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Marisa Rosato
 
Impressionen aus London - 7 Tage Exkursion mit Studenten der FH Bielefeld im Juli 2004

Zu Beginn einige Reiseinformationen
Abflug: 19 Uhr ab Hannover. Das Ticket für unglaubliche 29 €.
Ankunft: 19 Uhr (wegen der Zeitumstellung), Flughafen Stansted.
Weiterfahrt: Fahrt mit dem Express vom Flughafen nach London. Dauer 40 min. Das Hin und Rückfahrt Ticket kostet 28 Pfund. 30 min länger dagegen die günstigere Alternative mit dem Bus.
London: Ankunft Viktoria Station. Von dort aus Weiterfahrt mit der Tube.
Tipp: günstiges Wochenticket für 20 Pfund kaufen. Gültig auch für Busse bei denen man das Ticket als günstiges Fortbewegungsmittel für Stadtrundfahrten nutzen kann.
Tipp: Wer eine günstige Unterkunft sucht schaut unter folgender Adresse nach: 1

London ist nicht billig. Besonders Alkohol und Zigaretten schlagen ins Budget. Raucher sollten Zigaretten von zuhause mitnehmen. Eine Schachtel kostet hier umgerechnet 8 € ! Wer am späten Abend im Pub noch gerne ein Bier trinken möchte hat Pech. Die Pubs schießen um 23 Uhr und selbst in länger geöffneten Märkten ist der Verkauf alkoholischer Getränke ab dann untersagt.
Alltägliche Lebensmittel wie Milch, Brot oder Früchte sind hingegen unwesentlich teurer als bei uns. Mein Lieblingsviertel in London ist Notting Hill. Dort ist auch der berühmte Portobello Markt. Von einer Händlerin, die auf dem Markt ihr Geld fürs Studium aufbessert, habe ich Informationen über Mietpreise erhalten. Ein Zimmer im angesagten Wohngebiet (Wohnungen sind für Studenten unbezahlbar) kostet durchschnittlich 350 Pfund. Wer das Geld dafür übrig hat wird in einem lebendigen und mulikulturellen Wohngebiet wohnen.

Ich bin seit jeher England Fan und das war nicht mein erster Londontrip. Aus diesem Grund habe ich das veränderte (besonders bei Prinz Charles in Ungnade gefallene) Stadtbild bemerkt. Auffällig ist das neue Bürogebäude in Form eines grün beleuchteten Rakete, die, genau wie der Alex in Berlin den Vorteil der Orientierung bietet. Sie ist von überall her zu sehen. Nicht verwunderlich dass der von Norman Fosters entworfene Turm im Volksmund den Namen "erotische Gurke" trägt. 2

Ein positiver Aspekt in London sind die staatlichen Museen die zum großen Teil kostenfrei sind. Lediglich Sonderausstellungen, neben den Dauerausstellungen, sind kostenpflichtig. Die Tate Modern zeigte während unseres Aufenthaltes Ausstellungen von Edward Hopper und Luc Tuymans. Der Belgische Künstler wurde in einem Einspieler von Dr. Jan Hoet, Kurator des Museum M.ART.a in Herford, vorgestellt. Er erzählte dass ein von ihm vor wenigen Jahren erworbenes Bild im Preis um 200 Prozent gestiegen ist! Eine schöne Wertanlage. Später konnte man einer Unterhaltung beiwohnen in der darüber diskutiert wurde ob es ratsam ist Tuymans zeitgleich mit Hopper auszustellen. Wer zieht mehr Besucher an? Wer macht das Rennen. Ist derjenige der weniger Besucher anzieht ein Verlierer? Kunst ist gleichzeitig Business und der Marktwert errechnet sich vielleicht auch anhand solcher Äußerlichkeiten.
 
Die Tate Modern ist in einem umgebauten Kraftwerk untergebracht und beherbergt eine Sammlung internationaler Kunst von 1900 bis zur Gegenwart. Das was mich an der Tate Modern generell fasziniert ist die lebendige Atmosphäre in der man Kunst genießen kann. Besonders gelungen, die riesige Bronzeskulptur im Eingangsbereich. Die Spinne wurde von Louise Bourgeois, als Auftragsarbeit, speziell für die Tate entworfen. Sie ist Treffpunkt für Schulklassen und Kinder die unter ihr, auf dem Rücken liegend, herumalbern oder versuchen sie abzuzeichnen.
 

Die Tate bietet viel Kunst und viel Platz. Wer sich in eines der Cafes oder eine Brasserie zurückzieht wird mit einen wunderschönen Blick auf die Themse und die St. Paul's Cathedral belohnt. Man sollte jedoch darauf gefasst sein dass man für ein Sandwich umgerechnet 6 € zahlen muss. Die Verpflegung also lieber mitnehmen und auf dem Balkon einen tollen Blick auf London werfen. 3
 
London hat ein riesiges kulturelles Angebot. Wer sich informieren möchte kann im Stadtmagazin Time out 4 nachschlagen. Die große Anzahl von Ausstellungen ist in der kurzen Zeit natürlich nicht zu bewältigen. Zu empfehlen sind die vielen kleinen Galerien im Viertel um White Chappel. In der White Chappel Gallery bekommt man zudem ein Verzeichnis sämtlicher Galerien im Viertel. Zwei schöne Ausstellungen habe ich auch im vorher erwähnten Bankside Viertel gesehen. Die Hayward Gallery bietet eine Werkschau über Lartique und eine weitere mit dem Titel About Face, zum Thema Wahrheit und Wahrnehmung von Schönheit in Zeiten von Wunderpillen, Schönheitsoperationen und technisch digitalen Möglichkeiten. 5
 
Ein Tipp ist auch ein Besuch der vielen Kunstschulen. Die Old Truman Brewery zeigte ihre Graduate Art&Design Summer Show glücklicherweise genau während unseres Aufenthaltes. So konnten wir Diplomarbeiten aus den unterschiedlichen Bereichen einsehen und im gemütlichen Cafe auf dem Gelände die Stimmung genießen.

