Anton Weidinger 100 Unnütze Gedanken Teil 4: 76 - 100 76. Haben Sie es auch schon erlebt, dass in den alten Intercity-Großraumwaggons in schöner Regelmäßigkeit ein stummer Machtkampf ausbricht, wenn zwei Nebeneinandersitzende die Armlehne in der Mitte begehren? 77. Ein dem Risiko übermäßig aufgeschlossener Freund sagte mir, dass er bei einem Hindernis seinen kleinen Rucksack bildlich oder auch tatsächlich über einen Zaun zu werfen pflegt und erst dann überlegt, wie er selbst hinterher kommt. Einst tat er das im Frankfurter Stadtwald und blieb oben auf einem Drahtzaun hängen. Ein einsamer Spaziergänger hat ihn dann befreit. 78. Aus welchen Quellen unsere Altvorderen ihre Spruchweisheiten schöpften, ist ein lohnendes Forschungsgebiet für Sprachforscher und Volkskundler. Aber heute scheint nichts mehr nachzukommen: Der Slogan hat den Volksmund abgelöst. 79. Ein Dirigent, dem der Ruf der Misanthropie und des Jähzorns vorauseilte, musste sich wie üblich bei der ersten Probe mit einem für ihn neuen Orchester einer Intelligenzprobe unterziehen. In einer Generalpause berührte der Mann an der Pauke ganz sanft sein Instrument. Und der Maestro brüllte: "Wer war das?!" Bei diesem Klangkörper hat er keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Quelle: Musikanekdoten aus dem Piper Verlag 80. Die ersten Menschen, die mich 1976 in Deutschland freundlich aufnahmen, waren eine übel beleumundete Frau und ihr türkischer Lebensgefährte, die schräg gegenüber auf dem Fischerrain in Schweinfurt wohnten. Wenn das kein gutes Zeichen war. 81. Eine Gruppe von Europäern kam in ein abgelegenes koreanisches Dorf, in dem man vielleicht seit dem Koreakrieg keine Ausländer mehr gesehen hatte. Eine hochgewachsene Frau, die aussah wie eine Königin, näherte sich einem der blonden Mädchen und streichelte liebevoll und bewundernd über ihr Haar. 82. Vor einem reichlich heruntergekommenen US-Supermarkt bat ein Sektenjünger einen kleinen Afro-Amerikaner um eine Spende für die gute Sache. Das etwa siebenjährige Kind zog den linken Turnschuh aus und gab mir einen Penny. 83. Eine ältere Dame spendete in einer Fußgängerzone in North Carolina einen Quarter. Ich bedankte mich überschwänglich. Sie aber erwiderte: "Ich habe Ihnen zu danken. Ich wollte mir nämlich eine Tüte Eis kaufen, was ich nicht brauche. Und Sie haben mich davor bewahrt." 84. Im US-Bundesstaat Rhode Island begegnete ich einer einarmigen Berlinerin, die mit einem wunderschönen portugiesischen Fischer in einer Bruchbude an der Atlantikküste wohnte. Sie kaufte mir eine dieser schrecklichen Duftkerzen ab. Und der Gatte rief die halbe Verwandtschaft zusammen, die im selben Haus wohnte. Und alle kauften und brachten mir bei, auf Portugiesisch von eins bis zehn zu zählen. 85. Der japanische Busfahrer unserer Reisegruppe verspätete sich. Ich fragte meinen einheimischen Begleiter, der gut Englisch sprach, was "Warum" auf Japanisch heißt. Er fragte sanft zurück: "Welchen Sinn hätte es, ihn zu fragen, warum er sich verspätet hat? War es seine Schuld, würdest Du ihn dadurch kränken. War sie es nicht, warum dann die Frage?" 86. In einem prachtvollen Heim im "Bibelgürtel" von Texas, wo die Fudamentalisten wohnen, fand der Herr des Hauses durch geschicktes Befragen heraus, dass meine Anschauung von Christentum sich von der seiner Kirche stark unterschied. Und plötzlich füllte sich die Halle mit der gesamten Familie, deren Mitglieder schweigend auf mich heruntersahen. Bis zur Steinigung hat nicht mehr viel gefehlt. 87. Weil ich von meiner Großmutter perfektes Böhmakeln (i.e. mit tschechischem Akzent sprechen) gelernt hatte, versuchte ich in der ersten Zeit in Neu-England, meine recht fragmentarischen Englischkenntnisse mit diesem Akzent aufzuwerten. Die Reaktionen waren reizend. Amerikaner scheinen Akzente zu lieben. In Europa gelten sie weitgehend als Makel. 88. Den imaginären Doktorhut in der Erlernung dieser Fremdsprache aber setzte mir eine junge Dame in einem Einkaufscenter in Kansas City, Missouri, aufs Haupt, als ich sie um eine Spende anbettelte und sie erwiderte: "Der Akzent ist aber nicht echt, oder?!" 89. Outest du dich in den Vereinigten Staaten als "Austrian", erzählt man dir zuerst, dass man Verwandte in Melbourne oder sonst wo in Australien habe. Klärt sich das Missverständnis auf, singt man dir "Edelweiss" aus dem Musical "Sound of Music" vor, weil das - wie wir alle wissen - die österreichische Nationalhymne ist. 90. Wer sich an urigen Namen von SchauspielerInnnen in Filmvor- und Abspännen zu amüsieren vermag, dem wird in einem alten Schwarz-Weiß-Schinken aus den fünziger Jahren der putzige Name "Burschi Putzgruber" nicht entgangen sein. Der muntere Knabe hat später noch neben Daliah Lavi und Lex Barker in einem Karl-May-Film mitgespielt und ist heute als Leonhard Putzgruber Maskenbildner am Bayerischen Staatsschauspiel. 