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Manfred Strecker
 
Künstler hat Rasenzeichnung beendet
 
aus: Neue Westfälische, 9.10.2004
Bielefeld (rec). Acht Tage lang, immer wieder einmal von Regengüssen gehindert, hat der in Köln lebende Künstler Ralf Witthaus mit dem Rasenmäher im Bürgerpark hantiert, jetzt ist das Werk, ein Stück Land-art, vollendet. Im Rasen in der ansteigenden Senke oberhalb des Sees zeichnet sich eine grafische Struktur ab - ein typografisch verfremdeter Satz aus einer Erzählung des NW-Redakteurs Stefan Brams über die Jüdin Franziska Spiegel; Brams hatte die Gedankenwelt der Herforderin literarisch nachempfunden, als diese von den Nazis zum Abtransport durch ihre Heimatstadt getrieben wurde.

Ralf Witthaus, geboren 1973 in Bad Oeynhausen, hat schon mehrere Landschafts-Kunststücke realisiert, zuletzt in Münster etwa vor dem Schloss und vor der Oberfinanzdirektion den Rasen mit geometrischen Zeichnungen traktiert. Seine Kunst-Arbeit in Bielefeld blieb nicht ohne Publikum; durchweg wohlwollende neugierige Kunstfreunde fanden sich im Bürgerpark ein und befragten Witthaus angelegentlich über Kunst und seine ästhetische Position, sie wollten vor allem auch herausbekommen, welchen Satz er aus der Brams-Erzählung in den Rasen des Bürgerparks geschnitten habe.
"Buchdeckellandschaften" von Witthaus, Zeichnungen und Collagen auf Buchumschlägen, sind derzeit in der "galerie 61", Neustädter Straße 10, noch bis zum 6. November zu sehen, jeweils freitags von 16 - 19 Uhr und samstags von 12 - 16 Uhr.

aus: Neue Westfälische, 29.9.2004
Bielefeld. Im Bürgerpark dröhnt seit gestern Nachmittag der Rasentrimmer. Keine gewöhnliche Parkpflege- und -putzaktion ist da angelaufen, kein Routineschnitt zu erwarten. Der Künstler Ralf Witthaus legt in einem Geviert von 20 mal 40 Metern, also auf einer Fläche von 800 Quadratmetern im leicht hochschwingenden Gelände oberhalb des Sees eine Rasenzeichnung an.
 
Für den in Köln lebenden Künstler, geboren 1973 in Bad Oeynhausen, ist das Bielefelder Vorhaben eine Freiluft-Zeichnung nur von mittlerer Größe. Unlängst - wie berichtet - hat Witthaus in Münster vier seiner Rasenkunstwerke, zum Beispiel vor dem Schloss und der Oberfinanzdirektion, in mehrfach größeren Ausmaßen angelegt.
 
Anders als in Münster, wo Witthaus in geometrischen Mustern, also mit "parzelliertem Grün", arbeitete, richtet er sich in Bielefeld erstmals nach einem typografischen Motiv; er schneidet einen Satz aus der Erzählung des NW-Redakteurs Stefan Brams über die 1944 deportierte Jüdin Franziska Spiegel in den Rasen - genau genommen "den poetischsten Satz, den ich darin gefunden habe", sagt Witthaus, verraten will er ihn aber nicht.

Lesen wird man die Worte ohne Mühe und Phantasie allerdings kaum können. Witthaus arbeitet in seiner Bürgerpark-Zeichnung die Lücken zwischen den Buchstaben heraus.
 
Das entspricht dem verfolgten ästhetischen Konzept. Das Leben und Schicksal des Abtransports von Franziska Spiegel, das sich Brams in einer Art dokumentarischen Fiktion ausmalt, ist eben auch nur lückenhaft überliefert.
 
Die Lokalität "Bürgerpark" ist Witthaus gut bekannt. Hinter der Oetkerhalle am Rand der grünen Bürgerstube Bielefelds hatte der passionierte Zeichner am Fachbereich Gestaltung der Bielefelder Fachhochschule vier Semester lang studiert. Fürs weitere Studium zog es ihn dann weiter hinaus in die Welt, nach Berlin, Hamburg und Enschede. Doch manche der Verbindungen nach Bielefeld blieben.
 
So stellt Witthaus derzeit in der von Künstlern aus der Gruppe "Block 1" betriebenen "galerie 61" eine Serie von Zeichnungen auf "Buchdeckeln" aus, denen er den Buchblock aus dem Rücken gerissen hat. Aus diesem Ausstellungsprojekt mit gezeichneten Büchern -
für Witthaus sind diese "Buchdeckellandschaften" Sinnbild für die stets gebrochene Überlieferung von Geschichte - ergab sich das künstlerische Konzept für die Landschaftskunst-Aktion Witthaus' im Bürgerpark.

Warum eigentlich Land-Art? Zehn Jahre lang hatte Witthaus intensiv gezeichnet, gut 260 Zeichenbücher gefüllt, dann war ihm diese intime Kunst auf einigen Quadratzentimetern Zeichenpapierviel zu intim geworden. Den Durchbruch als Land-Artist erreichte er mit der
weit gestreckten "Liegenden", einer mit Steinmarkierungen und Wegen gezeichneten Aufschüttung von 8 Metern Höhe, 550 Metern Länge und 17 Metern Breite, die in organischem Schwung in Werl ein Wohn- von einem Gewerbegebiet trennt.
 
Für die Rasenmäherzeichnungen gilt der Satz, dass Kunst schön sei, aber auch viel Arbeit mache, allemal. Acht Arbeitstage veranschlagt Witthaus für sein Werk im Bürgerpark. Er braucht dazu -mit Helm bewehrt, Ohren und Augen geschützt - nicht nur Kondition, sondern den geschulten Blick des Zeichners. 800 Quadratmeter wollen kompositorisch stimmig beherrscht sein. 23 Formen weist seine Bürgerparkzeichnung auf. "So kompliziert habe ich noch keinen Rasen geschnitten."
 
 
 
Fotografien: Jörg Boström, Mirko Ignatz
 
 
 
Ralf Witthaus: Das Blatt sinkt herab durch den Baum. Buchdeckellandschaften. Bis zum 6. November in der galerie 61, Neustädter Straße 10, freitags 16-19, samstags 12-16 Uhr.