- Zahlreiche kulturelle und politische Ereignisse in den letzten zehn Jahren geben Zeugnis von einem regen jüdischen Leben in Deutschland. Neubauten von Synagogen und Eröffnungen von Museen gehören ebenso dazu wie das Wirken von wissenschaftlichen Institutionen und jenen Einrichtungen, die sich der sozialen Fürsorge widmen. Präsent ist das Judentum in Deutschland ferner durch zwei überregionale Wochenzeitungen und durch regelmäßige Radiosendungen im öffentlichen Rundfunk. Und doch sind die Deutschen jüdischen Glaubens immer noch eine - gemessen an ihrem kulturellen Wirkungsgrad etwa - wenig adäquat wahrgenommene Minderheit, die vielen Anfeindungen ausgesetzt ist. Neben den bekannten Mustern des Antijudaismus sind diese Reaktionen auf ein Nichtverstehen jüdischen Lebens und Denkens zurückzuführen. Zum einen sind die Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger, zum anderen weist das Denken und Leben in jüdischer Tradition Merkmale auf, die nicht so leicht in das Gewohnte zu übertragen sind. Dieser Sachverhalt bedarf des Nachdenkens und Erforschens und soll in diesem Ausstellungsprojekt aufklärend behandelt werden.
-
- Im Zentrum der Ausstellung werden Fotoreportagen über die sich auf unterschiedliche Weise repräsentierenden Leistungen und Befindlichkeiten von Juden im Deutschland der Gegenwart stehen. Neben einer Dokumentation über die vielgestaltige Erscheinungswelt der Synagogen und der Festtage werden jüdische Lebensweisen und Personen im Zusammenhang kultureller, politischer und sozialer Positionierungen porträtiert.
| - Das Konzept der Ausstellung sieht eine Präsentation vor, die bewußt eine unabgeschlossene und auf einzelne Aspekte fokussierte, heterogen anmutende Form favorisiert. Damit wird u.a.der diasporistischen Situation des Judentums entsprochen, einer Zerstreuung, die eine mit Israel im Dialog verbundene Existenz offenbart und sich auch in den Erinnerungsdiskursen der jüdischen Tradition niedergeschlagen hat. Angestrebt wird eine Entsprechung zu jenem vielseitigen und kombinatorisch wirksamen Denken, das die hebräische Bibel begleitet, als Auslegungsgeschichte und kommentierende Schriftkultur zugleich, mit sich mehrschichtig ebenso überlagernden wie stets fortsetzenden Deutungen.
-
- Ergänzende Erläuterungen zu den komplexen Facetten des Lebens und Denkens in jüdischer Tradition wird ein Katalog enthalten, zu dem - neben eigenen Interpretationen - ein Beitrag vom Zentralrat der Juden in Deutschland angefragt ist. Veranstaltungen sind vorgesehen, die das Thema kulturell und wissenschaftlich begleiten. Fragen zur Fundierung der jüdischen Tradition auf die Schrift, das Verhältnis zum Bild, die Gottesvorstellung sowie Wechselwirkungen zwischen Rationalität und Mystik im Kontext aktueller Kulturdimensionen gehören zu den Schwerpunkten, die das Projekt zur Diskussion stellen wird. Ferner finden - über die Dokumentation jüdischen Lebens in Deutschland heute hinaus - jene Impulse Beachtung, die als produktive Anregungen in sämtlichen Bereichen der Wissenschaft und Kultur sich dem Leben und Denken in jüdischer Tradition verdanken.
|