Mein letzter Museums Besuch galt der Saatchie Collection. 6
Sie ist direkt am London Eye, dem Riesenrad an der Themse, das nicht zu übersehen ist. Der Eintritt hierfür ist kostenpflichtig. Die Ausstellung ist nicht staatlich. Manchmal bekommt man ein T-Shirt zur Eintrittskarte dazu! Sämtliche Ausstellungsräume, abgesehen von einer großen Halle in der Werke von Damien Hirst, Tracey Emin und den Chapmans gezeigt werden, sind unbewacht. Selbst die Vasen des letzten Turner Preis Gewinners kann man ohne Absperrungen im Flur betrachten.
 
Die populärste Arbeit und das am meisten gesuchte Objekt in der Saatchi ist allerdings der Fisch. Ein in Formaldehyd eingelegter Hai von Damien Hirst. Obwohl Hirst im Zentrum der Ausstellung steht, lehnt er die Galerie ab und bezeichnet sie im Londoner Stadtmagazin Time Out als Zeitverschwendung und sinnlos. Auch zur Eröffnung war er nicht anwesend. Trotzdem ist der Hai von Hirst das Wappentier der Ausstellung geworden. Statt der Mona Lisa im Louvre der "Fisch" bei Saatchi.

Die Saatchi Collection zeigt alle wichtigen Werke junger Britischer Künstler die in den 90er Jahren für Aufruhr sorgten. Subjektiv gesehen wirken viele Exponate durch Tabuthemen und die stark nach außen präsentierte Sexualität. Ein Thema das sich schnell abnutzt und in England sicher tabuisierter ist als bei uns. Wenn Tracey Emin hier den Namen ihrer Liebhaber in einem Zelt verewigt hätte, wäre das Aufsehen geringer gewesen. Das Kunstobjekt von dem ich rede trägt den Titel "Everyone I Have Ever Slept With 1963-95". Es zeigt ein mit dem Namen ihrer Liebhaber besticktem Zelt. Über diese ungewollte Popularität zeigte sich im übrigen besonders Billy Childish (ebenfalls Künstler) nicht erfreut und macht seitdem seinem Unmut freien Lauf. Trotz der medialen Aufmerksamkeit, die ablenkt, interessierte mich die Installation sehr. Geheimnisse sind ein Wesen der Kunst. Die inflationäre Preisgabe von Persönlichem im Fernsehen ist banal. Ich hätte gerne überprüft welchen Eindruck diese Arbeit, unter dem Aspekt von Intimität, bei mir hinterlassen hätte. Als ich hörte das ausgerechnet sie zu denjenigen zählt, die beim Brand im Lager vernichtet wurden, fand ich es sehr schade. Das Werk war ja noch so jung! Im allgemeinen wird dem Künstler durch den Ankauf einer Arbeit ein Stückchen Unsterblichkeit verliehen. Ironie des Schicksals wenn es dann gerade dort vernichtet wird. 7
 
Ich hatte von diesem Feuer gehört das vor wenigen Monaten im Ostlondoner Lagerhaus über 100 dort aufbewahrter Kunstobjekte vernichtet hat, darunter vieles von dem was der Sammler, Mäzen und PR-Millionär Charles Saatchi der Firma Momart zur Lagerung überlassen hatte. Ein Kritiker äußerte sich zynisch als er das Feuer mit dem Rock'n'Roll-Mythos des frühen Todes verglich, auf dem die besten Legenden gedeihen. Außerdem, diene die ganze Tragödie dem Nachlass der BritArt ja, indem die dadurch erhöhte Rarität der überlebenden Werke deren Wert umso mehr steigert.
 
Die mediale Häme, die diesen Verlust begleitete, kam zwar nicht ganz überraschend, doch sehr unverschämt daher. In den Tagen nach der Brandkatastrophe äußerte sich Tracey Emin. Erstens, dass das Schicksal derer, die dieser Tage in den Kriegen der Welt umkommen, sie weit mehr berühre. Zweitens sei es ein Glück, dass keine Person dabei zu Schaden gekommen wäre. Und drittens, über den Spott der Öffentlichkeit: "It is just not fair and it's not funny and it's not polite and it's bad manners."
Ungewöhnlich hingegen die Reaktion der Chapman Brothers: Auch wenn sie keine Lust dazu haben und die Arbeit am Original neun Monate dauerte, wollen sie "Hell" von Grund auf neu schaffen. "Wir werden es einfach noch mal machen. Schließlich ist es bloß Kunst."

Bis zum nächsten Mal.
 
Nachträgliche Grüße an Prof. Martin Deppner der leider nicht mitfahren konnte und dessen Wissen über Kunst uns gefehlt hat.