszinierendsten Regionen dieser Erde.

11b_Duene-im-Hartmannstal

Viele Wüsten scheinen sogar ein Eigenleben zu haben, sie verändern ständig ihre Form.

12_Sossuvlei,-Dünen-und-Berge 13_Sossusvlei,-Duenen

Die orangefarbenen Wanderdünen im namibischen Sossusvlei können mehrere hundert Meter hoch werden und sind ein beliebtes Touristenziel. Doch der Wind sorgt dafür, dass die Spuren von menschlichen wie tierischen Besuchern über Nacht wieder verschwinden.

14_Sossusvlei,-Duenenwanderer 15_Spuren-im-Sand

Direkt an das Sossusvlei grenzt das ähnlich spektakuläre Dead Vlei, eine salzüberkrustete Tonpfanne voller toter Kameldornakazien. Vor allem im späten Nachmittagslicht entfalten sie ihren Zauber – viele Male fotografiert und doch immer wieder faszinierend:

16_Dead-Vlei 17_Dead-Vlei,-toter-Boden18_Dead-Vlei,-Kameldornakazien

Begrenzt wird das Sossusvlei durch einen Trockenfluss, der allenfalls unterirdisch Wasser führt, damit aber zumindest noch einigen kleineren Bäumen genügend Nährstoffe bietet:

19_Trockenfluss

Hier findet man auch die in vielen afrikanischen und arabischen Wüsten heimischen Oryx-Antilopen.

20_Sandsturm-mit-Oryxen

Oryx-Antilopen – auch Gemsböcke oder Spießböcke – sie sind das nambische Wappentier und das Logo der Fluglinie Qatar Airways. Und weil ihre langen, spitzen Hörner von der Seite gesehen zu einem einzigen Horn verschmelzen, gelten sie sogar als Vorbild für die mythischen Einhörner.

21_Gruppe-Oryxe 22_Oryx

Viel faszinierender ist aber, wie dieser Tiere an das Leben in einer extrem heißen und fast wasserlosen Umgebung angepasst sind: Indem ihre Körpertemperatur bis auf 45 °C ansteigen kann, vermeiden sie Flüssigkeitsverlust durch Schwitzen. Außerdem verfügen sie über eine Art körpereigene Klimaanlage, die ihr Hirn vor Überhitzung schützt: Ein feines Adergeflecht an der Halsschlagader funktioniert wie ein Wärmetauscher; auch in den Nüstern wird das Blut abgekühlt, ehe es zum Gehirn strömt.
Gleichzeitig können Oryxe tage- oder sogar wochenlang ohne Wasser auskommen. Die minimal nötige Flüssigkeit produzieren sie bei der Verdauung selbst. Natürliche Wasserquellen riechen sie kilometerweit. Doch nicht immer kommen sie auch ans Ziel. Im Hartmannstal im äußersten Norden Namibias etwa überleben nur die Tiere, die es bis zum Kunene schaffen, einem der wenigen wasserführenden Flüsse an der Grenze zu Angola.

Die größten Feinde der Oryxe sind allerdings menschliche Jäger. Und so war diese Antilopenart in den arabischen Wüsten in den 1970er Jahren fast komplett ausgerottet. Erst durch renaturierte Zuchttiere aus westlichen Zoos konnte der Bestand in den letzten zehn Jahren wieder aufgestockt werden.

Das Wappentier Südafrikas ist der grazile Springbock, eine weitere Antilopenart, die ihren Namen der Fähigkeit der Tiere, aus dem Stand mehrere Meter hochzuspringen verdankt. Während der Trockenzeit sind die Springböcke oft in großen Rudeln unterwegs, zur Regenzeit können es bis zu 1.500 Tiere werden.

25_Springbock-Herde

26_Springbock-nah 27_Kaempfende-Springboecke

Weitere Wüstenbewohner, die man häufiger antrifft, sind verschiedene Käfer und EIdechsen, außerdem die Erdhörnchen und die Wüstenchamäleons, die sich in möglicherweise gefährlichen Situationen, wie sie Fotografen verkörpern, vorsichtshalber erst mal tot stellen.

28_Erdhoernchen 29_Wuestenchamaeleon30_Eidechse 31_Kaefer 32_Insekt-in-Steinwueste 33_Dornschrecke

Mit ein bisschen Geduld kann man in den steinigen Halbwüsten Klippschliefer und ihre Familien beobachten:

34_Klippschliefer-Portrait 35_Klippschliefer-Familie

Erdmännchen dagegen sind so neugierig, dass sie dem Fotografen manchmal fast schon zu nahe kommen – es könnte ja etwas Essbares dabei herausspringen!

