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Frieder Küppers
“Schatten der Erinnerung" Eröffnung der Ausstellung mit Bildern von Jörg Boström St. Marienkirche, Minden, 9.10.2004
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“Es ist der Mensch, der sich erinnert - nicht das Gedächtnis", schreibt Christa Wolf. Erinnerung ist kein isolierter Akt der Faktensicherung, kein Auftauen einer eingefrorenen, scheinbar objektiven Wirklichkeit. Sondern Erinnerung ist ein organischer Vorgang. Der gesamte Körper erinnert: - Bestimmte Geräusche können Gerüche in die Nase zurück holen, Gefühle lassen Bilder vor dem Auge entstehen, gesprochene Worte wie “Mutter", “Staub", “Wolldecke" rufen Empfindungen von Trost wach, sie lassen riechen, sie stinken, kratzen auf der Haut. Das Klicken eines Fotoapparates in Vilnius 1988 löst bei den Passanten reflexartig die Verhüllung des Gesichtes aus. Erinnerung an Repression. Erinnerung beschreibt unseren Weg zu den Bildern, die noch in uns stecken, die dort nagen, drücken, zerren und vergiften, die lindern, heilen, betäuben, sättigen und hungern lassen können. - Organisch lässt die Erinnerung Vergangenheit durchlässig werden nicht nur für Jahreszahlen, Zeiträume, Epochen, sondern für Geschmackvolles, Fühlbares, Offensichtliches und Ruchloses, Unerhörtes, Abgeschmacktes.
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“Es ist der Mensch, der sich erinnert - nicht das Gedächtnis." Es ist nicht das Gedächtnis. “Es ist auch nicht die Kamera", ergänzt Jörg Boström. Als emeritierter Professor für Intermedia/Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld gebraucht er die Kamera als Werkzeug nicht als Wirklichkeitsspeicher. “Ich entwickle Erinnerungsbilder" sagt er. Das Ergebnis seiner Werke: Nicht widerspruchsfreie Kopie vergangener Gegenwart, sondern Hinweis auf die Widersprüchlichkeit noch gegenwärtiger Vergangenheit. - Die Fotografie der Sonnen-Badenden vor der Mauer der Peter- und Paulsfestung in St. Petersburg von 1988 verflüssigt sich durch die Einwirkung des Pinsels. Hinter den lebendigen Körpern der Badenden tauchen unvermittelt die schwarzen, tödlichen Silhouetten der an dieser Mauer im zweiten Weltkrieg Erschossenen auf. Vergangenheit wird durchlässig. Geschehenes mischt sich in Gegenwärtiges, zwischen die Stimmen der Badenden mischen sich Schüsse und Schreie. | ||
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- Die Fotografie sieht eine Straßenecke, einen Platz. Der Pinsel schafft die für die Kamera unsichtbaren Schatten der nahen Verwandten. Sie sind nur noch in erzählten Geschichten gegenwärtig. Aber früher sind sie genau hier entlang gegangen. “Schatten der Erinnerung" ist der Titel dieser Ausstellung, die heute am Welthospiztag eröffnet wird. Gemeinsam mit dem Hospizkreis in Minden und dem Tanzprojekt Ratsgymnasium. Jeder und jede von uns trägt den Schatten des eigenen Todes in sich. So wenig wie wir über unseren eigenen Schatten springen können, können wir unserem Lebensende entkommen. Ziel der Hospizarbeit ist das Licht. Menschen, die in sichtbare Nähe ihres Lebensendes kommen, sollen mit den immer größer werdenden Schatten nicht allein gelassen werden. Nicht in den Bann des Schattens zu geraten, sondern sich umzudrehen und auf das Licht zuzugehen, ist gerade für Menschen am Lebensende eine wichtige Erinnerung. “Ihr seid das Licht der Welt!" sagt Jesus zu seinen Jüngern und deshalb auch zu uns.
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Und dann, wenn ein Mensch gestorben ist - was bleibt von ihm? Auch dieser Frage stellen sich die Mitarbeitenden des Hospizkreises, wenn sie die Angehörigen von Verstorbenen begleiten. Was bleibt von einem Vater, einer Mutter, wenn sie gestorben ist? Auch Jörg Boström geht dieser Frage nach. Auf der einen Seite malt er seinen Vater und seine Mutter zu Lebzeiten auf ihrem gewohnten Sofa. Auf der anderen Seite sehen wir beide nach ihrem Lebensende. Auch diese Bilder sind Erinnerungsbilder. Denn auch hier wird Gegenwart durchlässig für Vergangenes. Als wir die Bilder aufhängten, stellte sich die Frage, ob Vater und Mutter uns jetzt zusehen. Wenn sie unsere eigenen Erinnerungsbilder anregen, kommen wir mit ihnen in Verbindung - über den Tod hinweg.
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Jörg Boström befindet sich mittlerweile im sog. Ruhestand. Für ihn war der Ruhestand ein Anlass, wieder in die Lehre zu gehen - und zwar bei Piero de la Francesca, dem großen Maler der Renaissance. Vier Wochen Schattenmann eines Gesellen von Piero, vier Wochen Lehrzeit im Umgang mit Farben auf Wandflächen - Und vier Wochen bildnerisches Nacherzählen der Legende vom Holz, das im Baum wuchs, der in den Mund des gestorbenen Adam gepflanzt wurde - von dem gleichen Holz, das die Brücke bildete, die die Königin von Saba heil zu Salomon kommen ließ - von dem gleichen Holz, an dem Christus schließlich hingerichtet wurde - von dem gleichen Holz, das Kaiser Konstantin in den Sieg und die Übernahme des Christentum geleitete - von dem Holz, das für uns die Bretter bietet, die unsere Welt bedeuten - eine Welt, die durch den Tod nur geändert aber nicht beendet wird.
Vielen Dank allen Beteiligten für diese gute Erinnerung. Minden, den 9.10.2004 Frieder Küppers, Pfarrer der St. Marienkirche | ||||
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