Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Peter V. Brinkemper

 

Wolfgang Zurborn Terra incognita

 

 

In Terra incognita sondiert Wofgang Zurborn die Inszenierung öffentlicher Räume im Umfeld des Stadttheaters Bielefeld. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen dem kultur- und geschichtsträchtigen Altstadtviertel und dem kahlen Parkhaus am riesigen Universitätsgelände. Nebeneinander finden wir Motive aus den Maschinenräumen der ehemaligen Seidenspinnerei im Ravensberger Park, Deko-Objekte in den Schaufenstern in der Einkaufsmeile am Niederwall, am Jahnplatz, oder Kulissen aus der Garten + Balkon Messe unter dem freien Himmel in der Nähe des Hauptbahnhofs.

 

In herben, stellenweise bunt aufleuchtenden Farbkompositionen blickt uns der Alltag mit neuen Augen an. Perspektivisch angeschrägte Ausschnitte und paradoxe Spiegelungen von Innen- und Außenräumen lenken unsere Wahrnehmung auf die Rampen des öffentlichen Lebens und führen uns gleichsam durch den geteilten Vorhang und hinter die Prospekte, dorthin, wo die Maschinerie der Stadt und das Arsenal ihrer Bühnentechnik nur halb verborgen ist. Und ganz nebenbei geht es an die historischen und industriellen Quellen der ostwestfälischen Kultur und nordrheinwestfälischen Bildung.

 

Wolfgang Zurborn arbeitet regelmäßig als Theaterfotograf für das Bielefelder Stadttheater, er begleitet Proben und Aufführungen, ist vertraut mit dem Zusammenspiel von Licht und Schatten, Mimik und Maske zwischen Fiktion und Täuschung. Bei der Stadterkundung erleben wir Bielefeld mit den Augen des freien Künstlers Wolfgang Zurborn, des Fotografen des geteilten Blicks, der die Stereotype des Alltags, die "Dressur Real" der ganz normalen Dinge aufdeckt, zuspitzt und auflöst: Durch den produktiv verfremdenden Blick (Brechts Galilei), durch das experimentelle Sehen, dessen Kunstgriffe in vielerlei Hinsicht den Mitteln einer verblüffenden Theaterinszenierung gleichen. Die Bielefelder Welt erscheint als ein Zwischenreich und ein Proszenium, in dem Auftritte, Geschäfte und Dienstleistungen vorbereitet und sogleich abgewickelt werden.

 

Das Bild fungiert dabei als Schnittstelle für einen aktiven Betrachter, der sich entscheiden muß, wie er sich zu dem Motivausschnitt verhält. Indem die Fotografie den Zuschauer und die Welt auf die Probe stellt, verdichtet sich das Theater des Alltags zu einem greifbaren und veränderbaren Bild, in dem die Regie der Dinge und der Menschen verschlüsselt ist.

 

Wolfgang Zurborn - Terra incognita - Fotografien aus Bielefeld - Thumbnails - Anklicken für grössere Ansicht