36_Erdmaennchen 37_Erdmaennchen-am-Schuh,-Foto-Ute-Pfudel

Auch die Wüstenfüchse und Schakale haben ihre natürliche Scheu vor den Menschen verloren, wenn es um Nahrung geht. Nicht alle Tiere sind allerdings so schön wie dieses:

38_Sossuvlei,-Schakal

Ein besonders ungewöhnliches Beispiel für Anpassung an einen speziellen Lebensraum sind die größten Wüstenbewohner: einige hundert Wüstenelefanten in in Mali und in der Namib. In der Trockenzeit wandern sie über weite Strecken auf der Suche nach Futter und Wasser; fündig werden sie am ehesten in baumbestandenen Trockenflussbetten wie dem namibischen Hoanib.

39_Elefantenauge 40_Elefanten-im-Trockenflussbett

Doch die für Menschen wichtigsten Wüstentiere sind natürlich die Kamele.
Vor ungefähr 6000 Jahren begann man, die “Wüstenschiffe” zu domestizieren; ohne ihre Dienste als Lastenträger und Arbeitstiere hätten die Menschen nicht überleben und die weitläufige Wüsten durchqueren können. Außerdem ist die fettarme Kamelmilch äußerst nahrhaft.

41_Rastende-Kamele 42_Kamele-beim-Fressen

Die einhöckerigen Dromedare und die zweihöckerigen Trampeltiere sind perfekt an die Lebensbedingungen der Wüste angepasst. Sie haben keine natürlichen Feinde; sie ertragen extreme Temperaturen von -35°C bis +45°C und können einen Monat lang ohne Nahrung und mehrere Wochen lang ohne Wasser auskommen. Die Vorstellung, ihre Höcker enthielten Wasser, ist allerdings falsch: es handelt sich um Fettspeicher. Davon zehren sie, wenn sie lange Zeit nichts zu fressen finden; ihre Hauptnahrung sind Dornenpflanzen.

Flüssigkeit wird im Magen gespeichert – sofern genügend Wasser vorhanden ist, kann ein Kamel nach einer längeren Durststrecke innerhalb von einer halben Stunde 200 Liter trinken. Der Kot enthält kaum Wasser, Urin wird nur hochkonzentriert abgegeben. Wie die Oryxe halten auch Kamele Körpertemperaturen von über 40 Grad aus und schwitzen kaum, sie verbrauchen also weniger Wasser als andere Säugetiere.

43_Kamelmutter-mit-Fohlen

Zum Schutz gegen Sand sind die schlitzförmigen Nüstern verschließbar, die Augen durch lange Wimpern geschützt und die Ohren mit Fell bedeckt. Die gespaltene Oberlippe erleichtert das Fressen von Dornenpflanzen.
Anstelle von Hufen haben Kamele kleine zehennagelähnliche Gebilde. Schwielen sorgen dafür, dass das Gewicht der Tiere verteilt wird und sie im losen Sand nicht einsinken.

44_Kamelgesicht-mit-Fliegen 45_Kamelfuss

Beduinen halten in der Nähe ihrer Zelte oft große Kamelherden; dabei können die Hirten ihre Tiere durch Rufe herbeilocken.

46_Beduine-mit-Kamelen 47_Silhouette-Kamelreiter

“Man muss die Wüste lieben, darf ihr aber nie ganz vertrauen. Denn die Wüste bedeutet für jeden eine Prüfung: Sie tötet den, der sich ablenken lässt und nicht jeden Schritt überlegt”, schreibt Paulo Coelho in “Der Alchimist”.

Und trotzdem leben Millionen Menschen in und von den Wüsten.
Die Wüste Thar im Grenzgebiet von Indien und Pakistan, zum Beispiel, ist fast 250.000 qm groß, landschaftlich vergleichsweise wenig spektakulär, aber dafür weist sie eine erstaunliche Artenvielfalt auf. 30 Millionen Menschen leben dort, und keineswegs alle als Nomaden, sondern die meisten in teilweise sogar jahrhunderte alten Städten, wie Jaisalmer, Bikaner oder Jodhpur. Die prachtvoll geschnitzten Kaufmannshäuser, die Hawelis, zeugen vom vergangenen Reichtum entlang dieser bedeutenden Handelsroute.