91. Ein herber Verlust für die Leinwand ist es, dass die wunderbare Künstlerin Claudia Buckler nur in einem einzigen Film mitgespielt hat, in Alexander Kluges "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit", BRD 1985. 92. Erinnern Sie sich an Barbra Streisand in "Die Eule und das Kätzchen"? Da führte sie ihrem drögen Partner vor, wie sich ein hässliches Entlein - durch die Kraft der Projektion allein - in einen schönen Schwan zu verwandeln vermag. Ein eindrucksvolles und vor allem preiswertes Verfahren. 93. Vor einiger Zeit ist in einem Wiener Musikantiquariat ein Konvolut von Notenpapier aufgetaucht, das der von Johann-Strauß-Sohn-Forschern längst gesuchte Beweis ist, dass die "Fledermaus" ursprünglich auf Ungarisch geschrieben wurde und folglich "A denevér" heißt. Wer das nicht glaubt, sollte dem Finale des zweiten Akts auf einer magyarischen Schallplatte lauschen. 94. Lange vor John Cage und seiner Komposition 433 hat uns Christian Morgenstern "Fisches Nachtgesang" geschenkt. Wie bei Cage sollte man sich aber beim Vortrag dieses Gedichts nicht über die technischen Schwierigkeiten beim Vortrag Illusionen machen. Denn auch Schweigen will gelernt sein. 95. Mein lieber Freund Hofrat Peter G. erzählt gerne, wie bildhaft und humorig sein Musikprofessor im Gymnasium - ein Jesuit übrigens - den Inhalt seiner, des Lehrers Lieblingsoper "Salome" von Richard Strauss wiedergab: "Der Hofstaat des Herodes zeichnete sich durch seinen auswandelnden Lebensschweif aus ..." Wahrscheinlich war es das biblische Thema, das den damals nicht mehr ganz jungen Geistlichen so sehr begeistert hat. 96. Leni Behrendt aus Ostpreußen, am 2. November 1968 im 75. Lebensjahr verstorben, steht heute leider noch immer im Schatten ihrer literarischen Großmütter Eugenie Marlitt und Hedwig Courths-Mahler. Ihr Gesamtwerk ist zwar in mindestens 75 Bänden und in zahlreichen Auflagen erschienen. Einzelne Titel wurden sogar in viele Weltsprachen übersetzt, darunter ins Flämische , Tschechische und Ungarische. Bedauernswerterweise sind Romane wie "Abends, wenn die Heide träumt", "De plotselinge Wending", "Nemilosrdná láska" oder "Várok rád: a boldogságért érdemes" vom Lektorat und den KorrektorInnen eher stiefmütter- bzw. stiefväterlich behandelt worden. Diesem Umstand verdanken wir LeserInnen allerdings einige höchst amüsante Stilblüten, die es ohne Weiteres mit den un- und bisweilen auch freiwilligen Pointen aufnehmen können, die sie, eine der "beliebtesten deutschen Schriftstellerinnen" (Verlagswerbung), in ihre Werke eingewoben hat. 97. Der Arbeitslosigkeit gegenüber befleißigen sich der Einzelne und die Ämter in geheimer und unbewusster Absprache der gleichen Doppelstrategie: Hektische Betriebsamkeit wird von depressiver Tatenlosigkeit abgelöst. Das ist wie in der Mathematik mit + und - : In der Summe kommt Null dabei heraus. 98. Auf den Online-Seiten der Bundesanstalt für Arbeit findet sich eine Liste mit 5933 Positionen, sogenannten Berufskennziffern, mit deren Hilfe man nach offenen Stellen suchen kann. Dabei sind Berufe wie : 8381102 Clown 8422101 Epithetiker/in 7269100 Freiballonführer/in 8389105 Illusionist/in 8931106 Iman Eine Suche am 20. September 2003 kam zu folgendem Ergebnis: Clown: Eine Zirkus Werkstatt in Melle sucht seit Juli 2003 Mitarbeiter, die gerne Kinder mit Jonglieren, Tanzen, Steppen, Clownerie und Zauberei unterhalten möchten, Mitarbeit bei Pferdedressur möglich, Kenntnisse aus der Pferdedressur angenehm; Unterkunft kann gestellt werden, FS Kl. 3; Die Stelle ist geringfügig (Teilzeit/flexibel/8-10 Std./w.) Epithetiker/in Keine Angebote vorhanden Freiballonführer/in Keine Angebote vorhanden Illusionist/in Keine Angebote vorhanden Iman: a) Seit Mai 2003 gesucht: Einsatz bei einer Religionsgemeinschaft in Frankfurt, Berufserfahrung, Teilzeit/nachmittags b) Seit Februar 2003 wird in Stadthagen ein Seelsorger für islamische Gemeinschaft gesucht, Kenntnisse des Islam, Kultur der Türkei und Weltkultur sowie Weltgeschichte. Bedingung ist Zugehörigkeit zum islamischen Glauben. Unterkunft ist vorhanden. Der Nachweis der Qualifikation als Seelsorger ist erforderlich. Vollzeit. 99. Manch ein Autor hat garantiert deshalb zur Feder gegriffen, weil seine Umgebung es nicht mehr ertrug, diesem ständigen Redefluss zuhören zu müssen. Leser aber können Zeit und Ort der Lektüre wählen und das Buch im Notfall auch elegant in die Ecke schleudern. 100. Schalten Sie hin und wieder beim Fernsehen den Ton ab und beobachten Sie die Gesichter der Mimen. Unabgelenkt vom Text und ihn umgebenden Geräuschen werden Sie beobachten können, wer wirklich ein Vollblutschauspieler ist. |