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Markus Redert

Nachtlandschaften

 

Landschaftsfotografie ist eines der beliebtesten Spezialgebiete der Fotografie. Eine ganze Sparte in der Verlags- und Druckindustrie überhäuft uns mit einer Vielzahl von Kalendern, Büchern, Postkarten von jedem Winkel dieser Erde zu jedem möglichen Thema. Eine Heerschar von Fotografen beliefert uns mit immer neuem Bildmaterial. Reisende Diasshows, eigentlich ein Relikt einer vordigitalen Zeit, finden immer noch ihr Publikum. Die Wurzeln dieser Entwicklung mögen in der Romantik des 19.Jahrhunderts begründet liegen. Genannt seien die idealisierenden Landschaftsdarstellungen Caspar David Friedrichs als unmittelbarer Ausdruck romantischen Welterlebnisses. Es scheint ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein, in einer durchorganisierten und von seiner Art radikal veränderten Umwelt, sich ein Gegenbild zu schaffen, das ein Gefühl von Unberührtheit und Unversehrtheit der ursprünglichen Lebensumgebung vermittelt. Vielleicht resultiert dieses Streben aus der Ahnung heraus, wie weit sich der Mensch von diesem Idealbild bereits entfernt hat; das verlorene Paradies, das nicht wieder hergestellt werden kann.

In idealer Weise dient die Landschaftsfotografie als Projektionsfläche für diese Bedürfnisse. Es scheint, als ob der Betrachter bei keinem anderen Gebiet der Fotografie so bereitwilig die Übereinstimmung von Realität und Abbildung annimmt. Dabei ist offensichtlich, wie wenig diese These zu halten ist, wie wenig objektiv gerade Landschaftsfotografie sein kann. Denn sie ist immer das Resultat desjenigen, der sie macht und des Betrachters, die beide ihre eigene Vorstellungswelt, Gefühle und Bedürfnisse in die Fotografie legen. Die Bildaussage kann mit Mitteln wie Auswahl des Standpunktes, der Tageszeit, des Filmmaterials, der Filter oder durch digitale Mittel in jede Richtung verändert werden. Bestimmte Stilmittel vermögen geradzu reflexhaft bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Trotzdem hat die Landschaftsfotografie ihren geschätzten Stellenwert behalten. Anders als z.B. im Bildjournalismus, wurde die Frage der Diskrepanz zwischen Realität und Abbildung erst wenig untersucht.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht der Versuch, diesen Glauben an Natürlichkeit, Authenzität und Unberührtheit zu hinterfragen. Mittels künstlicher Ausleuchtung verwandele ich die Szenerien in eine Bühnenlandschaft. Was wild und unberührt nur durch die Natur beeinflußt erscheint, wird zur detailiert geplanten Inszenierung. Das "unnatürliche" Licht, das in der Natur unmöglich ist, erhellt den Blick darauf, daß die fotografische Abbildung in der Landschaftsfotografie immer der Ausdruck des Strebens nach der Ursprünglichkeit ist, und den Wunsch des Menschen bedient, in das verlorene Paradies zurückzukehren.

Markus Redert, Juni 2004

Anmerkung zur Realisierung dieses Fotoprojekts
Bei der Entstehung dieser Bilder ist für mich der interessanteste Aspekt, daß jedes Bild zunächst in meiner Vorstellung entsteht, erst nach Abschluß der Belichtung werden diese Bilder auf dem Film sichtbar. In der Realität gibt es sie nie, die Fotografie ist somit kein Abbild des real gesehenen, sondern direkter Ausdruck meiner Vorstellungswelt.
Die Umsetzung erfolgt in einem mühseligen Belichtungsverfahren, daß man mit Lichtmalerei beschreiben könnte. Die Belichtung jedes Bildes dauert zwischen 15 - 50 min, bedingt durch die unterschiedlich künstliche partielle Belichtung. Durch die lange Belichtungszeit ist dann auch das restliche Tageslicht auf den Fotos wesentlich stärker und heller, als es zur Zeit der Aufnahme tatsächlich war. Die Schwierigkeit liegt darin, daß ich während der Aufnahme etwas ganz anderes sehe, als das Bild, das ich später erhalten will. Ich muß mir das entgültige Bild und die Wirkung vorstellen, überlegen, welche Partien der Landschaft ich durch die Beleuchtung hervorheben will, wieviel Zeit ich dafür benötige und versuchen das passende Restlicht - und Kunstlichtverhältnis zu ermitteln. Das Bild, daß ich im Kopf entwickele, muß ich später bei Dunkelheit versuchen wiederzugeben, ohne Partien zu vergessen. Eine weitere Schwierigkeit: meine Lichtquelle darf natürlich nie direkt in die Kamera scheinen, das Verhältnis zwischen den näher -und fernergelegen Partien muß in der Beleuchtungsdauer angepaßt werden und natürlich darf ich mich nie lange an einem Punkt innerhalb des Bildes aufhalten, da ich sonst ebenfalls Spuren auf dem Film hinterlassen würde.

Weitere Fotografien von Markus Redert: www.markusredert.de