Die (arabischen) Beduinen in Nordafrika, auf der arabischen Halbinsel und in den Wüstenregionen der Levante dagegen pflegen weiterhin einen nomadischen oder zumindest halbnomadischen Lebensstil. Ihre Behausungen sind für den schnellen Auf- und Abbau geeignet. Die Frauen bleiben häufig unter sich; viele lassen sich – anders als die Männer – nur ungern fotografieren. Die zwölfjährige Alia aus dem Wadi Rum in Jordanien bekam nach langen Verhandlungen mit ihrer großen Schwester die Erlaubnis, vor die Kamera zu treten und legte dafür extra ihr hübschestes Kopftuch an.

48_Beduinenzelt 49_Maedchen-Alia

Im Männerzelt geht es wesentlich entspannter zu, und Gäste werden geehrt und bewirtet wie in einer Szene aus “1001 Nacht”.

50_Gast-im-Beduinenzelt

Das letzte (halb)nomadische Volk im Norden Namibias und im Süden Angolas sind die Himba. Sie leben als Viehzüchter, Jäger und Sammler bewusst traditionell und in meist sehr einfachen Verhältnissen, aber wer viele Rinder besitzt, betrachtet sich als reich.
Der einfache Hirtenunterschlupf wird heute vielfach durch Kunststoffzelte ersetzt, und ganze Halden von leeren Flaschen neben Himbasiedlungen zeugen davon, wie sehr die Alkohol – und übrigens auch das wachsende Interesse der Touristen – die Himbakultur bedrohen. Die Reiterin durfte erst erst nach einer “Zahlung” von Orangen und Zigaretten – ausgehandelt von ihrem männlichen Begleiter – fotografiert werden.

51_Hirtenunterschlupf 52_Reitende-Himba-Frau

Wer das Glück hat, einen traditionellen Himbakral zu finden, erlebt noch eine sehr authentische Lebensweise.

53_Himba-Dorf,-Krale 54_Himba-Muetter-mit-Kindern 55_Himba-Maedchen-beim-Buttern

Anstelle von westlicher Kleidung bevorzugen die Himbafrauen einen ledernen Lendenschurz, Körperbemalung und Schmuck. Die braunrote Paste aus gemahlenem Eisenoxyd und Butterfett, mit der sie sich einreiben, dient außerdem als Sonnen- und Mückenschutz und als Hautpflegemittel. Frisuren und lederne Kopfbedeckungen geben einen Hinweis auf das Alter und den Familienstand; der Schmuck zeigt zum Beispiel, ob eine Frau bereits geboren hat oder nicht. Kleine Kinder laufen meist mehr oder weniger nackt herum; männliche Jugendliche und Männer tragen oft westliche Kleidung.
Während dieser “Headman” eines Dorfes eine einfache Strickmütze bevorzugt, hat sich die Himbafrau mit einem traditionellen Hochzeitskopfputz geschmückt.

56_Himba-Headman 57_Himba-Frau-mit-Hochzeitsschmuck

“Niemand kann in der Wüste leben und unverändert daraus hervorgehen”, erkannte der britische Forscher und Reiseschriftsteller Wilfred Thesiger um die Mitte des 20. Jahrhunderts. “Er wird für immer, mehr oder weniger deutlich das Zeichen des Nomaden tragen; und er wird immer das Heimweh nach diesem Leben spüren, ob leise oder brennend.”

58_Beduine-am-Feuer 59_Wuestenfruehstueck

Einer der bekanntesten Wüstenreisenden unserer Zeit ist der der Hamburger Journalist und Fotograf Achill Moser, Jahrgang 1954. Er verfiel schon bei seiner ersten Marokko-Reise als Jugendlicher der Wüste:
“Niemals werde ich jenen Augenblick vergessen, als ich zum ersten Mal unter einem tiefblauen Himmel eine gelbbraune Fläche mit Wanderdünen sah. Es war wie eine Offenbarung: Sand, so weit das Auge reichte, ein goldgelber Ozean, der vom stetigen Wind zu einer überwältigenden Landschaft modelliert worden war, wie selbst die kühnste Phantasie sie kaum hätte erfinden können.”

60_Morgennebel-ueber-den-Duenen

“Da türmten sich mächtige Sandberge von unglaublicher Schönheit, wechselten sich Kuppen und Klippen mit elliptischen Halbmondkurven ab. Der Wind zeichnete filigrane Muster und bizarre Sandlinien, abstrakte Reliefs flossen durch weiche Mulden, Wogen in vielen Größen und Formen brandeten bis zum Horizont hinauf, Windfahnen trieben über flachwelligem Boden, messerscharfe Dünenkämme ragten rauchend aus dem sanften Gewelle hervor. Die Farben der Sandwogen changierten, je nachdem, ob man mit der Sonne oder gegen die Sonne schaute. Es war, als wäre meine Umgebung mehr einem Traum als der Wirklichkeit entsprungen. Doch es war kein Traum. Alles war echt: der Sand, das Dünenmeer, die Weite, der blaue Himmel.”

62_Sossusvlei,-Duene-und-Himmel-hoch

Inzwischen hat Moser rund zwei Dutzend Wüsten der Erde bereist, 15.000 km zu Fuß und per Kamel. Wie ein Nomade liebt er das Unterwegssein, bis zu 70 km pro Tag bei sengender Sonne, Staub und Sandstürmen – das muss man erst mal aushalten! Doch die Wüstentrips dienen ihm auch zur Selbsterfahrung:
„Die Wüste bewandern, erleiden und erdulden heißt, einen Teil der Schöpfung in seinem Urzustand zu erfahren“. Denn in der Einsamkeit und Weite sei er „dem Tod nahe und doch gleichzeitig selbstbewusst lebendig.“

63_Sossusvlei,-Gegenlicht 64_Muslimischer-Friedhof

Wer in einer lebensfeindlichen Welt leben und überleben woll, hat Moser erkannt, kann das nur, wenn er bereit ist, mit seiner archaischen Umwelt in Harmonie zu leben.

65_Beduinen-meditierend

„Ich habe nicht nur den Sinn für das Natürliche sowie für die einfachen Dinge des Lebens schätzen gelernt, sondern auch erfahren, was wichtig und unwichtig ist. Wichtig ist das Elementare: ein Schluck Wasser in flimmernder Hitze; ein wärmendes Feuer in eisiger Nacht; ein lachendes Nomadengesicht, das dich ohne Fremdheit ansieht; ein paar aufmunternde Worte, wenn sich die unermessliche Einsamkeit nachts in der Wüste als tiefer Abgrund auftut.“

66_Morgenroete-in-den-Duenen 67_Vollmond

Tatsächlich lässt es sich in der Wüste wunderbar nachdenken und innere Einkehr halten. Nicht umsonst haben die drei großen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam ihren Ursprung in der Wüste.
Im Matthäusevangelium, z.B., wird berichtet, dass Jesus vom Geist in die Wüste
geführt wurde, um vom Teufel in Versuchung geführt zu werden. Ganz auf sich gestellt in der Einsamkeit fastet er vierzig Tage lang, findet dabei, wie man heute sagen würde, zu sich selbst und widersteht allen teuflischen Einflüsterungen.

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Antoine de Saint-Exupéry, ein erfahrener Flugpionier, und sein Bordmechaniker brauchten 1935 nur fünf Tage in der Wüste auszuharren, bis sie gerettet wurden. Während eines Langstrecken-Rekordversuchs (Paris-Saigon) hatten sie sich verirrt und waren über der Sahara abgestürzt. Wie durch ein Wunder überlebten sie unverletzt, und wie durch ein weiteres Wunder begegneten sie schließlich, vor Durst und Erschöpfung dem Tode nahe, einer Tuareg-Karawane.
Diese Bewährungsprobe, diesen – wiederum aus heutiger Sicht – Selbsterfahrungstrip schilderte Saint-Exupéry in seinem Buch “Wind, Sand und Sterne”. Darin erfahren wird, wie die Spuren eines Wüstenfuchses ihn so faszinierten, dass er für eine Weile seine scheinbar aussichtslose Situation vergaß. Wenn der Fuchs Tau von den Steinen lecken und kleine Schnecken aus Wüstenbüschen fressen konnte, dann stand das für Überlebenkraft. Auch in Exupérys berühmtesten Buch, “Der kleine Prinz”, ist es ein Fuchs, der um die Bedeutung des Lebens weiß. “Es ist ganz einfach”, lernt der Kleine Prinz vom Fuchs, “man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar”.
Und der Schriftsteller selbst fand in der Wüste Einsamkeit, Weite, Stille, Ruhe, Schönheit und Erkenntnis:
“Während dieser endlosen Flüge über dem afrikanischen Kontinent spürte ich, wie meine Seele geläutert wurde, und mein Empfinden wurde so klar wie die Sonne. In dieser Wüste offenbarte sich mir Gott, wie er Mose auf seiner langen Wüstenwanderung begegnete. Dass irgendwo um einen herum die unvermeidbare, notwendige Quelle sein muss, macht diese Pilgerreise noch schöner. Ja, natürlich, es bedurfte nur eines einzigen Zeichens von Ihm, damit sich der goldene Sand der Wüste in ein gewaltiges Königreich verwandelte, in dem meine Seele mit Begeisterung erfüllt und sich Seiner Gegenwart bewusst wurde.”

69_Fruehnebel-ueber-dem-Kunene-Fluss

 

 

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